Der Markt als Ersatz für Religion
Viele Zeitgenossen haben noch erlebt, wie zwei grosse weltbeherrschende Ideologien sie Jahrzehnte durch die Wüste gejagt haben, aber das verheissene Land haben sie nie gefunden. Sie können die vielen Versprechungen nicht mehr hören, und sie haben den Mut zu jeglichem Glauben verloren. Sie suchen etwas Elementares zurückzugewinnen, und sie finden sich mit einem Leben ab, das keine Sinnfragen mehr beantwortet, sondern den Sinn im Trubel des Alltagsgeschäftes und im Streben nach persönlichem Wohlstand sucht.
Darum wird die Konsumkultur längst nicht mehr kritisch betrachtet. Sie ist nicht nur salonfähig geworden, sondern weit darüber hinaus zum Inbegriff einer neuen Identität und Sinnfindung.
Ich shoppe, also bin ich. Die Konsumkultur ist im Begriff, die Religion zu ersetzen. So wie mittelalterliche Bauern permanent den Insignien der römisch-katholischen Kirche ausgesetzt waren, wird der moderne Mensch permanent mit Werbebotschaften konfrontiert. Das Shoppingcenter ersetzt die Kathedrale, durchaus im wörtlichen Sinn. Der grösste Konsumtempel der Welt, das «Mall of America» in Minnesota, ist zu einer Wallfahrtsstätte geworden und wird heute von mehr Pilgern aufgesucht als der Vatikan oder Mekka.
Stufen der Sinnfindung
Die erste Stufe, die die Menschen auf ihrer Suche nach Sinnfindung hinabgestiegen sind, hiess: «Du bist nicht das, was du bist, sondern das, was du machst.» Das Motto war: «Schaffe für deinen Wohlstand so viel und so schnell du kannst, du lebst nur einmal». Die zweite Stufe abwärts heisst: «Du bist nicht, was du machst, sondern was du kaufst.» Kaufe eine andere Marke, einen anderen Lifestyle, dann bist du auch eine andere Person. Sind wir uns der Folgen dieser Denkweise bewusst? Das schnelle Ende heisst dann nämlich folgerichtig: «Wenn du das, was du bist, nicht mehr kaufen kannst, dann bist du am Ende.»
Wie stark der Markt zum Glaubensersatz für viele geworden ist, erkennen wir, wenn wir uns die Not vieler vor Augen halten. Jeder zweite stürzt in ein Loch, wenn er seine Statussymbole und all das verliert, was seine Identität und sein Wertgefühl auf dem Markt ausgemacht hat.
Die sich schnell verändernde Industrie- und Konsumgesellschaft versteht es perfekt, Bedürfnisse zu befriedigen. Aber ein zutiefst menschliches Bedürfnis wird nicht gestillt: das Streben nach einem Sinn. Wir besitzen genug, bisweilen übergenug, wovon wir leben können. Aber wissen wir auch, wofür wir leben, wozu wir imstande wären? Wir haben die Lebensmittel, aber wie sieht unser Lebenszweck, Lebenssinn aus? Wir empfinden Unbehagen, haben aber nicht die Kraft, unser Unbehagen auszudrücken.
Bedürfnisse nach mehr
Und trotzdem kommt in vielem Tun die Sehnsucht nach «Bleibendem» zum Ausdruck. Überall versuchen wir, Grenzen zu überwinden. Ist das Sehnsucht nach Ewigkeit? Liegt hier nicht der Grund unserer Unruhe verborgen, dass wir weiter denken können, als es unser enger Raum, in dem wir uns befinden, zulässt, dass wir aber gleichzeitig aber unsere Unfähigkeit wahrnehmen, diesen Raum zu durchbrechen?
Da ist unser Bedürfnis nach Qualität und Lebensdauer: Wir möchten am liebsten, dass ein produzierter Gegenstand «unendlich» lange hält (unser Haus, unser Auto, unsere Firma, unser Lebenswerk …).
Da ist unser Bedürfnis nach Liebe: «Ich liebe dich unendlich.» «Liebe mich! Aber wisse, dass mein Liebesbedürfnis unbegrenzt, unstillbar ist.» (Weil unzählige bei diesen Ansprüchen überfordert sind, zerbrechen so viele Beziehungen.)
Da ist unser Bedürfnis nach Lebensstandard: Wir möchten unsere «unendlichen» Bedürfnisse am liebsten in unseren 70 Jahren Lebensdauer unterbringen.
Da ist unser Bedürfnis nach Haben: Die Habsucht kennt kein begrenzendes Prinzip. Habsucht ist fehlgeleitete Sehnsucht nach «Ewigkeit».
In den meisten Ziel- und Zweckvorgaben, die uns angeboten werden, stellen wir ausserdem fest, dass Wege und Ziele vertauscht werden. Mittel und Wege des Lebens werden gleich selbst zum Lebensziel deklariert. Irgendwann betrachten wir uns nur noch von unserer Funktionstüchtigkeit her; warum wir überhaupt funktionieren sollen, ist kein Thema.
Die Mittel werden immer perfekter, die Ziele verworrener. Wenn wir Wege zu Zielen machen, laufen wir aber Gefahr, das einzubüssen, was die Würde des Menschen ausmacht.
Zukunft der Demokratie gefährdet
Diese uneingeschränkte Intensivierung und Bevorzugung der Werte des Marktes über andere Werte des Lebens gefährdet die Zukunft unserer demokratischen Gesellschaft.
Was bleibt uns, wenn Leistungskraft und Gesundheit eines Tages nicht mehr da sind? Diese bange Frage wird in manchen meiner Beratungsgespräche erörtert. Solange es ihnen noch gut ging, stellten sich die wenigsten diese Frage. Viele verwenden zu viel Energie auf Belanglosigkeiten und auf vermeintliche Probleme. Wenn sie die Bedeutung von Lebenszielen nicht kennen, neigen sie nicht selten zu Aggressivität und haben ihre Kraft nicht unter Kontrolle.
In diesem beschriebenen Vakuum beobachten wir, wie für viele Menschen Marktwirtschaft zur Ideologie und zu einer Art Religionsersatz wird. Ihre Vertreter schlüpfen immer mehr in die Rolle von Predigern, Gurus und Glaubensvermittlern.
Es geht mir in meinen Überlegungen nicht darum, unserem Marktsystem die ihm gebührende Anerkennung abzusprechen. Es geht mir um das neue Phänomen der kritiklosen Idealisierung.
Den Zusammenhang zwischen religiösem puritanischem Arbeitsethos, kompetenter Lebensführung und der Entwicklung des modernen Kapitalismus untersucht Max Weber in seinem bekannten Buch «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» näher. Nach Weber galt die rastlose Berufsarbeit in ihren Ursprüngen nicht dem eigenen Ego, sondern der Ehre Gottes. Folglich wurde der wirtschaftliche Erfolg an sich als moralisch gut betrachtet. Es beruhte auf der Auffassung, dass wirtschaftlicher Erfolg schon an sich als moralisch gut gilt (dem stand die katholische Soziallehre dem weltlichen Erfolgsstreben eher skeptisch gegenüber). Auch die religiöse Grundlage einer fast harmonistischen Metaphysik des Marktes ist gelegt, welche die freie Marktwirtschaft als natürliche von Gott gewollte Wirtschaftsordnung deutet. Auch in diesem Zusammenhang ist auf die berühmte Metapher von der unsichtbaren Hand, die nach dem schottischen Nationalökonomen Adam Smith (1732 – 1790) den Markt steuert, hinzuweisen. Praktische Konsequenz für den liberalen Unternehmerethos: Wenn nur die unsichtbare Hand des Marktes dafür zuständig ist, dass in der Wirtschaft alles mit rechten Dingen zugeht, so ist der Unternehmer nicht aufgefordert, sich allzu viele Gedanken zu machen. Der Markt bestimmt, wo’s unternehmerisch lang geht. Der Markt wird zum Mass aller Dinge erklärt, und das Gewissen wird abgestumpft.
Es bedarf aber nur noch eines weiteren kleinen Schrittes, dann ist der wirtschaftliche Erfolg das Erkennungszeichen schlechthin des nicht nur erfolgreichen, sondern auch guten Menschen. Dann heiligt der Erfolg auch die Mittel…
Der «unsichtbaren Hand» beugen
Dieser Gedankenschluss stellt eine der Ursachen dafür dar, dass viele Unternehmer ihre persönliche Verantwortung von sich schieben und sich dieser «unsichtbaren Hand» beugen. Dieses Denken hat insofern heute eine bedrohliche Dimension angenommen, als auch im Zeitalter der Globalisierung der Markt zum Mass aller Dinge erklärt wird. Rechtfertigungen wie «der Markt zwingt uns, aber es dient letztlich dem Wohl aller» dienen als willkommene Entschuldigungen.
Bei vielen Führungskräften ist dieses ökonomistische Denkmuster dominierend. Arbeitslose plagen sich daher mit Schuldgefühlen. Sie verstecken sich. Sie wollen nicht von den Nachbarn gesehen werden. Ihre Statussymbole waren zuvor keinesfalls nur Ausdruck von Geltungsdrang oder Geldgier. Sie wollten dadurch sichtbar machen: «Ich bin o.k., ich habe, so wie man es von mir erwartet, fleissig und hart gearbeitet. Und das, was ihr alle an Statussymbolen seht, Auto, Haus etc., ist der sichtbare Beweis dafür.» Und plötzlich funktioniert das nicht mehr. Die Überwindung dieser falschen Schuldgefühle nach dem Verlust der Arbeit stellt sich oft als ein grosses Problem bei der Beratung dar und spiegelt einen unmissverständlichen Indikator unserer verkorksten Denkweise.
Der Kult des Erfolgs tritt immer mehr an die Stelle des Glaubens und gefährdet so die Zukunft unserer offenen und demokratischen Gesellschaft, denn er lässt keine Alternativen zu. So bringt der freie Markt, der ursprünglich unsere menschliche Würde und Freiheit garantieren sollte, die drei Säulen «Liberté, Égalité, Fraternité» ins Wanken.
Leitbilder neu hinterfragen
Die gegenwärtige Marktideologie konstruiert eine weltimmanente Seinsordnung, die den Anschein erweckt, alles, was sei, stehe in der Verfügungsgewalt des Menschen. Sie entlarvt sich aber als System, das Zwänge ausübt, die sich der Mensch selbst schafft.
Wo der Markt die Stelle der Verehrung Gottes einnimmt, treten Ideologien auf den Plan, die sich durch ihren totalitären Charakter auszeichnen. Der Markt nimmt totalitäre Züge an und bringt die personale Würde zum Erliegen. Voraussetzung ist aber, dass der Mensch mitmacht.
Manche, die stöhnen, vergessen, dass sie selbst es waren, die mit ihren Entscheidungen diese Bedingungen geschaffen haben, denen sie sich jetzt so ausgeliefert fühlen. Es handelt sich um die Geister, die sie selbst gerufen haben und die nun Gehorsam erwarten. Müssten wir nicht diesen Geistern gegenüber uns neu profilieren? Der Wettbewerb ist auch heute keine unbeeinflussbare Gegebenheit. Er ist kein Naturgesetz, sondern Produkt menschlichen Denkens und Handelns. Die Idee des freien Marktes ist zwar für viele zu einer Art Glaubenssatz geworden, aber das muss ja nicht so bleiben. Wir müssen unsere Leitbilder neu hinterfragen und damit aufhören, immer die übrigen Vorstellungen und Werte der Idee des sogenannten freien Marktes unterzuordnen.
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Karriere machen ohne Reue» von Johannes Czwalina, erschienen im Dittrich Verlag, ISBN 978-3-947373-52-9.
Zum Autor: Johannes Czwalina arbeitete zehn Jahre als Grossstadtpfarrer und war massgeblich am Aufbau verschiedener bedeutender sozialer und öffentlicher Einrichtungen beteiligt. Parallel zur Gründung der CC Czwalina Consulting AG 1993 entstand die Gesellschaft zur Beratung von Führungskräften (GBF), die Menschen begleitet, die durch Notsituationen eine Beratung nicht bezahlen können. 2009 veranlasste er den Bau der ersten und bis heute einzigen Gedenkstätte für jüdische Flüchtlinge des Zweiten Weltkrieges in Riehen (Schweiz).
Datum: 13.05.2026
Autor:
Johannes Czwualina
Quelle:
Buchauszug «Karriere machen ohne Reue»