Nicht «völlig losgelöst»: Gott als Referenzpunkt
Das biblische Buch der Sprüche bietet Johannes Hartl einen enormen Schatz an Lebensweisheit. «Viele Leute, die kritisch auf die Bibel schauen, fragen, ob das stimmt, was da drin steht. Aber das ist die ganz falsche Frage. Die Frage ist, wonach wir uns im Leben ausrichten. Und selbst wenn man Atheist ist, müsste man sagen, dass dies Lebensweisheit ist, die sich über Jahrtausende bewährt hat.»
Es handelt sich um Sprichwörter aus der hebräischen Weisheitstradition, die zeitlos sind «und deswegen unsere Beachtung verdienen».
«Lost!» oder gefunden
In einem Vortrag sprach Johannes Hartl den Klamauk-Klassiker «Major Tom (völlig losgelöst)» von anno 1983 an. Zunächst verbreitet die Raumschiff-Reise noch ein Gefühl der Freiheit. Doch dann folgt – auf Neudeutsch gesagt – die Realität: «Lost!» (also «verloren!»).
Er spricht von einer Sehnsucht nach Orientierung, die er aber nicht als strenges Regelkonzept bezeichnet. «Orientierung kann mich ja auch fanatisch machen.»
Gott als Referenzpunkt
Johannes Hartl nennt den Spruch aus den Psalmen und dem Buch der Sprüche: «Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit.» Furcht klinge erstmal negativ. «Man müsste es eher übersetzen mit: ‘Zu erkennen, wer Gott ist.’ Also: ‘Du bist Gott, ich bin es nicht.’» Es gehe darum, zu erkennen, dass wir erschaffen sind, dass wir Lebewesen sind. «Das ist nicht ein Angstthema, sondern das ist einfach klug. Und die Bibel zeigt, dass dies der Anfang der Weisheit ist. Lebensweisheit bedeutet, zu checken, dass du nicht der Herr des Universums bist – das kann man schwer bestreiten.»
Er glaube, dass nur wenn Gott der Referenzpunkt ist, «dann heben wir nicht ab, wie der Astronaut, der auf dem Planten ist, weil der Planet grösser ist als er selbst».
Grosse Fragen
Johannes Hartl gründete unlängst «Eden Culture», eine Akademie, in der junge Menschen ausgebildet werden. «Da war ich mit 40 potenziellen, künftigen Führungskräften zusammen. Oft erhielt ich eine Frage in Richtung: ‘Aber müssen wir nicht aufpassen, dass wir nicht ausbrennen und müssen wir nicht uns selbst schützen vor Überbeanspruchung?’» Er merkte, dass in ihrer Brust zwei Herzen schlagen: zum einen eine Leistungsorientierung und Leistungsbereitschaft, aber auf der anderen Seite die Angst vor Überbelastung.
Johannes Hartl geht es aber auch um die Identität: «Wer bin ich wirklich? Wer hat mich gemacht?» Er rät dazu, einmal wirklich nichts zu tun und zu schauen, wie es einem geht, wenn man gar nichts tut. «Wir laufen vor dem Nichtstun ständig davon, indem wir uns ablenken.»
Alleine in die Stille und Einsamkeit zu gehen, konfrontiert mit dem eigenen Sein. «Was bleibt von Johannes Hartl übrig, wenn mich keiner sieht, ich nicht in Videos auftauche, nichts tue, nichts schreibe oder bastle und mich nicht ablenke...? Ich behaupte, dass wenn ich den Menschen, der dann noch übrig bleibt, wenn ich den lieben kann, wenn ich weiss, dass der geliebt ist und das auch wahrnehme, wäre ich im Leben ein ganzes Stück weiter. Und das ist letztendlich eine religiöse Suche.»
Zum Talk:
Datum: 26.05.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet