Aussäen: Durch Verschwendung traumhafte Rendite erzielen
«Die übrigen Körner aber fielen auf fruchtbaren Boden und brachten das Hundert-, Sechzig- oder Dreissigfache der Aussaat an Ertrag.» Matthäus 13,8
Traumhafte Renditen fallen nicht einfach vom Himmel
Keine Frage: Die Rendite, die in diesem Vers in Aussicht gestellt wird, ist atemberaubend. Ich weiss nicht, wie das bei dir ist – ich jedenfalls würde mich schon mit der kleinsten Prognose, dem Dreissigfachen, zufriedengeben. Das wäre mehr als nur ein gutes Geschäft!
Erinnerst du dich noch an Fulbert Steffenskys Worte aus dem vorangegangenen Kapitel? An diese Oberflächlichkeit, mit der wir bei biblischen Texten zu kämpfen haben? Und dass uns die Worte Jesu nur schwerlich in Bewegung versetzen könnten? Nun, so viel sei schon jetzt verraten: Wir werden uns auch in diesem Kapitel damit auseinandersetzen müssen.
Vergiss das bitte nicht: Das ganze Buch, das du in deinen Händen hältst, hegt ja grundsätzlich den Anspruch, es mit Worten Jesu zu tun zu haben, die kraftvoll sind, Veränderung ermöglichen und dir für dein Führungsverhalten neue Perspektiven schenken können.
Auffällig ist: Wir haben es beim aktuellen Vers mit einem besonderen Phänomen zu tun. Einem fruchtbaren Boden, der sagenhafte Erträge abwirft. Was wir dabei bedenken müssen: Es handelt sich um den Schlussteil eines Gleichnisses, das Jesus erzählt und selbst ausgelegt hat. Ist es also reine Rosinenpickerei, die ich hier betreibe, wenn ich ausgerechnet diesen einen Vers aus dem Gesamtkonstrukt des Gleichnisses «herausbefördere»?
Keine Sorge, da kann ich dich gleich wieder beruhigen: Unser Vers markiert zwar den eigentlichen Höhepunkt, aber wir werden uns auch mit anderen Aspekten des Gleichnisses beschäftigen. Unser Weg wird nämlich so sein, dass wir uns Schritt für Schritt an diesen Vers herantasten, indem wir alle relevanten Facetten des Gleichnisses aufgreifen. Und das aus gutem Grund: Traumhafte Renditen fallen nicht einfach so vom Himmel. Das wusste bereits Jesus ganz genau!
Verschwende das Evangelium!
Bevor wir uns auf diesen Weg begeben, noch drei Anmerkungen zum besagten Gleichnis. Bei dessen Auslegung stösst man immer wieder auf Hinweise, die den Vorwurf zu entkräften versuchen, dass hier eigentlich ein stümperhafter Sämann am Werk sei, der sich nicht, wie es «richtig» wäre, zuallererst ans Pflügen mache – und der obendrein durch sein gewähltes Vorgehen einen Grossteil der Aussaat mutwillig verschleudere. Seine Herangehensweise, so diese Erklärungen, würde den damaligen landwirtschaftlichen Gepflogenheiten, die uns heute überaus fremd erscheinen mögen, entsprechen. Hinter solchen Diskussionen steht natürlich auch die konkrete Sorge, dass Jesus unter Umständen ein Gleichnis erzählt hätte, das aus landwirtschaftlicher Sicht überhaupt keinen Sinn macht.
Der zweite Aspekt vermag das Vorgehen des Sämanns noch in einem anderen Licht erscheinen lassen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht nicht etwa darum, die oben erwähnte Erklärung zur damaligen Praxis des Säens zu relativieren. Beides kann vielmehr komplementär verstanden werden. Dieser zweite Aspekt besagt, dass der Sämann nicht einfach gedankenlos seine Saatkörner verschleudert, sondern sie ganz bewusst verschwendet, um möglichst viel Wachstum, auch an den ungünstigsten Stellen, zu ermöglichen.
Natürlich ist das schon eine Art Übertragung, die die Auslegung Jesu, dass es sich beim Samen um das Wort Gottes handle (Vers 19ff), aufnimmt. Aber wir sollten immer denjenigen sehen, der dieses Wort aussät – eben den besagten Sämann. Es gibt keine unpassende Gelegenheit für die Verkündigung des Evangeliums! Wir sollen (und müssen) nicht erst etwas bearbeiten, zurechtrücken oder gar bestimmte Gebiete meiden. Ja, wenn es um die Worte Jesu geht, dann dürfen wir als Säende verschwenderisch sein.
Die dritte Anmerkung betrifft die vier Bodenarten, mit denen wir es zu tun haben. Man kann ja schnell dazu übergehen, die drei unfruchtbaren Arten dahingehend zu deuten, dass wir als Christinnen und Christen – Gott sei Dank – Bodenverhältnisse aufweisen konnten, die sich als fruchtbar erwiesen haben. Mit den übrigen Arten hätten wir dann im Prinzip gar nichts am Hut. Andere Menschen hingegen, bei denen das Wort auf keine Resonanz stösst, wären demnach die Gelackmeierten, bei denen ein Grund vorzufinden ist, der dem Weg, dem Felsen oder den Dornen entspricht. Bedauerlicherweise natürlich…
Aber ist das wirklich das, was uns Jesus hier im Kern sagen will? Und entspricht dieses exklusive Denken, bei dem wir mit den anderen Bodenarten noch nicht einmal hin und wieder zu kämpfen hätten, wirklich den Tatsachen? Es mag uns zwar nicht gefallen, aber spätestens hier holt uns wieder der Mahner Steffensky ein. Daher wollen wir alle vier Bodenarten auf uns selbst beziehen und nicht überheblich davon ausgehen, dass bei uns ausnahmslos gute Bodenverhältnisse vorliegen würden. Zweifellos, zumindest, wenn wir ehrlich sind: So manches Wort versandet auf unseren egoistischen Wegen, verliert sich in den Felsregionen unserer innersten Abgründe oder liegt unter den Dornen unserer Geschäftigkeit und Wichtigtuerei begraben.
Wenn wir auf der Suche nach fruchtbarem Boden sind, liegt immer auch ein mühsamer Weg vor uns, felsiges und dorniges Gefilde. Wer von sich behaupten kann, permanent auf gutem Boden zu stehen, läuft wohl Gefahr, oberflächlich zu werden. Vermutlich lügt er sich selbst in die Tasche. Denn zum menschlichen Leben gehören solche Wege, Felsen und Dornen dazu! Es ist ein Geschenk, wenn die Worte Jesu auf unseren fruchtbaren Boden fallen und gedeihen. Aber eigentlich ist es ein noch viel grösseres Geschenk, wenn sie auch am Wegesrand, mitten in den Felsen und Dornen unseres Lebens, Wurzeln schlagen, wachsen und Frucht bringen. Denn dann zeigt sich, was diese Worte tatsächlich für uns sind: eine lebensverändernde Kraft Gottes! (Paulus beschreibt das Wort vom Kreuz, das Evangelium, in 1. Korinther 1,18 mit dem griechischen Kraftbegriff Dynamis.)
Weg, Felsen, Dornen – und fruchtbarer Boden
Die Saat, die auf den Weg fällt, hat mit dem Problem zu kämpfen, dass das Böse mit seiner zerstörerischen Kraft sogar jene Worte, die in die Herzen der Menschen gesät wurden, ihnen wieder zu entziehen vermag. Wie ein lauernder Räuber, der sich am Wegesrand versteckt, läuft man hier also Gefahr, alles zu verlieren.
Auf felsigem Grund wiederum kann der Same gar keine Wurzeln schlagen, es fehlt die Substanz. Sobald man aufgrund des Wortes Gottes in Bedrängnis gerät, bleibt von dem kleinen bisschen gar nichts mehr übrig – man wendet sich vollends ab und verleugnet alles und jeden.
Bei den Dornen ist es schliesslich das Dauerthema Geld, das vom Wort Gottes ablenkt und damit jegliches Wachstum im Keim erstickt. Ausgerechnet der Reichtum und die Sorge um Diesseitiges sorgen demnach dafür, dass man paradoxerweise mit leeren Händen dastehen wird, was die Ernte betrifft.
Der fruchtbare Boden zeichnet sich dadurch aus, dass das Wort gehört, verstanden und befolgt wird – mit der eingangs erwähnten Verheissung einer grossen Rendite.
Ich weiss nicht, wie es dir geht, aber ich finde mich «auf jedem Boden» wieder. Jesus trifft den Nagel auf den Kopf mit diesen vier Bodenarten. Meine selbst gewählten Irrwege sind ihm bestens vertraut. Er kennt meinen Felsengrund, wie ich in bestimmten Situationen einknicke oder nicht schlecht dastehen möchte. Wie ich dann herumdruckse, was meinen Glauben angeht. Er kennt auch meine Dornen, die materiellen Eskapaden und bestechenden Pläne, bei denen ich nie um eine Ausrede verlegen bin, was meine egoistischen, teils kostspieligen Prioritäten angeht.
Aber ich erkenne in allem auch ihn, den Sämann Jesus. Wie er das Kunststück fertigbringt, sogar auf diesen unbrauchbaren Böden etwas aufgehen zu lassen, das Veränderungsprozesse in mir zu entfachen vermag.
Und der gute Boden, den ich vorfinden darf, lässt mich darüber staunen, wie gross dieser Gott ist. Das Potenzial, das in jedem Menschen steckt, diese immense Fülle an Begabungen, deutet auf die Gottebenbildlichkeit von uns Menschen hin. Wenn Menschen Gottes Wort hören, es beherzigen und befolgen, dann hat das konkrete Folgen. Sie werden freigesetzt und in der Folge entsteht Frucht; wunderbare Dinge kommen zum Vorschein. Ja, dann verändert sich alles: Die Menschen selbst, ihre Beziehungen, ihre Umgebung und letztlich, in der Summe, auch die ganze weite Welt. Und das dreissig-, sechzig- und hundertfach!
Was hat das bitteschön mit Leiterschaft zu tun?
Diese Frage drängt sich bei diesem Kapitel natürlich auf. Worin soll hier eigentlich ein Zusammenhang bestehen? Was kann uns der verschwenderische Sämann übers Leiten lehren? Denke für einen Moment darüber nach, wie du als Führungskraft unterwegs bist. Wie führst du? Wie gehst du vor? Wie planst du? Welche strategischen Überlegungen stellst du an? Gibt es überhaupt etwas, das du dem Zufall überlässt? Müssen die Prognosen stimmen? Geht bei dir nichts ohne verlässliche Kennzahlen? Solche Fragen liessen sich endlos aneinanderreihen, nicht wahr? Und genau das ist im Blick auf die Aussaat, der Weitergabe des Wortes Gottes, ein Problem. Der Sämann führt uns vor Augen, dass es bei Gottes Wort nie darum gehen darf, dass wir scheinbar passende Vorbereitungen treffen, sozusagen erstmal den Markt sondieren und gewisses Terrain, das nicht attraktiv scheint und bei dem keine relevante Rendite zu erwarten ist, bei der Verbreitung des Evangeliums meiden. Vielmehr geht es darum, auf jedem erdenklichen Boden auszusäen. Als Leiterinnen und Leiter sind wir in dieser Hinsicht also besonders herausgefordert, es dem Sämann «einfach» gleichzutun: Verschwenderisch sein, überall säen, ohne rationales Kalkül agieren – der Same des Evangeliums gehört auf wirklich jeden Boden! All unsere Konzepte braucht es nicht, es gilt, im Vertrauen auf den, der überall Wachstum schenken kann, munter drauf los zu säen.
Christliche Leiterschaft weist in diesem Zusammenhang wohl eine Schlagseite auf, weil sie immer in der Gefahr steht, beim Säen sozusagen professionell vorgehen zu wollen. Möglicherweise passen wir dafür in guter Absicht sogar die Botschaft an die jeweils vorliegenden Bodengegebenheiten an. Aber das geht weit über das hinaus, was der Sämann tut. Auf jeden Boden dieser Welt gehört diese eine Botschaft. Unverfälscht. Einfach. Und ohne weitere Zutaten.
Unsere Aufgabe ist es, als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu gleichermassen einfach zu säen. Mehr nicht. Und Gott ist es, der das Wachstum schenken wird. Sogar auf jedem Boden!
Wann hat Jesus diesen Satz gesagt?
«Wer Ohren hat, der höre!», so Jesus in Matthäus 13, Vers 9. Das mag möglicherweise Spott nach sich gezogen haben – auch noch bis zum heutigen Tag. Handelt es sich womöglich um eine Tautologie, hatte Jesus einfach mal einen schlechten Tag? Ich denke nicht. Er wird seinen guten Grund gehabt haben, in dieser Form auf das Hören zu verweisen. Vermutlich wird es ihm um das Offensichtliche bei diesem Gleichnis gegangen sein, das eben so leicht überhört werden kann: Ein Sämann, der unabhängig von den ihm zur Verfügung stehenden Bodenarten einfach verschwenderisch sät und sät und sät. In seiner eigenen Auslegung macht Jesus deutlich, was diese Böden im Blick auf die Botschaft vom Himmelreich mitunter anrichten können. So gesehen dürfen wir wirklich dankbar sein um jeden einzelnen Quadratmeter fruchtbaren Boden in unserem Leben.
Jesus ist – wie immer – das beste Beispiel dafür, was es heisst, die gute Botschaft zu verkündigen. Er machte sich buchstäblich die Füsse schmutzig, war nonstop unterwegs für die Sache Gottes. Er mied keinen noch so dreckigen Untergrund. Und noch etwas können wir an ihm sehen: Jesus war in erster Linie für jene Menschen da, die wie der letzte Dreck behandelt wurden. Er nahm sich der Sünder, Zöllner, Kranken und Prostituierten an.
Ja, dieser Jesus säte wirklich überall.
Welche Chancen bietet dir dieser Satz?
- eine sagenhafte Rendite
- die Fähigkeit, das Evangelium verschwenderisch zu verbreiten
- im richtigen Moment auf dein Leitungs-Knowhow verzichten zu können
- Bewegung: Passivität gegenüber dem Wort Gottes vermeiden
Zum Weiterdenken
«Im Grunde lässt sich die gesamte Bibel lesen als Geschichte von menschlichen Versuchen auf dem Weg mit Gott und anderen Menschen, auf dem manches gelingt und vieles auch nicht. Gott hingegen bleibt bei seiner Zusage und seiner Verheissung und begleitet diese Wege.» (Pohl-Patalong, Uta 2021: Kirche gestalten. Wie die Zukunft gelingen kann, Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus, S. 254.)
- Säe einfach. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit! Wenn du das Evangelium weitersagst, dann ist das doch der beste Beweis dafür, dass die Worte Jesu dich in Bewegung versetzen können.
- Ein probates Mittel gegen das Belächeln von biblischen Worten ist die Freude am Evangelium. Reagiere in entsprechenden Gesprächssituationen nicht mit Rechtfertigungen. Zeige lieber deine Freude, schwärme von dem Gott der verschwenderischen Liebe!
- Sei gnädig mit dir selbst, solltest du dich auf ungutem Grund wiederfinden. Bring deine Sorgen, Nöte und Lasten vor Gott. Meine Erfahrung ist: Auch in den Felsspalten meines Lebens ist es der Blick nach oben, die Hinwendung zu Gott, die mich wieder auf fruchtbaren Boden stellen kann.
- Unsere Aufgabe ist das Säen, die Weitergabe des Evangeliums. Für Wachstumsfragen sind wir gar nicht zuständig. Das mag für Leitungspersonen eine besondere Herausforderung sein. Doch wenn wir uns in dieser Hinsicht mit kleinen Brötchen begnügen und Jesus im Vertrauen folgen, dann werden wir auch Erträge sehen. Mitunter das dreissig-, sechzig- oder hundertfache unserer Aussaat!
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Mit Jesus in Führung gehen» von Alexander Preiss, erschienen im Francke-Verlag, ISBN: 978-3-96362-449-0.
Zum Autor: Alexander Preiss ist Sozialpädagoge, Coach und Mitglied der Geschäftsleitung eines christlichen Sozialwerks. Er begleitet Menschen in herausfordernden Lebenssituationen. Der Autor ist Ehemann, Vater von vier Kindern und lebt in Zürich.
Weitere Auszüge aus dem Buch von Alexander Preiss:
Auftanken: Warum du regelmässig in Ruhe gelassen werden solltest
Veränderung: Warum du persönlich Kritiker brauchst
Datum: 10.06.2026
Autor:
Alexander Preiss
Quelle:
Buchauszug «Mit Jesus in Führung gehen»