«Wer Getränke reicht, bekommt auch zu trinken»
«Wer für andere ein Segen ist, wird selbst beschenkt. Wer Getränke reicht, bekommt auch zu trinken.» Sprüche 11,25 / BasisBibel
John C. Maxell, weltweit einer der tonangebenden Experten zu Leadershipfragen, schreibt in seinem Buch «Change Your World», echte und vertrauensvolle Kollaborationen seien der entscheidende Schlüssel, um positive Veränderungen zu bewirken. Er spricht dabei gerne von «Transformationstischen». Als Treibstoff, der Transformation möglich macht, nennt Maxwell Grosszügigkeit, also das Gegenteil von Eigennutz.
Vertrauen steckt tief in der Krise
Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker, der immer wieder daran glaubt, dass Grosszügigkeit auch beim Schenken von Vertrauen am Ende zu unglaublichen Ergebnissen führen kann. Das erlebe ich als Geschäftsführer sowohl gegen Innen mit dem Livenet-Team als auch in Kooperationen mit Kirchen, Unternehmen und anderen Organisationen. Gleichzeitig beobachte ich mit Sorge, wie unser Land mehr und mehr von Misstrauen geprägt ist.
Wir stehen zwei Tage vor der Abstimmung zur «10-Millionen-Schweiz»-Initiative, die Gräben aufgerissen hat, wie schon lange nichts mehr. Da war so viel Wut spürbar, so viel Gift und Galle in den Kommentarspalten wurde gespuckt. Ich frage mich, ob unsere Demokratie als Wertegemeinschaft des Vertrauens diese kritische Phase überstehen wird. Werden wir uns zusammenraufen können, Meinungen auszuhalten, ohne Hetzjagden loszutreten? Wenn Bundesräten eine schlimme Krankheit gewünscht wird, wie aktuell im Fall von Beat Jans, dann ist der soziale Frieden in unserem Land gefährdet. Auch wenn sich Bundesrat Jans im Abstimmungskampf ungeschickt polemisch geäussert haben mag, rechtfertigt das keine solchen Hasstiraden.
Lassen wir Pascal Schmitz weiterleben?
Desgleichen der SRF-Reporter Pascal Schmitz, der von vielen wütenden Bürgern nach der Fischer-Affäre als Verräter der Nation gebrandmarkt wird. Bekommt ein Mensch wie er eine zweite Chance oder wird er nun als Journalist und Person gnadenlos wegradiert? Zu diesen Spannungsfeldern habe ich im aktuellen Livenet-Talk mit Theologe und Leadership-Experte Thomas Härry einige Gedanken ausgetauscht. Härry betonte in diesem Gespräch auch, wie sehr wir Menschen Helden und Sündenböcke lieben. «Wir müssen auch die Tür der Vergebung offen lassen», so Thomas Härry. (Hier geht es zum ganzen Talk)
Wir Christen, durch die an der Liebe zueinander die Herrlichkeit Gottes in dieser Welt sichtbar werden soll, stehen ungleich stärker vor der Bewährungsprobe. Können wir die Differenzen aus dem kollektiven Covid-Trauma hinter uns lassen und uns versöhnen? Können wir einander wieder respekt- oder sogar liebevoll begegnen? Was ist dafür nötig?
Kurz eine Klammerbemerkung: Im Business ist heute vielen klar, was die stärkste Währung ist: Vertrauen! Caroline von Kretschmann vom Luxushotel in Heidelberg sagte Ende Mai in einer Zeitungsbeilage zum «Swiss Economic Forum», in Krisenzeiten seien Glaubwürdigkeit, Klarheit und Haltung die entscheidenden Faktoren. Man kann diese Werte subsummieren unter dem Begriff Vertrauen. Dazu die erfolgreiche Hotelmanagerin: «Vertrauen reduziert Komplexität und schafft die Möglichkeit, gemeinsam handlungsfähig zu bleiben.» Stephen M.R. Covey bringt es im New York Times-Bestseller «Schnelligkeit durch Vertrauen» noch deutlicher auf den Punkt: «Markterfolg ist monetarisiertes Vertrauen.»
Sanft, aber gerecht
Am Lausanner Weltkongress 2024 in Seoul haben sich die Teilnehmenden in einem «Collaborative Action Commitment» zu verstärkter Kooperation zugunsten der gemeinsamen Mission verpflichtet. Die Silo-Mentalität, bei der jeder nur für sich selbst schaut, soll überwunden werden. Die Frage an die prägenden Kräfte im Leib Christi (genau genommen sind das alle Christinnen und Christen!) ist also: Werden wir es schaffen, einander wieder zu vertrauen oder zumindest zuzuhören? Auf dieser Basis kann Grosszügigkeit gelebt werden, wie sie in Sprüche 11,25 mit dem Reichen der Getränke formuliert wird.
Jesus beschreibt sich selbst als «sanftmütig und von Herzen demütig» (Matthäus 11,29). In der Theologie wird dies oft als absolute Kraft unter Kontrolle verstanden, gepaart mit Geduld, Barmherzigkeit und innerer Stärke.
Lassen wir uns nicht den Frieden rauben, der uns Christen auszeichnen sollte! Dieses Sanfte und Milde, das Jesus vorgelebt hat. Natürlich gepaart mit Gerechtigkeitssinn und Einstehen für Wahrheit. Aber die Demut, jederzeit fehlbar und daher von der Gnade abhängig zu sein, darf uns nicht abhandenkommen.
«Dumme Menschen reden in einem fort»
Wenn wir uns von der politischen Diskussionskultur anstecken lassen, bleibt die Liebe, die unser Markenzeichen sein sollte, irgendwann auf der Strecke. Wir sind alle herausgefordert, in der jetzigen Zeit mit gutem Beispiel voranzugehen. Es fängt damit an, in Gesprächen Milde walten zu lassen gemäss Kolosser 3,13: «Ertragt euch gegenseitig und vergebt euch, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so müsst auch ihr vergeben.»
Oder Sprüche 15,1-2 sollten uns in diesen Tagen allen eine Mahnung sein:
«Eine freundliche Antwort dämpft den Zorn, aber ein verletzendes Wort steigert ihn. Kluge Menschen wählen ihre Worte so, dass man ihr Wissen gern annimmt. Dumme Menschen reden in einem fort, doch es kommt nur Unsinn dabei heraus.» Sprüche 15,1-2 / BasisBibel
Mein Plädoyer für mehr Grosszügigkeit und Vertrauen ist keine politische Botschaft, was beispielsweise unsere Migrationspolitik (10-Millionen-Schweiz lässt grüssen) betrifft. Mir geht es um die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, wenn der Druck zunimmt, egal ob am Sonntag ein Ja oder ein Nein resultieren wird.
Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er liebt es, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren und als Brückenbauer in der christlichen Szene zu wirken. Flo ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte er vom Radio- in den Online-Journalismus zu Livenet. 2023 hat er die Verantwortung als Livenet-CEO übernommen. Als Talkmaster, Redaktor und Redaktionsleiter Hope Schweiz bringt er seine Stimme jedoch weiterhin auf allen Livenet-Portalen ein.
Datum: 12.06.2026
Autor:
Florian Wüthrich
Quelle:
Livenet