Nachgefragt

Mit Verhandlungsgeschick befähigen

Philipp Hadorn trug sein Pin auch während seiner politisch aktiven Zeit
Ein Markenzeichen des Sozial- und Verkehrspolitikers sowie Beraters Philipp Hadorn ist der «Fischli-Pin» an seinem Anzug. Als Nationalrat oder Gewerkschaftssekretär zwischendurch auch im TV zu sehen, zeigt er die Wichtigkeit seines Glaubens.

Seine Leitungserfahrungen, die sich im Einsatz für Menschen auszeichnen, spiegeln eine eindrückliche Liste von Engagements: Zentralsekretär der Gewerkschaft SEV, Präsident vom Blauen Kreuz Schweiz (2012-2025), Kirchgemeinde-Präsident (1996-2010), Präsident der IG pro VEBO (führende Institution im Kanton SO zur Förderung von Personen mit Beeinträchtigung), Nationalrat (2011-2019), Stiftungsrat der Heilsarmee Schweiz und viele mehr. So stellt Philipp Hadorn (59) seinen vielseitigen Erfahrungsschatz von Verhandlungen und Begleitung in Change-Prozessen heute Einzelpersonen bis hin zu grösseren Organisationen zur Verfügung.

Im Livenet-Interview geht’s um das Finden und Halten von Freiwilligen, kompetentes Zuhören und den Ehering mit Bibelvers. Gegenüber Livenet-Redaktor Roland Streit erzählte der in Gerlafingen (SO) lebende dreifache Vater aus seinem vielseitigen und reichen Leben.

Würdest du uns kurz deine aktuellen Funktionen und Mandate aufzählen?
Philipp Hadorn:
Im Moment sind es rund ein Dutzend Mandate. Den grössten Teil meiner Arbeitszeit beansprucht mein gewerkschaftliches Engagement als Zentralsekretär und Präsident einer Gewerkschaft. Damit verbunden sind Einsitze in Dachorganisationen und verschiedenen Gremien. Daneben bin ich als Friedensrichter tätig. Eine weitere Aufgabe ist das Präsidium der IG pro VEBO, einer Institution zur beruflichen und sozialen Integration mit über 1'800 Mitarbeitenden. Zudem bin ich Stiftungsrat der Heilsarmee Schweiz und leite dort die Wiedergutmachungskommission für ehemalige Heimkinder. Hinzu kommt die Geschäftsführung der Parlamentarischen Gruppe Christ & Politik, ein internationales Engagement für die Methodistische Kirche und weiteres.

Welche Erfahrungen waren für dich besonders?
Für mich ist weniger entscheidend, welche Funktionen ich innehatte oder habe, sondern worauf mein Leben gegründet ist. Seit rund 42 Jahren ist in meinem Ehering «Phil. 4,13» eingraviert: «Ich vermag alles durch den, der mich stark macht, Christus.» Dieser Vers hat Herausforderungen und Schwierigkeiten in meinem Leben immer wieder relativiert. Wir Menschen neigen dazu, unsere Bedeutung zu überschätzen. Ich weiss zwar sehr genau, was ich gerne tue: gestalten, Verantwortung übernehmen und Veränderungen ermöglichen. Seit Jahrzehnten darf ich in Politik, Wirtschaft und Non-Profit-Organisationen auf strategischer und operativer Ebene mitwirken. Das erfüllt mich mit Freude. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich nicht der Nabel der Welt bin.

Als junger Mann war ich überzeugt, dass ich als Christ keinen Militärdienst leisten sollte. Damals gab es noch keinen Zivildienst. Dafür wurde ich zu fünfeinhalb Monaten Gefängnis verurteilt. Diese Erfahrung hat mir eindrücklich gezeigt, wie stark staatliche Entscheide in das Leben von Menschen eingreifen können. Später, als Kantons- und Nationalrat, hat mich das für die Verantwortung politischer Entscheidungen sensibel gemacht. 

Eine zweite prägende Erfahrung war meine Nicht-Wiederwahl in den Nationalrat im Jahr 2019. 2011 gelang mir die erste Wahl. Nach zwei Legislaturen gelang die Wiederwahl nicht mehr. Natürlich war ich enttäuscht. Dennoch sagte ich damals: «Es ist nur gerade meine kleine Welt, die zusammengebrochen ist. Andere Menschen prägen nun ihrerseits mit ihren Farben und Fähigkeiten unsere Gesellschaft.»

Meine Erfahrung ist jedoch, dass ehrliches Verständnis für die Anliegen der Gegenseite oft dazu führt, dass auch Verständnis für die eigene Position wächst.

Du hast oft mit Konflikten und Krisensituationen zu tun. Was hat sich dabei bewährt?
Zuhören. Das klingt einfach, ist aber oft die grösste Herausforderung. Es geht darum, die Bedürfnisse der verschiedenen Parteien wahrzunehmen, zu benennen und Menschen dabei zu helfen, auch Andersdenkende besser zu verstehen. Besonders bei Verhandlungen für Gesamtarbeitsverträge versuche ich aufzuzeigen, wie wichtig faire Spielregeln sind. Menschen sollen einen gerechten Anteil an dem erhalten, was gemeinsam erwirtschaftet wird. Risiken dürfen nicht einfach auf die schwächere Partei überwälzt werden. Gerade wenn es um konkrete Beträge oder Interessen geht, kommt es zu Spannungen. Meine Erfahrung ist jedoch, dass ehrliches Verständnis für die Anliegen der Gegenseite oft dazu führt, dass auch Verständnis für die eigene Position wächst. Demnächst läuft eine Urabstimmung über ein Vertragswerk, an dem ich mehrere Monate gearbeitet habe. Ziel ist es, langfristige Stabilität, Sicherheit und ein Stück mehr Gerechtigkeit zu schaffen.

Du begegnest unterschiedlichsten Menschentypen. Wie gehst du damit um?
Ich mag Menschen – auch Andersdenkende, Andersglaubende oder Menschen, die auf den ersten Blick etwas «schräg» wirken. Gleichzeitig gehe ich ja davon aus, dass andere mich in gewissen Bereichen ebenfalls als schräg erleben. (lacht) Dieses Bewusstsein hilft, entspannter miteinander umzugehen. Unterschiedlichkeit muss nicht trennen. Im Gegenteil: Sie kann verbinden und bereichern.

Wie hat sich dein Führungsverständnis im Laufe der Jahre verändert?
Grundsätzlich nicht. Ich durfte Menschen in ganz unterschiedlichen Funktionen kennenlernen und habe viele verschiedene Führungsstile erlebt, auch mitgeprägt. Diese Vielfalt fasziniert mich bis heute. Persönlich bin ich vermutlich nachsichtiger geworden, besonders wenn Menschen an ihre Grenzen kommen. Gleichzeitig lege ich nach wie vor grossen Wert auf Verbindlichkeit. Partizipation ist wichtig, aber sie braucht klare Rollen und Verantwortlichkeiten. Führung muss reflektiert, definiert und konsequent gelebt werden.

Führung muss reflektiert, definiert und konsequent gelebt werden.

Philipp Hadorn ist auch handwerklich aktiv - zu Hause im Garten

Wie gewinnt und hält man freiwillige Mitarbeitende?
Der wichtigste Schlüssel ist die eigene Begeisterung. Menschen lassen sich von Menschen inspirieren, die selbst mit Überzeugung engagiert sind. Daneben braucht es Wertschätzung. Diese muss zeitgemäss sein und sich immer wieder neu ausdrücken. Organisationen sollten etwa alle fünf Jahre prüfen, ob ihre Formen der Anerkennung und Mitarbeit noch zu den Bedürfnissen der Menschen passen.

Wie unterstützt dich Gott in deinem Alltag?
Ich weiss gar nicht, wie mein Leben ohne Gott aussehen würde. Er war schon da, bevor ich bewusst denken konnte, und ist bis heute an meiner Seite. Ich fühle mich getragen und geborgen. Dadurch entsteht eine grosse innere Freiheit. Ich bin nicht abhängig von der Anerkennung oder Zustimmung anderer Menschen. Mit Gott an meiner Seite fühle ich mich schlichtweg frei und «safe». Das ist ein grosses Geschenk.

Wie sehen deine Hoffnung und Wünsche für die Zukunft unserer Gesellschaft aus?
Meine Hoffnung wird in einem bekannten Gebet von Reinhold Niebuhr ausgedrückt: «Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.» Ich wünsche mir, dass sich noch mehr Christen mit Begeisterung und Tatkraft für positive Veränderungen einsetzen. Die Möglichkeiten dazu sind enorm. Wenn wir unsere Verantwortung wahrnehmen, könnten wir viel Not lindern und Ungerechtigkeit abbauen. Reich Gottes würde dadurch ein Stück sichtbarer werden.

Mehr zur Person findest du hier:
philipp-hadorn.ch

Zum Autor: Roland Streit liebt Wort-Spielereien und -Schöpfungen. Er sieht es als Privileg beruflich mit Sprache arbeiten zu können. Als Verkäufer hatte er meist persönlich und mündlich gewirkt, später in der Jugendarbeit kam noch mehr Schriftliches dazu. So fand er im Radio die journalistische Kombination und seit rund zehn Jahren bei Livenet die nächste Station (nicht Radio-Station).

Datum: 20.06.2026
Autor: Roland Streit
Quelle: Livenet

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