Verwurzelt … im ewigen Leben
Am Ende unserer Artikel-Serie zum Thema «Rooted – verwurzelt» geht es um den Begriff und die Wirklichkeit des «ewigen Lebens». Ein schillernder Begriff, der die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt. Unzählige Mythen und Geschichten ranken sich darum. Legenden vom Jungbrunnen, der ewige Jugend verheisst. Hollywoodblockbuster, in denen Menschen ihren Geist digitalisieren und auf diese Weise ewig leben. Der Heilige Gral.
So unterschiedlich die Geschichten auch sind, sie scheinen die Menschheit zu beschäftigen. Und in diesem Potpourri der Stimmen sagt Jesus nun diese Worte: «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Er wird ewig leben, weil er an mich geglaubt hat, und niemals sterben.» (Johannes 11, 25-26).
Das ultimative Geschenk
Die Verwurzelung in Christus gibt unserem Leben nicht nur Stabilität und Halt, sie versorgt uns nicht nur mit der nötigen geistlichen Nahrung, sie verwandelt uns nicht nur Stück für Stück nach seinem Vorbild in liebevollere Menschen. Sie vermittelt uns auch das ultimative Geschenk überhaupt: ewiges Leben.
Über dieses ewige Leben wird in christlichen Kreisen erstaunlich wenig nachgedacht – finde ich. Oftmals wird es unter die Metapher «in den Himmel kommen» gepackt. Was aber «der Himmel» konkret bedeutet, bleibt häufig diffus. Das finde ich erstaunlich, denn hier geht es doch um den grossen Gesamtrahmen und den Zielpunkt, auf den unser Leben und der gesamte Kosmos hinauslaufen. Es geht beim ewigen Leben um den grossen Perspektiv-Wechsel, das neue Mindset, das unser Verständnis des eigenen Lebens und des gesamten Universums in einen neuen Zusammenhang stellt – und darum extrem wichtig ist.
Im Kolosserbrief fordert Paulus dazu auf, das Leben nicht länger vom Blick auf das Irdische bestimmen zu lassen, sondern stattdessen den Fokus auf das Himmlische auszurichten.
Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so strebt nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt! Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische! (Kolosser 3,1-2)
Ich versuche hier mal ein wenig zu entfalten, was das konkret für uns heute bedeuten kann. Paulus redet von einer irdischen und von einer himmlischen Ausrichtung unseres Lebens. Wir können unser Leben entweder gedanklich von der einen oder der anderen Perspektive bestimmen lassen.
Er schreibt: «Ihr seid nun auferweckt worden…» Die Auferweckung scheint hier schon passiert zu sein, – das ewige Leben hat offensichtlich schon begonnen. Ewiges Leben kommt nicht erst nach unserem Tod. Es ist bereits da. Und es wird nicht mehr weggehen. Dieses Leben hat eine Haltung, eine Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit zur Folge. Nicht mehr nach unten – irdisch, sondern in der Ausrichtung nach oben, auf Christus.
Die irdische Perspektive
Das haben wir alle schon erlebt: Wenn jemand den Blick senkt, passieren selten gute Dinge. Wenn ich als Kind bockig war, habe ich den Kopf gesenkt und vor mich hingestarrt, aus Ärger und Wut. Man koppelt sich aus dem Augenkontakt mit der anderen Person bewusst ab, um die eigenen Pläne zu schmieden und durchzusetzen. Das war schon ganz am Anfang der biblischen Zeiten so, im vierten Kapitel des 1. Mosebuches:
«Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.»
Der Blick auf die Erde ist der Blick auf das, was ich habe und was ich will. Und für viele Menschen ist das der einzige Horizont des Lebens. Aber der Blick nach unten zeigt uns immer nur unsere Begrenzung. Das Irdische. Das Sichtbare. Der Blick nach unten zeigt uns nur unsere begrenzte Welt. Im Blick nach unten bleiben wir allein mit unserer Wut, unserer Scham, unserer Schuld, unserer Verantwortung.
Die irdische Perspektive heisst: wir bleiben gedanklich oft am Vordergründigen hängen. Wir sehen das Materielle, unseren Körper, unseren Besitz, die sichtbare Welt, die uns umgibt. Und unser Denken dreht sich viel um diese Dinge. Wir sorgen uns um körperliche Fitness, dass wir gut aussehen und uns gesund ernähren, aber kümmern uns zu wenig um das Unsichtbare, den Kern unserer Person, den inneren Menschen, unsere Seele.
Wir sorgen uns um guten Sex, aber verpassen echte Verbundenheit. Wir sind permanent damit beschäftigt, uns selbst zu optimieren. Gute Zeiteinteilung, bessere Leistungsfähigkeit, bessere Performance. Was häufig fehlt, ist eine echte Veränderung in der Tiefe, in der Substanz dessen, wer wir sind. Wir hängen am sichtbaren Leben, als wäre es alles, was wir haben. Und so bestimmen uns Verlust-Sorgen, Mutlosigkeit und Angst viel mehr als der Frieden, die Hoffnung, die Zuversicht und die Liebe, mit denen Gott unser Leben prägen und füllen will.
Wer sich auf das Irdische konzentriert, für den ist der Tod die ultimative Bedrohung. Für den ist zwar einerseits klar: Wir müssen alle sterben. Nichts ist so sicher wie der Tod. Aber diese Tatsache wird weggeschoben. Der Gedanke an den Tod wird verdrängt, missachtet, betäubt. Der Tod wird ignoriert, in Krankenhäuser und Hospize verbannt, medizinisch so lange wie nur irgend möglich hinausgezögert – und erst, wenn die Auseinandersetzung unvermeidbar ist, zugelassen.
Grabsteine sagen viel über diese Perspektive aus. Da meisselt man einen Namen in einen Stein. Ein Geburtsdatum – ein Strich – und ein Sterbedatum. Es hat einen Anfang, es hat ein Ende und der Strich dazwischen umfasst alles, was dieser Mensch gedacht hat, erlebt hat, gewesen ist, alles was das Leben ausmacht.
Diese irdische Perspektive hat Anfang und Ende. Denn die materielle Seite unseres Lebens vergeht ja in der Tat. Dieser Köper existiert nicht ewig. Und was auch immer wir versuchen, der Verfall lässt sich nicht aufhalten. Was da verloren geht, das darf und muss betrauert werden. Damit verbunden sind Schmerz und Abschied. Und manchmal kann so ein Stein ein Ort der Erinnerung sein. Aber … und hier kommt die Warnung: Diese Perspektive soll unser Leben nicht bestimmen. Sie ist da. Ja, sie hat ihr Recht, wir müssen sie nicht negieren. Aber wir sollten unser Leben nicht davon bestimmen lassen.
Wonach wir uns ausrichten sollen, ist oben. Oben ist der Himmel. Oben ist der erhöhte Christus. Und mit dieser Perspektive verbindet sich so viel mehr. Denn wohin wir den Blick wenden, hat enormen Einfluss darauf, was wir für die Wirklichkeit halten.
Die himmlische Perspektive
Die himmlische Perspektive ist die Perspektive des ewigen Lebens. Paulus bezeichnet die Leserinnen und Leser des Kolosserbriefes als Menschen, die mit Christus auferstanden sind. Vielleicht ist es eine Anspielung auf die Taufe, als der Mensch symbolisch ins Grab gelegt wurde, um dann aus diesem Grab aufzuerstehen. Vielleicht ist es eine Anspielung auf die Aussage Jesu, dass wer an ihn glaubt, nimmermehr sterben wird – der ist also schon auferstanden. Wie auch immer man es einordnen will, Paulus spricht hier zu Menschen, die das neue Leben schon haben und es nicht erst bekommen, wenn sie sterben. Was genau dieses «ewige Leben» ist? Jesus selbst definiert es im Johannesevangelium so:
«Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.» (Johannes 17,3)
Was zunächst auffällt: Hier geht es gar nicht um die Dauer des Lebens im engeren Sinne – also um einen nie endenden Zeitrahmen. Das ist bemerkenswert, denn häufig versteht man ewiges Leben ja als Gegensatz zum endlichen Leben – und damit meinen wir die Dauer des Lebens. Im Sinne von: Es gibt das Leben vor dem Tod, das ist endlich – und danach bekommen wir ewiges, unendliches Leben. Das gibt diese Aussage Jesu aber gar nicht her.
Jesus spricht vom ewigen Leben als einem Qualitätsbegriff, als dem Ergebnis einer Erkenntnis. Und das Erkennen bedeutet im biblischen Kontext ja oft weniger einen intellektuellen Aha-Moment, sondern viel mehr ein tiefes Eintauchen in eine Beziehung oder eine intime Verbindung. Im Erkennen verbinden wir uns mit etwas auf einer ganz tiefen Ebene. Denken wir an Adam im Paradies, der Eva «erkannte» – und in Folge dessen wurde sie schwanger.
Ewiges Leben entsteht in der Erkenntnis, ist eine tiefe, intime Verbindung mit Gott und Christus, den er in die Welt gesandt hat. Man kann auch sagen: Ewiges Leben ist Beziehung zu Gott und zu Jesus. Denn in dieser Beziehung finden wir die Art des Lebens, die Gott ausmacht. Und die unterscheidet sich vom begrenzten und irdischen Leben. Es ist Leben in einer besonderen, göttlichen Qualität – und als solches auch unvergänglich, unzerstörbar und dauerhaft. Aber es ist gebunden an die Beziehung – und ausserhalb dieser Beziehung nicht existent.
Jenseits dieser Verbindung zu Gott und Jesus gibt es kein ewiges Leben im biblischen Sinne. Dieses Leben steht uns hier jetzt schon zur Verfügung, also nicht erst nach unserem irdischen Ableben. So kann Jesus auch sagen: Wer an mich glaubt, hat schon das Leben und er wird niemals mehr sterben. Wer Christus folgt, bekommt in dieser Beziehung ein Leben, das nicht mehr zerstört werden kann. Wir tragen dieses Leben in uns.
Was folgt daraus für uns? Wenn wir in Christus das ewige Leben bereits haben und es uns nicht mehr genommen werden kann, dann hat das enorme Konsequenzen.
1. Die Angst verliert ihre bestimmende Macht.
Es ist nicht so, dass es im Leben der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu keine Angst mehr gibt. Das wäre vermessen zu behaupten. «In der Welt habt ihr Angst» sagt Jesus selbst zu seinen Leuten (Johannes 16,33). Es gibt noch Dinge, die uns bedrohen und einschüchtern. Allerdings fügt Jesus dann ein «Aber» hinzu: «Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.» Das bedeutet: Die Angst verliert ihre bestimmende Macht, denn das Entscheidende kann nicht mehr zerstört werden. In der Verbindung zu Christus tragen wir das Leben in uns, das uns nicht mehr genommen werden kann. Egal, was passiert!
Je mehr und mehr diese Erkenntnis uns wirklich erfüllt und durchdringt, desto mehr können wir der Angst das mächtige «Fürchte dich nicht» Gottes entgegensetzen – und uns daran klammern. Selbst wenn wir den Boden unter den Füssen zu verlieren drohen: Wir sind nicht wirklich in Gefahr. Unsere Welt und unser Leben liegen in den Händen eines unfassbar guten Gottes. Und er wird in der Lage sein, alles zu einem guten Ziel zu führen.
2. Ewiges Leben gibt uns die Chance, Geduld zu üben.
Wenn ich nur meine begrenzte Lebenszeit habe, gehört die Ungeduld quasi zum System. Denn ich habe nur wenig Zeit, um zu bekommen, was ich will. Geduldig warten, das kann ich mir dann kaum leisten.
Wer im Reich Gottes ewiges Leben gefunden hat, der kann dem Gedanken Raum geben, dass Gottes Timing unserer Vorstellung meilenweit überlegen ist. Darum können wir lernen, auf Gottes Timing zu vertrauen – wir können Geduld trainieren. Denn in der kurzen Zeit meines Lebens muss nicht mehr passieren, was ich will. Es gibt gar keinen Grund dafür. Ich kann geduldig darauf vertrauen, dass Gottes Wille geschieht. In der Beziehung zu ihm vertraue ich mich seinem Gut-Sein an. Und überlasse mich ihm und seinem Timing.
3. Leiden muss nicht mehr um jeden Preis vermieden werden.
Es gibt kein Leben ohne Leiden. Ist meine Lebenszeit begrenzt, muss ich Leiden um jeden Preis vermeiden, denn es steht meinem guten Leben im Weg. Wer aber das ewige Leben gefunden hat, kann auch das Leiden umarmen, im Wissen, dass daraus oft Dinge erwachsen können, die uns Tiefe geben, die am Ende dem Besten unseres Lebens dienen müssen. Wer sich Jesus anvertraut, der folgt dem, der uns mit seinem Leben ein lebendiges Beispiel gab, dass Leiden durchaus zu etwas Gutem führen kann. Das bedeutet nicht, dass alles Leiden automatisch gut ist, oder etwa, dass wir bewusst Leiden suchen sollten. Nachfolge bedeutet nicht, seine masochistische Ader auszubauen. Aber wenn Leiden passiert, wenn wir mit Schmerzen, Abschied, Sorgen und Nöten konfrontiert werden, dann ist das nichts, was uns irritieren sollte. Wir können es annehmen im Wissen, dass Gott uns hindurchtragen wird und dass es am Ende dem Besten dienen muss – dass Christus mehr und mehr in uns Gestalt gewinnt.
4. Wir finden eine Zukunft, auf die sich unser Leben ausrichten kann.
Gott will uns in der Zukunft Macht geben, damit wir mit ihm gemeinsam teilhaben an seinem kreativen Gestaltungsprozess und der Vollendung des Universums. Das Bild, das die Bibel dazu benutzt, ist: Wir sollen als Könige und Priester (Offenbarung 1,6/5,10) mit ihm herrschen. Dieses Bild beschreibt eine Zukunft, in der wir nicht einfach nur auf ewig Gott loben, so sehr das seiner Grösse, Macht und Herrlichkeit auch entsprechen würde. Jeder Mensch soll zur vollen Entfaltung dessen kommen, was Gott in ihn hineingelegt hat.
Der amerikanische US-Philosoph Dallas Willard betonte immer wieder, dass dieses Leben «Training for Reigning» («Trainieren zum Regieren») sei. Dass Gott jedem von uns einmal Macht geben will, damit wir damit tun, was wir wollen. Und es ging wirklich darum, dass wir tun, was wir wollen. Dazu aber ist es nötig, dass wir zu Menschen geworden sind, die das Gute wollen. Die gelernt haben zu lieben. Die durch die Macht nicht korrumpiert werden, weil sie diese für sich selbst missbrauchen würden.
Trainingsfeld Leben
Wer sein irdisches Leben als Trainingsfeld begreift, in dem wir die Nähe Gottes einüben und in der Nachfolge lernen, bei Jesus zu sein, wie Jesus zu werden und zu tun, was Jesus tat. Wer Gott mehr und mehr erlaubt, sich in der Tiefe seiner Seele, in seinen Motiven, seinem Denken, seinem Fühlen formen zu lassen, der umfasst dieses und das kommende Leben in einem grossen Ganzen. Der lässt Gottes Gnade im eigenen Leben wirken.
Hier geht es nicht länger um Selbstoptimierung mit christlichem Anstrich, sondern um ein Hineinwachsen in die tiefe Beziehung zu dem dreieinen Gott, der mehr und mehr uns mit seiner Gnade in sein Bild hinein verwandelt. Es geht dann weniger um die Taten, die wir tun, und mehr um die Person, die wir geworden sind. Es geht um Verwandlung in der Tiefe.
Ich glaube zutiefst, dass ein von Gott vollendeter Kosmos in seiner unfassbaren Weite einmal der Schauplatz sein wird, in dem wir gemeinsam mit Gott Verantwortung tragen und zum Heil wirken werden. Und diese Perspektive ist für mich wie der Nordstern, an dem ich meine Richtung finden kann. Ich träume davon, dass unsere Kirchen und Gemeinden wieder Orte werden, wo das gelernt werden kann. Rooted – verwurzelt in Christus!
Zum Autor: Jörg Ahlbrecht ist Pastor und arbeitet bei WillowCreek Deutschland. Er war der Programmverantwortliche für den Leitungskongress im Februar 2026.
Die Serie im Überblick:
Teil 1: Verwurzelt – warum Wurzeln so wichtig sind
Teil 2: Verwurzelt – sechs Schritte auf dem Weg
Teil 3: Verwurzelt – wie ein Psalm über Hürden hilft
Teil 4: Verwurzelt – in ewigem Leben (siehe oben)
Datum: 18.05.2026
Autor:
Jörg Ahlbrecht
Quelle:
Magazin Aufatmen 1/2026, SCM Bundes-Verlag