Hier fallen Haare … und Sorgen
Im Friseursalon «Cut n’ Go» (in Schweizer Mundart oft Coiffeursalon genannt) in der Altstadt von Bern kann die Kundschaft den Preis für den Haarschnitt selbst bestimmen, während für andere Dienstleistungen – wie zum Beispiel Haare färben – die Preise fix sind.
«Ich war positiv überrascht, wie gut viele Leute reagierten. Und ich wurde auch immer wieder darin bestätigt. Es ist wichtig, dass Menschen gehört werden und eine Frisur tragen dürfen, mit der sie sich schön fühlen. Das gilt auch für meine Kundschaft», bilanziert Melanie Keller, die auch Theologie und Sozialmanagement studiert hat.
Die Leute würden beispielsweise sagen: «Danke, dass ich kommen durfte. Ich war schon seit sechs Jahren nicht mehr beim Friseur.» Früher war Melanie Keller nicht bewusst, dass eine derartige Lücke besteht und viele Leute nicht zum Coiffeur gehen. «Es gibt bestimmte Orte, dort findet ganz automatisch Austausch von Herz zu Herz statt. Dort werden Menschen offen.»
Start im Hip-Hop-Center
Die Cut n’ Go-Geschichte geht zurück auf das Jahr 2019. «Ich war Jugendarbeiterin im Hip-Hop-Center. Ursprünglich hatte ich Coiffeuse gelernt.» Es war jedoch schwierig, Einzelgespräche mit den jungen Leuten zu führen, da diese immer in Gruppen waren.
Da kam ihr die Idee, dass eine Friseurin dagegen immer mit einer Einzelperson spricht. Deshalb wurde im Hip-Hop-Center beschlossen, einen Coiffeurstuhl und einen Spiegel anzuschaffen. Die Jugendlichen sollten einfach so viel bezahlen, wie sie wollten.
«Plötzlich kamen auch Leute von ausserhalb, die davon hörten.» Bald zog das Projekt weitere Kreise und Stiftungen engagierten sich als Träger. Mit der Zeit entstand ein regelrechter Friseur-Salon, in dem Melanie Keller seit September 2025 vollzeitlich arbeitet. Da der Salon mit diesem Konzept defizitär wäre, weiss Melanie Keller Stiftungen und Spender im Rücken, die für ein ausgeglichenes Budget sorgen.
Wichtiger Dienst für Obdachlose
«Ich habe den Salon relativ bewusst in einer Wohnzimmer-Atmosphäre eingerichtet. Mit einer Couch, es ist nicht so gross und es hört sonst niemand zu. Sie müssen mir nicht gegenüber sitzen, es ist nicht konfrontativ.»
Weil der Friseur eine neutrale Person ist und die Leute, um die es in den Gesprächen geht, nicht kennt, öffne das etwas bei den Leuten. In dieser Atmosphäre hätten sie weniger Hemmungen, zu erzählen, erklärt Melanie Keller. Zum Beispiel eine 65-jährige, manisch-depressive Frau, die mit Anfang 50 finanziell gut aufgestellt war. Sie hatte Hochs und Tiefs und arbeitete auch bei Organisationen, die sich für andere einsetzten. In einer manischen Phase verschenkte sie plötzlich alles Geld.
Im Strassenmagazin «Surprise» wurde Melanie Keller einmal zitiert, dass für den Selbstwert eine gewisse persönliche Pflege wichtig ist. «Dies ist vom Sozialamt häufig nicht abgedeckt. So können die Leute plötzlich wieder ohne Scham in den Spiegel schauen können. Das ist schon ein wichtiger Dienst in diesem Sinne.»
Selbstwert
Melanie Keller beobachtet: «Es gibt viele junge Männer, die sich überlegen, eine Transplantation zu machen.» Dies, weil sie sich mit weniger Haaren vielleicht nicht mehr gleich attraktiv finden. Sie ermutigt dazu, dass das Aussehen und die Individualität einfach Platz hat und nicht positiv oder negativ bewertet wird.
Livenet-Chefredaktor Florian Wüthrich bringt im Gespräch mit Melanie Keller das Thema Langlebigkeit (Modewort «Longevity») ins Spiel. In einem Bericht sei er darauf gestossen, dass Menschen in Monaco nach «ewiger Jugend» suchen, «damit man einem nicht ansieht, dass man 70 oder 80 Jahre alt ist». Oder Männer, «die nach Istanbul gehen und sich die Beine brechen lassen, um sie um fünf bis sechs Zentimeter zu verlängern.»
«Es wird immer intensiver»
Melanie Keller spricht von einem Megathema «und ich habe das Gefühl, dass es immer intensiver wird. Auch Social Media hat einen riesigen Einfluss darauf, dass man sich schön macht, um es dann online zu zeigen.» In einer Klasse mit Konfirmanden zeigte sie einmal, was alles Fake ist bei den bearbeiteten Hochglanz-Bildern in den sozialen Medien. Junge Menschen, die dem nacheifern, hätten keine Chance, dies zu erreichen … weil es eben gar nicht echt ist.
«Oder die ganzen Operationen, die man mittlerweile so natürlich machen kann, dass man gar nicht mehr weiss, dass es gemacht ist. Die Leute vergleichen sich damit. Ich wünsche mir, dass Menschen sich annehmen dürfen, so wie sie sind. Mit dieser Verschiedenheit. Ob sie gross, klein, mit Kurven, schlank, blond, braunhaarig, weisshaarig sind, ... dass jeder selbst entdecken kann, dass er so schön ist, wie er ist.»
«Man darf verschieden sein»
Auf dem Coiffeurstuhl erklärt sie, dass man verschieden sein darf. «Ich versuche immer wieder, Gott als Schöpfer zu sehen und zu wissen, dass er es gut gemacht hat. Er hat die ganze Welt wunderschön gemacht, die ganze Natur, jeden Menschen individuell. Und er hat sich etwas überlegt.»
Sie habe sich früher auch mit anderen verglichen, doch da habe ihr der Glaube stark geholfen. «Die Identität richtet sich nicht danach, wie ich aussehe, sondern dass mein Wert unabhängig davon ist. Dass ich wirklich mit dieser Art angenommen sein darf, wie ich bin. Und der andere Aspekt ist, dass Gott uns schön gemacht hat. Und das wünsche ich jedem, dass er das sehen darf und diesen Blick dafür gewinnen darf, dass wir wirklich so verschieden schön sind.»
Zum Talk:
Datum: 09.06.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet