Persönlicher Impuls

«Wer Einfluss besitzt, dem schmeicheln die Leute»

Wir sollten in unserem Umfeld ehrliche Gespräche über Erwartungen führen
In der Theorie ist uns allen bewusst, dass wir unseren Besitz und all unseren Einfluss mal wieder abgeben müssen. Umso mehr sollten wir lernen, uns nicht in der Anerkennung zu sonnen, die sich vielleicht auf unseren Titel bezieht.

«Wer Einfluss besitzt, dem schmeicheln die Leute.» 
Sprüche 19,6a / BasisBibel

Daniel Zindel, der langjährige Leiter der Stiftung «Gott hilft», sprach im IDEA-Magazin vom 10. Juni 2026 offen darüber, wie radikal sich alles ändert, wenn man raus ist aus der Verantwortungsposition. «Wenn du die Position nicht mehr innehast und auch keine Netzwerke mehr zur Verfügung stellen kannst, merkst du, wer an dir als Person interessiert war und wer einfach mit dir vernetzt sein wollte.» Heute würde er die Gewichte in seinen Beziehungen etwas anders setzen, so der Bündner Pfarrer und Autor (u.a. «Hüttenzeit» und «Hirtenzeit»). Wenn er noch einmal von vorne beginnen könnte, würde er mehr in Freundschaften investieren, so Zindel. Aus seinem damaligen Netzwerk seien fünf Beziehungen geblieben, in denen man sich wirklich regelmässig treffe.

Vorsicht bei schmeichelnden Worten

Gerade Menschen in leitenden Aufgaben sollten nicht der Illusion erliegen, dass die schmeichelnden Worte stets auf ihre Person zielen. Oft wollen sich Menschen auch in eine gute Position bringen oder erhoffen sich einen gewissen Vorteil daraus, wenn sie in der Gunst einflussreicher Menschen stehen. Dieses Verhalten ist völlig natürlich und menschlich. Auch ich habe mich beim Interview mit NHL-Star Roman Josi für die Hope-Kampagne zur Eishockey-WM dabei ertappt, dass ich nervöser war als sonst. In diesen Momenten will man auf keinen Fall etwas Dummes oder Peinliches sagen. Bestimmt kennst du das auch.

Der Umstand, dass zahlreiche Beziehungen an eine Verantwortungsposition oder ein Arbeitssetting geknüpft sind, liegt in der Natur der Sache. Auch wenn wir uns vor einer übertriebenen Lobhudelei hüten sollten (Führungskräfte durchschauen die wahren Motive ohnehin öfter als man denkt), dürfen wir diese Dynamik ganz wertfrei als Teil der Spielregeln hinnehmen. Als soziale Wesen lassen wir uns immer beeinflussen, orientieren uns an Vorbildern und sind im Umkehrschluss in der «mächtigen Position» nicht gefeit, aus diesem Bauchpinseln des Umfelds falsche Schlüsse zu ziehen.

Sich nicht an den Schafen weiden

Deshalb sollten wir uns stets vor Augen halten, dass wir Diener bleiben, wie Jesus uns dies vorgelebt hat. Thomas Härry mahnt in seinem Buch «Die Seele des Leitens», dass Leiter sich manchmal gerne an ihren Schafen weiden, anstatt ihre Schafe zu weiden. Ich liebe die Stelle in 1. Petrus 5 (LUT) zu diesem Thema. Hier wird Jesus als der Hirte aller Hirten, der «Erzhirte», ins Zentrum gestellt. Petrus bringt sehr klar auf den Punkt, worauf das Herz eines Leiters achten sollte:

«Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.»

Für mich bedeutet dies auch, mein Ego zu begrenzen. Mir gefällt, was der millionenfach abonnierte Podcaster Matze Hielscher («Hotel Matze») neulich im Podcast «Sternstunde Philosophie: Zimmer 42» bei Barbara Bleisch gesagt hat. Nach genau 1'000 Folgen seines Interview-Podcasts werde er aufhören. Er hat sich also ein klares Ablaufdatum gesetzt, um zu wissen, wie man rechtzeitig aufhört, lässt sich aber die Hintertür offen, eventuell noch 111 weitere Episoden anzuhängen. Mir gefällt dieser Gedanke, weil damit klar signalisiert wird, dass all mein Einfluss und meine Möglichkeiten ein Ablaufdatum haben.

In echte Freundschaften investieren

Wie schon das Beispiel von Daniel Zindel zum Einstieg gezeigt hat, sollten sich Führungskräfte keine Illusionen machen. Die Leute, die applaudieren, tun dies manchmal vielmehr wegen deiner Position, nicht wegen deiner Person. Darauf muss besonders in christlichen Gemeinschaften, wo intensiv Leben geteilt wird, geachtet werden. Daniel Zindel beschreibt dies im bereits erwähnten IDEA-Artikel eindrücklich: «Es ist eine Falle, dass gerade dann, wenn man ganzheitlich in einem Werk lebt, führt und betet, Arbeitsgemeinschaften mit einem hohen freundschaftlichen Anteil entstehen.»

Gott sei Dank habe ich schon in jungen Jahren begonnen, in vier Freundschaften regelmässig Zeit zu investieren. In meinem Fall sind es zwei Freundschaften innerhalb der Kirche und zwei Freundschaften, die seit der Jugendzeit geblieben sind. Ich bin überzeugt, dass diese vier Freundschaften bis ins hohe Alter bestehen bleiben.

Die Erwartungen klären

Die menschliche Gefahr ist, dass man insgeheim zu hohe Erwartungen in Beziehungen legt. Letztlich entscheidet sich in dieser Frage, wo meine Identität wirklich verankert ist. Paulus ermahnt uns in 1. Korinther 7,29-30 sogar, dass wir uns nicht an unseren Ehepartner festklammern sollen: «Denn eins steht fest, Brüder und Schwestern: Wir haben nicht mehr viel Zeit. Deshalb soll von nun an für die Verheirateten ihr Partner nicht das Wichtigste im Leben sein. Wer weint, soll sich von seiner Trauer nicht gefangen nehmen lassen, und wer sich freut, lasse sich dadurch nicht vom Wesentlichen abbringen. Wenn ihr etwas kauft, betrachtet es so, als könntet ihr es nicht behalten.» (HFA)

Eine krasse Aussage, die aber auch befreiend sein kann. Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht, sowohl im privaten wie im geschäftlichen Umfeld ehrliche Gespräche über Erwartungen zu führen. Vielleicht wäre es auch bei dir dran, mal die «Pause»-Taste zu drücken und in einer Beziehung ein paar ehrliche Fragen zu stellen:

  • Was erhoffst du dir von unserer Beziehung?
  • Geht es hier um eine Arbeitsbeziehung oder siehst du in mir einen Freund im Leben?
  • Welchen Platz hat Jesus aktuell in deinem Leben? Bist du aufmerksam, ihn als zuverlässigsten Freund und Ratgeber zu hören?

Solche Gespräche schützen vor Enttäuschungen. Ich empfehle dir, eine gute Ausgewogenheit zu finden. Manchmal ist man Mentor, weil man etwas zu geben hat. In anderen Beziehungen profitiert man von der Lebenserfahrung eines Menschen. Es lohnt sich, ehrlich hinzuschauen und sich die Frage zu stellen:

Wo gebe ich etwas weiter von dem, was mir Gott geschenkt hat, wo ist es ein gleichberechtigtes Geben und Nehmen und wo bin ich am Auftanken?

Zu weiteren Beiträgen aus der Sprüche-Serie:
Dossier: Zur Sprüche-Kampagne

Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er liebt es, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren und als Brückenbauer in der christlichen Szene zu wirken. Flo ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte er vom Radio- in den Online-Journalismus zu Livenet. 2023 hat er die Verantwortung als Livenet-CEO übernommen. Als Talkmaster, Redaktor und Redaktionsleiter Hope Schweiz bringt er seine Stimme jedoch weiterhin auf allen Livenet-Portalen ein.

Datum: 26.06.2026
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

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