Sehschärfe – Wie der Vater so der Sohn
Als Gott die Erde erschuf, knipste er erst mal das Licht an. In gewissem Sinne steht es so am Anfang des Schöpfungsberichts (1. Mose 1,3; LU): «Und Gott sprach: ,Es werde Licht. Und es ward Licht.‘« Damit trennte Gott Licht von Finsternis. Bevor er sich also überhaupt an die Arbeit machte, irgendetwas anderes zu erschaffen, wollte Gott, dass es hell ist. Und so enthielten seine ersten uns überlieferten Worte, die er in diese Welt hineinsprach, etwas, das zutiefst seinem Wesen entspricht, welches im Neuen Testament so charakterisiert wird: «Gott ist Licht, in ihm gibt es keine Spur von Finsternis.» (1. Johannes 1,5; GNB).
Nach dem Licht folgten all die anderen Dinge. Und zuletzt schuf der Erfinder allen Lebens den Menschen als «Krönung seiner Schöpfung». Diese seine damalige Welt hatte Gott äusserst gut zusammengefügt, und zwar von Anfang an mithilfe eines ganz grundlegenden Plans, der auf einer guten Beziehung der Menschen zu ihm aufgebaut war und zunächst auch funktionierte: «…und siehe, es war alles sehr gut» (1. Mose 1,31; GNB).
Am Anfang gab es nur Überfluss…
Gottes erster Garten, das Paradies, kannte keine Armut, es gab Überfluss. Doch wer die weitere Entwicklung des Schöpfungsberichts kennt, weiss, dass wenig später etwas ganz Entscheidendes schiefgelaufen ist. Das, was Gott wie Tag und Nacht voneinander geschieden hatte, Licht und Finsternis, vermengte sich wieder. Finsternis nahm im Herzen der ersten Menschen Raum und Herrschaftsanspruch ein.
Ob Adam und Eva historische Personen waren oder mit der Geschichte über den Anfang der Welt nur etwas Grundsätzliches erklärt werden sollte, darüber streiten sich die Theologen seit Urzeiten. Wissen Sie was, das spielt hier überhaupt keine Rolle! Weil es nicht um den Sündenfall an sich geht, sondern um seine Auswirkungen. Und zu denen gehört hauptsächlich die zerstörte Beziehung des Menschen zu Gott. Wie das Ganze damals genau vonstatten gegangen ist, beschreibt die Geschichte des Schöpfungsberichts nicht so sehr, allerdings leben wir mit den Auswirkungen bis heute: Der Mensch wendet sich von Gott ab, geht seine eigenen Wege und verliert deshalb nicht nur die Beziehung zu Gott, sondern auch zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Umwelt. Theologen haben mich darauf hingewiesen, dass der Sündenfall in 38 von 39 Büchern des Alten Testaments einfach keine Rolle spielt. Stimmt, aber nur von der wörtlichen Erwähnung her. Die Auswirkungen der zerstörten Beziehung zu Gott ziehen sich durch alle Bücher des Alten Testaments, vor allem in der wechselhaften Geschichte des Volkes Israel zwischen Gehorsam und dem Gehen eigener Wege. Diese führten sogar dazu, dass die Menschen damals ein wenig länger unterwegs waren als ursprünglich geplant, wenn ich zum Beispiel an die 40-jährige Wüstenwanderung denke…
… dann kamen die Ursachen von Armut
Mit der zerstörten Beziehung zwischen den ersten Menschen und Gott kam weiter Finsteres in die Welt – so auch die Ursachen von Armut: Neid, Habsucht und Egoismus. Erstmals erwähnt findet sich das in 1. Mose 4, 11-12: «Du hast den Acker mit dem Blut deines Bruders getränkt, deshalb stehst du unter einem Fluch und musst das fruchtbare Ackerland verlassen. Wenn du künftig den Acker bearbeitest, wird er dir den Ertrag verweigern. Als heimatloser Flüchtling musst du auf der Erde umherirren.» Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er neidisch darauf war, dass Gott dessen Brandopfer akzeptiert hatte, während sein eigenes verworfen worden war. Wegen dieses vermeintlichen Unterschieds hatte Abel in den Augen seines Bruders sein «Recht auf Leben» verwirkt. Ein blinder Fleck, oder? Denn vielleicht hätte Kain auch besser Filetstücke von den besten Lämmern opfern sollen als Möhren, Gurken und Salat. Die Schuld hatte bei Kain schon viel früher begonnen, denn sein Herz war von Gedanken durchflutet und geleitet, Gott nicht mehr mit dem Besten zu erfreuen. Sein Blick wanderte woanders hin, er konnte Gott nicht mehr unverfälscht ansehen. Er hatte also schon vor dem Brudermord ein Problem mit Gott, das in der Bluttat eskalierte.
Gott bestraft Kains Egoismus hart und verfolgt nach der Ermordung seines Bruders Abel diese Verletzung der Menschenrechte von Anfang an. In Kains Leben wurde es «zappenduster».
Gott schuf den Menschen als ein individuelles, starkes Wesen, das ihm entsprach. Doch durch den Ungehorsam musste Gott seinen ursprünglichen Plan ändern. In der Folgezeit überliess Gott die Menschen nicht sich selbst, sondern tut bis heute alles, um mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Er kümmert sich nach wie vor um ihr Wohl, auch wenn er ihre Entscheidung auf Selbstbestimmung respektiert.
Wer ist Gott – für mich?
Diese Fürsorge Gottes zeigt sich auch in den Namen, die ihm im Laufe der Zeit gegeben wurden. Aus meinem Lateinunterricht während der Schulzeit habe ich nicht sehr viel behalten, aber eine Redensart hat sich eingebrannt: «nomen est omen» – der Name deutet schon darauf hin. Das trifft auch auf Gott zu. Im Grunde sind es drei Namen, die im Alten Testament für Gott verwendet werden:
Jahwe oder auch «JHWH» (das bedeutet: der Ewige, der Unausforschliche, der für die Seinen da ist), Elohim (das bedeutet: der Starke, der zu fürchten ist, aber auch der Schöpfergott) und Adonai (das bedeutet: Mein König, der Versorger des Lebens, der mich bewahrt und dem ich mich anvertrauen kann).
Als Mose nach seiner Begegnung mit Gott am brennenden Dornbusch die Frage stellte, was er denn dem Volk sagen solle, sagte Gott: «Ich bin, der ich bin» (2. Mose 3,14; ELB), beziehungsweise : «Ich bin, der ich bin da», wie es in anderen Bibelübersetzungen heisst. Für den Theologen Erich Zenger beinhaltet das vier Aspekte: «Zuverlässigkeit, Unverfügbarkeit, Ausschliesslichkeit und Unbegrenztheit.»
Wer ist Gott für mich? Von der Beantwortung dieser Frage hängt nicht nur mein Gottesbild, sondern auch mein Weltbild ab. Welche Namen finde ich für Gott? «Der Unnahbare», «der Unsichtbare», «der Schreckliche», «der Richter», «der Angstmacher» oder «der Tröster», «der liebende Vater», «der Helfer», «der Gerechte»? Obwohl ich in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen bin, war Gott für mich viele Jahre unnahbar. Von Jesus hatte ich viele Geschichten gehört und später selbst gelesen. Es hat mir sehr geholfen, als bei mir die Erkenntnis wuchs, dass Jesus und Gott absolut deckungsgleich sind.
Wie ist Gott?
Zur Zeit des Alten Testaments fanden die Menschen verschiedene Formulierungen, Gott beschreiben, wie er ist. Damit vermieden sie, den oder die Namen Gottes direkt auszusprechen, gleichzeitig aber brachte das viel von Gottes Charakter ans Tageslicht – eben «nomen est omen», der Name deutet schon darauf hin. Die Psalmen sind voll davon. Da heisst es zum Beispiel in der Übersetzung nach Martin Luther:
- «Der Herr ist des Armen Schutz, ein Schutz in Zeiten der Not» (Psalm 9,10)
- «Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?» (Psalm 27,1)
- «Mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst» (Psalm 13,6)
- «Gott ist mein Schutz» (Psalm 59,18)
- «Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben» (Psalm 34,19)
- «Sei mein starker Hort, du bist mein Fels und meine Burg» (Psalm 71,3)
Nicht nur in den Psalmen finden wir diese Charakterzüge Gottes. Auch bei Jeremia finden sich Beschreibungen Gottes, in denen er insbesondere als solidarisch mit den Armen vorgestellt wird, und zwar als «Verteidiger der Armen und Waisen» (Jeremia 22,16) oder auch als «Retter der Armen» (Jeremia 20,13). In Jesaja wird er zudem als «Versorger der Armen» (41,17) und «Zuflucht der Armen» (25,4) genannt. Und auch schon in den ersten Tagen des Volkes Israel zeigte sich Gott als «Anwalt der Armen, Unterdrückten und Benachteiligten»: «Er verhilft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht; er liebt auch die Fremden, die bei euch leben, und versorgt sie mit Nahrung und Kleidung. Darum sollt auch ihr die Fremden lieben. Ihr habt ja selbst in Ägypten als Fremde gelebt» (5. Mose 10, 18-19; GNB).
Ein Herz für Arme und Unterdrückte
Allein die Vielfalt dieser Beschreibungen müsste uns schon die Augen dafür öffnen, dass Gott tatsächlich die Armen und Unterdrückten besonders am Herzen liegen. In den Büchern der Propheten wird das am deutlichsten. Immer wieder werden die Armen, die Waisen und Witwen, die Unterdrückten unter einen besonderen Schutz gestellt. Und wer ihnen hilft, der ehrt damit nicht nur Gott, sondern «leiht ihm» (Sprüche 19,17). Die stärkste Solidaritätserklärung mit den Armen findet sich aber in Psalm: «Der Herr hat die ganze Welt geschaffen: den Himmel, die Erde und das Meer, samt allen Geschöpfen, die dort leben. Seine Treue hat kein Ende, er steht zu seinem Wort: Den Unterdrückten verschafft er Recht, den Hungernden gibt er zu essen, die Gefangenen macht er frei. Die Blinden macht er sehend, die Verzweifelten richtet er auf. Er beschützt die Gäste und Fremden im Land und sorgt für die Witwen und Waisen. Der Herr liebt alle, die ihm die Treue halten, aber die Pläne der Treulosen vereitelt er. Der Herr bleibt König für alle Zeiten! Zion, dein Gott wird herrschen von Generation zu Generation!» (Ps 146,6–10; GNB).
All das zeigt, dass Gott sich mit den Armen identifiziert und sich nicht nur auf ihre Seite stellt, sondern ihr Schicksal auf sich bezieht. Und damit auch unseren Umgang mit ihnen. Wenn uns die Bibel also auffordert: «Schaffe Recht dem Elenden und Armen» (Sprüche 31,9), dann sollten wir das genau in diesem Licht. Und das Ganze zeigt sehr deutlich: Gott will nicht nur Herzen und Menschen verändern, sondern auch Verhältnisse und Lebensumstände!
Hierbei ist er selbst das Vorbild. Im fünften Buch Mose zeigt Gott, wie er sich die Fürsorge für die Armen gedacht hat. Für das Volk Israel schuf er eine Sozialordnung, die damals einmalig war. Kein anderes Volk konnte ähnliches aufweisen:
- Das Jubeljahr sorgte alle 50 Jahre dafür, dass das Land den ursprünglichen Besitzern zurückgegeben werden musste, und zwar ohne irgendeine Entschädigung.
- Das Sabbatjahr brachte alle sieben Jahre die Freigabe der Felder, die Befreiung der Sklaven und den Erlass der Schulden. Auch durften die Armen alles ernten, was auf den Feldern und Weinbergen wuchs.
- Grundsätzlich sollte der Zehnte aller Erträge alle drei Jahre komplett für die Fremden, die Waisen, die Witwen und die Leviten (die Tempeldiener) gegeben werden. Und für die Witwen und Waisen gab es so etwas wie ein göttliches «Hartz-IV-Programm» (5. Mose 14,29), verbunden mit dem Versprechen Gottes, wenn die Leute es tatsächlich umsetzten: «Wenn ihr sie gut versorgt, wird der Herr, euer Gott, euch segnen und all eure Arbeit gelingen lassen» (Hfa). Und ebenfalls galt die Aufforderung, bei der Ernte eine Ecke für die Armen stehen zu lassen, damit sie sich bedienen konnten (5. Mose 24,19–21). Begründet wurden all diese Anweisungen damit, dass Gott das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt hatte, wo sie selbst Unterdrückung und Armut erlebt hatten. Gleichzeitig verdeutlichte Gott damit aber auch die logische Konsequenz, was passiert, wenn sein Volk die Armen im Blick hat: «Wenn ihr auf den Herrn, euren Gott, hört und alle seine Weisungen befolgt, die ich euch verkünde, wird es überhaupt keine Armen unter euch geben» (5. Mose 15,4; GNB). Das war Gottes Plan für sein Volk.
Gottes Herz schlägt für die Armen. «Gottes Wesen ist Gerechtigkeit» (Ps 7,1), So waren denn auch diese Anweisungen und Gesetze damals von den Armen her gedacht und nicht von den Reichen. Sie waren nicht zum Schutz der Reichen und ihrer Besitztümer formuliert, sondern zum Schutz der Armen. Dabei ist Gottes Sicht von Gerechtigkeit wichtig: Immer mehr mit seinen Augen die Welt zu betrachten und unser Handeln danach auszurichten.
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.
Datum: 29.04.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»