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Glaube ade? Eine Sternstunde-Sendung gibt zu denken

Niklas Walder, Nicolas Matter und Michael Zachwey reagieren auf das SRF-Interview
Die SRF-Ostersendung «Sternstunde Philosophie» mit dem ungläubigen Religionssoziologen Detlef Pollack zeigte den Bedeutungsverlust des Glaubens schonungslos auf. Wo stösst seine Deutung an Grenzen?

Dass die Säkularisierung voranschreitet und die Gruppe der Religionslosen in der Schweiz und in ganz Europa stark wächst, ist längst bekannt. Professor Stefan Schweyer von der STH Basel hatte anhand neuester Zahlen am 2. Oktober 2025 im Livenet-Talk den schwindenden Einfluss aufgezeigt. Die Gesellschaft gewöhne sich an einen Lebensstil, in dem Gott gar keinen Platz mehr hat, so die ernüchternde Analyse. Natürlich schlägt sich dieses Desinteresse in den Statistiken nieder: Die Landeskirchen beklagen eine Welle von Kirchenaustritten und auch die Freikirchenszene stagniert oder schrumpft sogar leicht.

«Religion weltweit im Sinkflug»

Erst recht niederschmetternd war die Einschätzung des deutschen Religionssoziologen Detlef Pollack in der Sendung «Sternstunde Philosophie», die am Ostersonntag auf SRF ausgestrahlt wurde. Der Gottesglaube sei auf dem Weg, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Selbst im Iran und in den USA verlöre die Religion an Rückhalt, sagt Pollack. Wer nun meine, die Menschen kehrten der Religion den Rücken, fänden aber Zuflucht in alternativen Formen der Spiritualität wie Meditation, Yoga oder Schamanismus, liege ebenso falsch. Auch Spiritualität nehme weltweit ab.

Das «Sternstunde Philosophie»-Gespräch von Barbara Bleisch mit Detlef Pollack wühlte wohl einige auf, da es stark im Kontrast zu Meldungen über geistliche Aufbrüche steht (zum Beispiel in Frankreich, England, Iran usw.). Wie soll ich mit dieser Einschätzung umgehen?, fragte auch ich mich.

Logisch ist, dass ein nüchterner Religionswissenschaftler, der selbst gar nicht glaubt, die strukturelle Entwicklung im Blick hat, was ja auch wertvoll ist. Ebenso klar ist, dass ich als gläubiger Journalist darauf tendiere, lebendige Phänomene stärker zu gewichten. Da war mir die Sternstunde-Sendung erneut eine mahnende Erinnerung, ein paar Tausend Konversionen besser nicht gleich als Trend zu bewerten, aber mir auch nicht durch den negativen Gesamttrend die Freude über das nehmen zu lassen, was Gott tut.

Hilfreiche Aufarbeitung von «Glaube & Gesellschaft»

Äusserst dankbar war ich, als die Freunde des Zentrums «Glaube & Gesellschaft» der Universität Freiburg in einem Gespräch auf die SRF-Sendung reagierten. Einem ungläubigen Religionssoziologen die Deutungshoheit über Glauben zu geben, finden Nicolas Matter und Michael Zachwey im Gespräch aus mehreren Aspekten frag- oder zumindest diskussionswürdig, wie sie im Video-Podcast mit Gastgeber Niklas Walder erläutern.

Dr. Nicolas Matter, Co-Studienleiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentrum Glaube & Gesellschaft, vermisst im SRF-Talk die Perspektive eines ernsthaften Glaubens. Pollack bewege sich stark im Kulturchristentum, wo man Kirchenmusik schätzt und christliche Werte anerkennt, jedoch auf Distanz bleibt. Beim Thema «Christfluencer», die Glauben als Mittel zu mehr Erfolg oder Schönheit darstellen, kritisiert Matter den unterschwelligen Ton: Es wirke, als wähle man Glauben nur, weil er ins Leben passe oder Vorteile bringe. Dass jemand im Glauben an Gott eine Wahrheit erkennt, die seine ganze Existenz prägt, komme bei Pollack nicht vor.

Viel mehr als Kultur oder ein Hobby

Glaube sei mehr als eine Option unter vielen, stellt Nicolas Matter fest. «Es geht nicht nur darum, ob ich jetzt eine Spazierfahrt mit der Familie mache, noch ein bisschen Netflix schaue oder doch in den Gottesdienst gehe.»

Theologe Michael Zachwey betont im Gespräch ebenfalls die Schwäche, dass man nur aus der Warte eines ausgeprägten Kulturchristentums diskutiert habe. «Natürlich haben die 60er-Jahre einen Kulturumbruch bezüglich Autonomie und Selbstverwirklichung gebracht, der sich auf das Glaubensleben bis heute massiv auswirkt. Da geben wir Detlef Pollack bestimmt recht. Aber der Glaube ist nicht einfach eine Option unter vielen, wie ein Hobby.» Merkwürdig findet Zachwey auch, dass Pollack die letzten Fragen des Lebens, also nach dem, woher wir kommen und wohin wir gehen, als «esoterisch» bezeichnet.

Zum Video:

Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte Flo vom Lokalradio zu Livenet in Bern, wo er als Chefredaktor, Talkmaster und Brückenbauer in der christlichen Szene wirkt. Sein Anliegen ist es, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren. 

Datum: 13.04.2026
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

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