Livenet-Talk

Die massvolle Kunst des Leitens

Thomas Härry im Livenet-Talk
Thomas Härry stetzt sich stark mit Leitungsthemen auseinander. In seinem neusten Buch «Führungweise» behandelt er drei Schwerpunkte: Ringen um massvolles Leiten, Veränderungen und was Führungspersonen in ihrer Aufgabe stärken kann.

«Wenn Führung scheitert, hat das oft mit der Führungsperson selbst zu tun», bilanziert der Theologe und Autor Thomas Härry. «Erich Schick, ein Theologe aus dem vergangenen Jahrhundert, sagte einmal: ‘Wir scheitern nicht an unseren Aufgaben, wir scheitern an uns selbst.’ Das habe ich nie wieder vergessen.»

Dies sei oft beim Führen der Punkt: Dort wo die unschönen Dinge geschehen oder es in einer Organisation zum Knall kommt, «hat es selten nur mit den Strukturen zu tun, sondern damit, das Leistungspersonen nicht genug Boden haben und aus einem Mangel heraus leiten.»

Wichtig: Inneres Wachstum

Oft würden Leute in eine verantwortungsvolle Leitungsposition hineingehen, eine Weiterbildung durchlaufen. «Eigentlich müsste man auch eine Weiterbildung zu innerer Stärke und Resilienz machen – und wie man damit umgeht, wenn man kritisiert wird, wenn man gebremst wird, einem jemand widerspricht oder Steine in den Weg legt.»

Wichtig sei, dass das innere Wachstum mit dem äusseren Know-how einhergeht. Geschehe das nicht, führe dies oft zu Schwierigkeiten.

Auch sich selbst erneuern

Auch ein Leiter müsse sich verändern, dies sei ein Punkt der Fairness. «Wenn ich als Leiter in einer Organisation eine Veränderung, eine Erneuerung zumute, ist es fair, wenn ich sie selbst ebenfalls suche und zulasse. Und nicht nur die, die angenehm ist, sondern auch die, die mich herausfordert – von der ich aber weiss, dass sie schlussendlich gut tut», bilanziert der Coach von Führungskräften.

Es sei ein Missverhältnis, wenn ein Leiter das Gefühl hat, die Mitarbeiter und die Organisation müssten sich verändern und er selbst müsse dies nicht tun.

Vor Gott klären

Thomas Härry erinnert sich an eine Person in einer Führungsposition einer Institution. Die Person war wegen Umstellungen in der Institution verunsichert. Ihr war nicht klar, ob die anderen ihr diese Führungskompetenzen zugestehen. Sie hätte sich einfach nichts anmerken lassen können und weiter vorangehen. Doch diese Person wollte hinschauen, weil sie merkte, dass sie dies lähmt, bitter macht und sie aus einer Defensive heraus handeln könnte.

Es gehe um den Mut, darüber zu reden «und dies auch vor Gott zu klären, und sich von Gott zusprechen zu lassen, was sie an Korrektur braucht, an Trost und Ermutigung – ich freue mich immer, wenn solche Dinge geschehen».

«Es brachte mich den Menschen näher»

Wichtig sei eine Ausgeglichenheit, gerade auch ausserhalb der Führungswelt: Menschen, die sehr viel unter Leuten sind, sollten sich auch einmal zurückziehen können. Und solche, die die Tendenz haben, sich eher zurückzuziehen, sollten sich auch unter Mitmenschen begeben.

TDS-Dozent Thomas Härry beobachtet bei sich selbst beide Tendenzen. «Einmal fühlte ich mich zu müde, um noch ans Quartierfest zu gehen. Doch ich wollte ja eigentlich offen und zugänglich für andere sein.»

Also ging er hin. «Ich lernte eine ältere Ärztin kennen, mit einer spannenden Lebensgeschichte. Oder Kinder – eines machte mir ein Tattoo, das ich dann wochenlang nicht mehr wegbrachte. Es war herrlich. Es brachte mich den Menschen näher, von denen ich nicht beruflich und führungsmässig was weiss ich habe… oder sie von mir.» Er konnte einfach Mensch sein. «Und das ist ein gutes Gegengewicht zu all den öffentlichen Dingen, die mache.»

Zum Talk:

Zum Buch:
Führungsweise - Thomas Härry

Datum: 12.05.2026
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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