«Ein Politiker muss Menschen gern haben»
Im Livenet-Talk schlägt Florian Wüthrich einen grossen Bogen von den Anfängen des bekannten Nationalrats über seine Präsenz in der Öffentlichkeit – auch als Christ – bis hin zu seinen Zukunftsplänen im Ruhestand.
Herkunft
Eric Nussbaumer kam im Elsass in einer Familie von Auslandsschweizern und Elsässern zur Welt. Diese Herkunft – zwischen Burgbesitzern und Ferien auf dem Bauernhof – hat ihn genauso geprägt wie der täuferische Hintergrund der Familie. «Alles ist kirchlich engagiert», erklärt er und beschreibt sein Leben mit familiärem Zusammenhalt, kirchlichem Leben, Familienfesten und dem eigenen Engagement in Jungschar- und Jugendarbeit als sehr prägend. «Vieles, was ich gelernt habe, habe ich in der kirchlichen Jugendarbeit gelernt.» Vor allem die Art, mit anderen Menschen umzugehen, was auch im kirchlichen Kontext nicht immer glatt läuft. Organisation von Veranstaltungen lernte er hier genauso wie Konfliktbewältigung und das Tragen von Leitungsverantwortung.
Prägung
Nach einer Ausbildung zum Elektriker und dem Studium zum Elektroingenieur war er mit seiner jungen Familie für ein Jahr in den USA, wo er noch Theologie studierte. Trotzdem arbeitete er anschliessend in der Schweiz im Bereich der erneuerbaren Energien und fühlte sich dabei wohl. Seinen weiteren Weg erklärt er so: «Mit einem Rucksack voll mit Erfahrungen aus anderen Bereichen bin ich in der Politik gelandet.» Zunächst engagierte er sich kommunal, aber nach einigen Fehlversuchen erlangte er ein Mandat im Nationalrat und engagierte sich dort in der Energie- und Aussenpolitik.
Ein gutes und stabiles Verhältnis zu den europäischen Nachbarn war ihm immer wichtig. Im Rückblick hält er fest: «Es ist auch ein Geschenk, wenn man am Schluss der Karriere so gehen darf.» Dazu gehört, dass man Freude hat an der Debatte, an Texten und Themen und dem Unterwegssein mit Menschen. Das ist ihm ganz wichtig: «Man muss Menschen auch gerne haben.»
Dialog und Dankbarkeit
Neben dieser Menschenorientierung betont Eric Nussbaumer die Wichtigkeit des Dialogs. Dies gilt für ihn sowohl in der eigenen Partei und dem Parlament als auch im europäischen Kontext. Man spürt ihm ab, dass es nicht nur Worte sind, wenn er festhält: «Den Dialog suchen und mit anderen im Austausch sein … ist halt so zentral.» Als Florian Wüthrich ihn fragt, welchen Titel er einem Buch über sich selbst geben würde, antwortet er spontan «Privileg», denn trotz mancher Schwierigkeiten sieht er sein Leben und seinen Dienst in der Politik als grosses Privileg.
Herausforderungen
Für Eric Nussbaumer sind die aktuellen weltpolitischen Umwälzungen die krasseste Herausforderung der Gegenwart. Gerade mit Blick auf Russland und die USA sieht er eine erstarkende Grossmachtpolitik, die ihm Sorgen bereitet und auch persönlich belastet. Dazu kommt für ihn aus christlicher Perspektive der religiöse Nationalismus: «Das macht etwas kaputt … von der befreienden Dimension der christlichen Tradition und vom christlichen Glauben.»
Erfolge
Nach seinen eigenen Erfolgen in der Politik befragt, wiegelt er erst ab: «Wenn man im Parlament ist, dann ist es sowieso nicht so extrem, dass man etwas alleine gemacht hat.» Er freut sich aber über die Energiestrategie 2050, die er 2017 für die Schweiz mit auf den Weg bringen konnte, und etliche europapolitische Fragen, in denen die Schweiz «jetzt ein gutes Paket abgeschlossen hat». Dabei sieht er allerdings mehr den Gedanken des Privilegs als den eigenen Verdienst.
Perspektive
Wenn der Nationalrat in diesen Tagen in den Ruhestand geht, wird er sich nicht völlig aus der Politik verabschieden: Demokratiebildung wird er über die eigene Stiftung weiterhin fördern, auch sein Amt als Präsident der Europäischen Bewegung Schweiz wird er weiterführen. Gleichzeitig freut er sich auf mehr Zeit mit seiner Familie, vor allem mit seinen sieben Enkelkindern, die ihm schon manches Mal spiegelten: «Grossvati ist entweder nicht da oder er ist müde.» Die Termine als Chauffeur zum Sport oder einem Konzert sind fast schon gebucht. Gefragt, ob er auch als politischer Mentor zur Verfügung steht, meint er nur: «Ich habe jetzt nicht so eine Coaching-Strategie vor mir. Aber wenn morgen jemand kommt und sagt: Können wir mal einen Kaffee trinken?, dann mache ich das…»
Zum Talk:
Datum: 25.04.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet