Impuls aus den Sprüchen

«Wer Augen für andere hat, wird gesegnet sein»

Wir sind aufgerufen, unseren Nachbarn mit Mitgefühl zu begegnen (Symbolbild) / Florian Wüthrich
«Nachfolger Jesu müssen Menschen der Barmherzigkeit sein», so Prediger Charles H. Spurgeon. Barmherzigkeit, ein grosses Wort. Doch wie übersetzt sich das in unserem Alltag? Und wem gilt mein Mitgefühl? Gedanken von Livenet-CEO Flo Wüthrich.

«Wer Augen für andere hat, wird gesegnet sein. Denn er gibt den Bedürftigen von seinem Brot.» Sprüche 22,9 / Basis Bibel 

Wenn es um Mitgefühl geht, denken wir oft an das hungernde Kind in Somalia, im Südsudan oder in anderen armen Ländern. Daran ist absolut nichts falsch. Es ist wertvoll, wenn wir uns zum Beispiel mit einer Patenschaft bei einem Hilfswerk gegen Armut, Ausbeutung oder andere Ungerechtigkeiten einsetzen. Ich bin überzeugt, dass viele von euch Leserinnen und Lesern breit engagiert sind. 

Mitfühlend oder neugierig? 

Liebe deinen Nächstes, ein biblisches Gebot

Die Sprüche Salomos im Alten Testament betonen oft die soziale Verantwortung und Gottes Herz für die Armen. Das bewusste Wegsehen vor dem Unglück anderer führt laut Sprüche 28,27 sogar dazu, «auf vielerlei Weise verflucht» zu werden. Gott sei Dank leben wir nicht mehr im Stress des Alten Bundes, höre ich einige gleich innerlich aufatmen. Stimmt einerseits. Und doch war es Jesus, der das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt hatte (Lukas 10, 25-37), bei dem die neugierigen Leviten nicht wirklich gut wegkommen. Also wieder mal eine Spannung, die uns Gott zutraut. 

In einer Predigt über den barmherzigen Samariter hob der Prediger Charles H. Spurgeon hervor, dass wahre Nächstenliebe auf Mitgefühl beruht, während blosse Neugierde – oder das Fehlen von Mitleid – dazu führt, dass Menschen in Not vernachlässigt werden. «Nachfolger Jesu müssen Menschen der Barmherzigkeit sein», so Spurgeon. «Denn sie haben Barmherzigkeit gefunden und Barmherzigkeit hat sie gefunden.» 

Alltägliche Taten, aktive Ermutigung 

Letzte Woche war ich für den Livenet-Arbeitszweig «Every Home Schweiz» an einer Konferenz in Budapest, an der die globale Initiative «Love your Neighbor» präsentiert wurde. Ziel ist, anhand des zweiten Hauptgebots von Jesus («Liebe deinen Nächsten wie dich selbst», Markus 12,31) eine Bewegung zu starten, die den Nächsten sieht und die Liebe Christi durch praktische, alltägliche Taten und aktive Ermutigung ausdrückt. Natürlich ist diese Botschaft nicht neu. Und doch habe ich die feine Stimme gehört: «Flo, wie sieht’s mit deinem Mitgefühl für dein direktes Umfeld aus? Siehst du deine Nachbarn?» 

Die Hope Schweiz und eine Karte verteilte Florian Wüthrich in seiner Nachbarschaft

Das Beste, was wir unseren Nachbarn in unserem Familienquartier schenken können, sind ab und zu ein paar freundliche Worte, eine offene Tür (und ein offenes Trampolin für die Kinder) und natürlich die beste Botschaft der Welt. So habe ich unsere aktuelle Hope Schweiz zur Eishockey-WM genutzt, um allen Haushalten unseres Quartiers auf «kulturgerechte» Art und Weise auf Gott hinzuweisen. Dazu habe ich ihnen eine Karte geschrieben, in der ich signalisiert habe, dass wir sie als Nachbarn schätzen und als Christen einen aktiven Beitrag zum guten Zusammenleben beitragen wollen.

Lustigerweise hatte ich mich im Rahmen meiner Sprichwörter-Serie an der Konferenz in Budapest gerade mit Sprüche 25,17 auseinandergesetzt. «Geh nicht zu oft ins Haus des Nachbarn! Sonst hat er dich satt und beginnt die zu hassen.» Diesen Vers hat Salomo wohl kaum für uns Schweizer geschrieben. Unser Problem in der Schweiz (und wohl auch in Deutschland) besteht kaum darin, dass wir unsere Nachbarn zu oft besuchen und ihnen dadurch auf die Nerven gehen, sondern vielmehr in der Isolation und Gleichgültigkeit bleiben. Wir sind aufgerufen, unseren Nachbarn mit Mitgefühl zu begegnen. 

Ein weiterer kerniger Spruch steht in Kapitel 27, Vers 14: «Wenn einer früh morgens mit lauter Stimme grüsst und seinen Nächsten mit Segenswünschen überhäuft, kann man sich auf Schlimmes gefasst machen.» Ich interpretiere diese beiden Verse als Warnung vor Heuchlerei. Wenn wir nur aufgesetzt freundlich und interessiert sind, aber mit dem Herz nicht dabei sind, würden wir wohl besser schweigen und uns zurückhalten. 

Wie sieht’s in meinem inneren Garten aus? 

So bleibt die zentrale Frage, ob wir nah genug am Herz Gottes sind, um uns neue Liebe und neues Mitgefühl für unsere Mitmenschen zu schenken. Eins ist klar: Gottes Herz schlägt für jeden einzelnen Menschen. Und wenn wir nah an seinem Herz sind, wird unser Mitgefühl zunehmen. 

Man könnte dazu das Bild des inneren Gartens verwenden, der gepflegt werden möchte: Gibt es da im Moment Unkraut wie Neid, Groll, Stolz oder Unzufriedenheit, das wuchert? Oder habe ich einen Seelengarten, in dem gute Pflanzen wie Frieden, Geduld, Sanftmut und Liebe (Galater 5,22-23) wachsen können? Ich bewege in diesen Tagen die Frage, ob ich wohl vor fünf Jahren mehr Mitgefühl und mehr Liebe für meine Nächsten hatte als heute. Vielleicht magst auch du dir diese Frage über dieses Auffahrts-Weekend mal durch Kopf und Herz gehen lassen: Ist mein Mitgefühl-Pegel eher gewachsen oder gesunken? Hat’s in meinem Herzensgarten im Moment mehr Unkraut, das alles überwuchert oder ist da Platz und Raum für gesunde Pflanzen? 

Zum Autor: Florian «Flo» Wüthrich ist seit über 25 Jahren als Journalist tätig. 2014 wechselte er vom Radio- in den Online-Journalismus. Bei Livenet ist er seit über zehn Jahren als Chefredaktor und Talkmaster tätig, 2023 hat er zudem die Verantwortung als Livenet-CEO übernommen. Flo wirkt als Brückenbauer in der christlichen Szene mit dem Anliegen, das Evangelium authentisch und gesellschaftsrelevant zu kommunizieren.

Datum: 15.05.2026
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

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