Nachgefragt

Mit 11'000 Hühnern durch dick und dünn

Matthias Neuhaus (links) ist heute verantwortlich für den Betrieb von Stephan Beutter (rechts)
Stephan Beutter spricht offen über prägende Wendepunkte seines Lebens – und darüber, wie er durch Glauben lernte, Grenzen anzunehmen, Verantwortung zu tragen und Mitarbeitenden mit mehr Verständnis zu begegnen.

Stephan Beutter entwickelte mit seiner Frau Cornelia einen Landwirtschaftsbetrieb zu einem Spezialbetrieb für 11'000 Legehennen und Eiervermarkung. Zusammen beschäftigten sie fünf Mitarbeiter. Die Legehennenhaltung wurde vor zwei Jahren in die nächste Generation gegeben, die Hühnerei Handels GmbH vermarket heute acht Millionen Eier. Über eine Webcam kann man dem Federvieh beim Legen über die Schulter schauen. Im Interview mit Daniel Gerber berichtet Stephan Beutter über Höhen und Tiefen als Unternehmer.

Stephan, gab es einen Moment, in dem dein Glaube deine Führung grundlegend verändert hat?
Stephan Beutter:
Nicht mein Glaube hat mein Führungsstiel verändert, sondern das Eingreifen Gottes in mein Leben. Nach sechs Jahren Selbstständigkeit stand ich mit 37 Jahren zehn Tage vor dem Konkurs. Mit 44 erlitt ich einen Herzinfarkt und mit 46 ein Burnout. Das hat mich milder gemacht und mich in eine tiefe Abhängigkeit von Gott geführt. Bis zum Burnout galt für mich die Devise: «Wenn man will, kann man.» So bin ich auch meinen Angestellten, Kunden und Geschwistern in der Kirche begegnet. Durch das Burnout lernte ich jedoch, dass es Situationen gibt, in denen man will, aber nicht kann.

Wie triffst du schwierige Entscheidungen im Spannungsfeld zwischen Erfolg und biblischen Werten?
Erfolg bleibt für einen Unternehmer wichtig. Biblische Werte geben dem Erfolg den «Boden» das «Fundament» und ist Ausdruck meiner Lebenshaltung, meines Glaubens, meines Vertrauens. Um dies zu praktizieren, brauche ich den Austausch mit anderen Unternehmern, ein vertieftes Bibelstudium und ein Coaching, um mein Leben zu reflektieren. Mit der Essenz aus diesen drei Punkten fälle ich Entscheidungen.

Erzähle von einem persönlichen Scheitern; was hast du daraus gelernt … und was können wir daraus lernen?
Zehn Tage vor dem Konkurs erlebte ich ein finanzielles Wunder, im sechsten Jahr unserer Pacht, die wir über Fremdkapital finanziert haben. Der Kontokorrent war bereits um die Hälfte überzogen, da setzte uns die Bank das Messer an den Hals; wir hatten 30 Tage, um den ungedeckten Überzug zurückzahlen. Im Familienkreis konnte kein zusätzliches Kapital aufgetrieben werden und in der Kirche sprach man nicht über Geld. Kurz vor Ablauf der Frist erhielten wir Besuch eines Freundes, der Bauer und Seelsorger war. Wir spazierten über den Betrieb und am Ende unseres Rundganges sagt er zu mir: «So und jetzt erzähl mir wie es euch wirklich geht.» Am folgenden Morgen erhielten wir einen Anruf von ihm. Er sagte: «Stephan, sende uns deine Bankverbindung; wir überweisen euch den nötigen Betrag für mindestens fünf Jahre zinsfrei.» Geld erwartet man von der Bank oder reichen Geschäftsleuten, aber sicher nicht von einem einfach wirkenden Bauern – zumindest dachte ich das damals.

Ein Unternehmer scheitert nur, wenn er aus einer Situation nichts lernt. Als Unternehmer treffen wir Fehlentscheide, setzen auf ein falsches Ross und wir verzetteln uns. Die Frage ist: Bin ich frustriert? Kann ich daraus lernen. Herzinfarkt, Burnout: Wenn ich daraus nicht für das Leben lerne, bin ich gescheitert. Ich habe Grenzen, bis zum Herzinfarkt habe ich das nicht gelernt – und auch danach nicht. Das Burnout zeigte mir dann ganz hart meine Grenzen. Das ist heute ein absolutes Geschenk.

Einen Einblick in den Betrieb von Stephan Beutter

Wie baust du als christlicher Unternehmer durch deine Arbeit Reich Gottes?
Glaube und Arbeit sollen zusammenpassen, ich gestehe Fehler ein und schütze die Mitarbeiter. Was ich besitze, sehe ich als eine Leihgabe Gottes und Gewinn verpflichtet zum Teilen. Immer zwischen 20 und 40 Prozent der Belegschaft sind soziale, ausgesteuerte Personen oder Menschen, die vom dritten Arbeitsmarkt kommen. Seit sechs Jahren arbeitet beispielsweise ein syrisch-muslimischer Flüchtling bei uns. Ich gehe mit ihm den Weg durch die Stationen einer Integration in die westliche Gesellschaft, er erfährt vom christliche Denken und der biblischen Ethik. Ich bin aber nicht der Arbeitgeber, der ausgenutzt werden kann. Wir müssen Erfolg haben, sonst werden die Mitarbeiter arbeitslos und ich ein Sozialfall … und das wiederum wäre auch nicht sozial.

Wer hat dich geistlich und beruflich am meisten geprägt; und warum?
Das ist meine Frau Cornelia. Sie ist meine grösste und hartnäckigste Kritikerin, sie stellt mir die unbequemsten Fragen. Aber sie ist die loyalste Partnerin. Sie brachte mich zu guten Entscheidungen und manche Dinge habe ich dann – zu recht wie sich später herausstellte – nicht gemacht.

Auch der ehemalige Unternehmensberater Mario Brühlmann, er lehrte mich, die Bibel als Ratgeber für Unternehmer zu lesen. Und Jesus, mit dem ich in den einsamen Stunden als Stephan reden konnte.

Wie verstehst du deine Berufung im Kontext deiner Arbeit?
Leidenschaft für mein Tun, zielorientiert zu sein und dafür auch verzichten zu können. Ich hatte einen nicht-bäuerlichen Hintergrund und kam aus dem Grossraum Zürich. Es ging ums Überleben, Gewinn generieren und ich wollte unternehmerisch wachsen, deshalb gründete ich die Hühnerei HandelsGmbH. Das brauchte Verzicht auf Ferien, Freizeit und Hobbys. In den letzten Jahren konnte ich nun etwas kompensieren. Aber wenn man als Unternehmer selbstständig beginnt und nicht auf Kapital zugreifen kann, muss man wissen, wo man hinwill und eine Leidenschaft haben.

So wie eine Geldmünze unter viel Druck geprägt wird, geschieht das im übertragenen Sinn auch in unserem Leben durch die vielen Erlebnisse und Erfahrungen. Was hat dich stark geprägt?
Das Gottvertrauen meiner Eltern. Sie haben mir gezeigt, wie man nach gründlichem Abwägen und Budgetieren an etwas herangeht und es dann an Jesus abgibt und auf sein Kairos (Anm.d.Red.: den richtigen Zeitpunkt) wartet. Sie waren bescheidene, grosszügige Jesus-Nachfolger.

Welche Entwicklung – sei es international oder ganz in deinem nahen Umfeld – beschäftigt dich im Moment?
Mich beschäftigten der Egoismus und die Ich-Zuerst-Haltung. Man schnipselt sich das Gottesbild für sich selbst zurecht, biegt Ethik so, dass sie ins Geschäftsmodell passt, statt dass man die Unternehmer-Ethik aus der Bibel ableitet. Bei Fehlern lernt man nicht mehr daraus, sondern sucht die Schuld bei anderen. Man sieht Kinder als Karriere-Verhinderer und Kostenfaktoren, die beim Hobby stören. Die Bibel sagt, dass Kinder ein Segen Gottes sind. Ja, ich hatte ein Unternehmen im Aufbau und vier Kinder und hatte sehr wenig persönliche Freiheiten... Aber heute beschenken mich 17 Grosskinder mit Lachen und kindlicher Kreativität und ich bin immer noch mit der gleichen Frau verheiratet. Was für ein Vorrecht!

(v.l.n.r.) Cornelia und Stephan Beutter, Andrea und Matthias Neuhaus

Was tust du aktiv, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen?
Ich will ein Hoffnungsträger sein, weil ich von Jesus gehalten bin. Als Unternehmen orientiere ich mich an drei Themenbereichen:

  • Schonung von Tier und Umwelt: Legehennen behandeln wir mit Respekt und unser Stalldach liefert dreimal mehr Strom als wir benötigen.
  • Mitarbeiter sind nicht einfach Manpower oder Kostenfaktoren, sondern Menschen mit sozialen Bedürfnissen.
  • Gewinn verpflichtet zum Teilen: Wir investieren in Evangelisation und sozial benachteiligte Personen.

In meinem Burnout wurde Jesaja Kapitel 41, Vers 10 zu meinem Herzensvers: «Fürchte dich nicht, denn ich stehe dir bei; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark, ich helfe dir, mit meiner siegreichen Hand beschütze ich dich!» (LUT) Was will man noch mehr? Bibelworte machen die Welt zu einem besseren Ort.

Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas.

Datum: 16.05.2026
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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