Persönlicher Impuls

Der Stuhl auf der Kanzel

John Ortberg erklärt die Stärke der Schwäche
Der amerikanische Pastor John Ortberg schreibt über die Stärke, die aus der Schwäche erwächst – und die in der Schwäche verweilt und lebt.

Während meines Studiums der klinischen Psychologie arbeitete ich auch für eine Baptistengemeinde. Damals entdeckte ich, dass ich gern predige … bis zu dem Wochenende, an dem die Predigt nicht gut lief. Ich wurde nervös, mir war schwindlig – und das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich rücklings auf dem Podium lag und in die besorgten Gesichter einiger Gemeindemitglieder blickte.

Ich war mitten in meiner eigenen Predigt in Ohnmacht gefallen. Was das Ganze noch schlimmer machte, war, dass ich nicht in einer Pfingstgemeinde sprach, in der man für so etwas Anerkennung bekommt. Das waren Baptisten, und die erwarteten, dass der Prediger stehen blieb.

«Das wäre doch peinlich!»

Ich steckte in den Abschlussprüfungen, wollte heiraten und bereitete mich darauf vor, für ein Jahr nach Übersee zu gehen. Daher dachte ich, dass diese Ohnmacht vielleicht ein einmaliges Ereignis war, dem Stress geschuldet, dem ich mich gerade ausgesetzt sah. Ich bat Arch Hart um Hilfe, den Dekan meines Fachbereichs. Er war Psychologe und hatte Bücher über Stressbewältigung geschrieben. Doch ein Jahr später, als ich das nächste Mal predigen wollte, wurde ich erneut ohnmächtig. Und ein drittes Mal passierte es während eines stressigen Privatgesprächs.

Ich wandte mich erneut an Arch. «Das ist nicht gut», sagte ich. «Ich kann doch nicht predigen, wenn ich regelmässig in Ohnmacht falle. Das macht die Leute nervös. Und je mehr Angst ich davor habe, in Ohnmacht zu fallen, desto schlechter wird meine Predigt, und je schlechter meine Predigt wird, desto mehr Angst habe ich. Kannst du mir ein paar Übungen zum Stressabbau geben? Ich möchte dafür sorgen, dass mir das nicht noch mal passiert. Ich werde mich mehr anstrengen, um nicht in Ohnmacht zu fallen.»

«Das ist keine gute Idee», erwiderte er. Und er erklärte mir: Wenn man ein Problem mit Ohnmachtsanfällen hat, wird der Versuch, nicht in Ohnmacht zu fallen, dazu führen, dass man eher häufiger in Ohnmacht fällt.

«Wie wäre es», fuhr er fort, «wenn du dir bei deiner nächsten Predigt einfach einen Stuhl auf das Podium stellst? Wenn du merkst, dass du einen Schwächeanfall bekommst, dann setz dich einfach. Im Sitzen ist es viel schwieriger, in Ohnmacht zu fallen. Und ausserdem wirst du dann nicht so tief fallen.» «Aber das wäre doch peinlich», meinte ich. «Die Leute sagen mir immer wieder, ich solle einfach Gott vertrauen und mehr Glauben haben. Wenn ich einen Stuhl neben mich stelle, würde das doch alle an meine Schwäche erinnern.» Seine Antwort? «Genau.»

Vierzig Jahre später

In meinen frühen Tagen als Prediger predigte ich also neben einem leeren Stuhl. Und wenn die Dinge nicht gut liefen, habe ich mich hingesetzt. Vierzig Jahre später frage ich mich, ob die Ohnmachtsanfälle vielleicht eine göttliche Einladung waren zu erkennen, dass man das Predigen – genauso wie das Leben – nicht in den Griff bekommen kann. Es war der Anfang eines Kampfes, der bis heute andauert – ich spreche hier von meiner Weigerung, meine Schwäche zuzugeben. Viele Jahrzehnte später gipfelte mein letzter Job in einer Gemeinde mit einer viel schlimmeren Erfahrung von Schwäche, Niederlage und Demütigung als damals beim ersten. Und da gab es keinen Stuhl, der gross genug gewesen wäre, um mir Halt zu geben.

Die menschliche Handlungsfreiheit ist ein wunderbares Geschenk. Wir sind keine passiven Opfer. Wir sind dazu aufgerufen, unser Leben mutig und voller Initiative anzugehen. Allerdings gibt es da ein Aber …

Ich habe in den Bereichen des Lebens, die mir am wichtigsten sind, erlebt, wie machtlos ich bin. Ich habe als Vater schmerzhaft versagt. Ich habe meine Berufung als Pastor schmerzhaft vermasselt. Das hat in meinem Umfeld und in mir Brüche hinterlassen, die ich nicht kitten oder beheben kann. So sieht meine Realität aus. Wenn ich mein Leben leben will, muss ich diese schmerzhaften Schwächen, diese zerbrochenen Stellen in mir annehmen und einbeziehen.

Ironischerweise geht es beim Christsein darum, dass wir ehrlich und verzweifelt anerkennen, dass wir die Dinge nicht in der Hand haben. Deshalb wird Gott uns Menschen, Umstände oder Dinge über den Weg schicken, die wir einfach nicht kontrollieren können. Hier sind drei, über die es sich kurz nachzudenken lohnt: Geburt, Tod und alles, was dazwischenliegt.

Unsere Tochter Laura erzählte mir auf einem gemeinsamen Ausflug von ihrer Schwangerschaft, indem sie als Überraschung ein Paar Baby-Cowboystiefel in eine Schachtel legte, in der ich einen Kuchen vermutete. Wir gaben dem kleinen ungeborenen Kind einen Kosenamen und träumten von dem, was sein würde. Und dann rief sie eines Tages an, um uns mitzuteilen, dass das Kleine es nicht geschafft hatte. Und das passierte später noch einmal mit einem anderen ungeborenen Kind. Und dann ein drittes Mal.

Beim vierten Mal gab es weder Kosenamen noch Träume. Dieses Mal hielt die Schwangerschaft an, wurde aber von einer heftigen täglichen Übelkeit und, schlimmer noch, klinischen Angstzuständen begleitet, die einfach nicht verschwinden wollten. An vielen Tagen sass ich bei meiner Tochter und versuchte, ihre Ängste für ein paar Momente mit dem zu lindern, was ich an der Uni gelernt hatte. Doch es war, als würde ich der Flut sagen, sie solle sich zurückziehen. Ihr blasses, zerfurchtes Gesicht und ihre gerunzelte Stirn, ihre Albträume von einer Totgeburt, ihre Kämpfe gegen das Würgen, die Panikattacken und die Verzweiflung schienen fast noch schmerzhafter zu sein als die Fehlgeburten. Das Baby überlebte schliesslich eine Geburt, die noch schlimmer war als die Schwangerschaft. Dem Baby und Laura geht es jetzt gut. Sie sind für mich eine tägliche Aufforderung, dankbar zu sein. Sie erinnern mich aber auch täglich daran, wie wenig Einfluss ich auf das habe, was mir am wichtigsten ist.

Es wächst und vergeht – gleichzeitig

Während Lauras Schwangerschaft wurde bei meinem Vater ein Kavernom diagnostiziert – eine tumorähnliche Wucherung, die so ungünstig in seinem Hirnstamm lag, dass sie nicht einmal biopsiert werden konnte. Mein Vater hatte es immer geliebt, Sport zu treiben. Ich war noch ein kleines Kind, als er mir einen Tennisschläger ins Bettchen legte, um mir zu zeigen, was mich erwartete. Aber jetzt liess ihn sein Körper im Stich. Seine Sprache wurde undeutlich. Eine Seite seines Gesichts erstarrte. Er brauchte einen Gehstock.

Mein Vater hatte sein gesamtes Leben lang davon geträumt, auf die Galápagosinseln zu reisen, also reiste ich im November mit ihm dorthin. Wir sahen Blaufusstölpel, Galápagos-Pinguine und tauchende Fregattvögel, und zu seiner grossen Freude konnten wir am letzten Tag zwanzig Riesenschildkröten in einem Teich beobachten. Es war der letzte Monat, in dem mein Vater eine solche Reise würde machen können. Es war unerträglich mitanzusehen, wie quälend langsam mein Vater über eine Leiter vom Schiff in die Schlauchboote hinabstieg, mit denen wir die Inseln erkundeten. Wenn wir abends mit den anderen Reisenden am Tisch sassen, konnten sie meist nicht verstehen, was mein Vater zu sagen versuchte. Das Essen lief aus der gelähmten Seite seines Mundes. Aber das war ihm egal. Er genoss diese Reise.

Ich sah zu, wie die Fähigkeiten, die mein Enkelkind zu erlangen begann, meinem Vater nach und nach verloren gingen. Mir wurde schwindlig, als ich die gegensätzlichen Entwicklungen beobachtete. Seine Fähigkeit zu laufen. Seine Worte, die er nur noch mit grosser Mühe äussern konnte. Er bekam eine Ernährungssonde, dann einen Katheter und schliesslich Windeln, danach folgten wund gelegene Stellen und eine Gürtelrose, und schliesslich konnte er sich nicht einmal mehr aufsetzen. Wir werden hilflos geboren und sterben ebenso hilflos.

Auf dem Schiff, mit dem wir die Galápagosinseln erkundeten, gab es peinliche Momente, in denen ich mich für meinen Vater schämte, aber so mancher Passagier sagte mir: «Ihr Vater ist eine Inspiration für mich. Ich finde seinen Mut unglaublich. Ich hoffe, ich werde auch einmal so sein.» Eines Tages, es war kurz vor Ende seines Lebens, machte er zwei verschiedenen Menschen Geschenke, die aufgrund seines Zustands eine nachhaltige Wirkung hatten. «Selbst wenn ich sterbe, kann ich noch erblühen», sagte er mir. Aber er starb.

Was Gott kann

Gott kann die Welt erschaffen. Kann dafür sorgen, dass die Sonne aufgeht. Kann Gebete erhören. Berge versetzen. Er kann Weisheit schenken. Hoffnung spenden. Uns den Weg zeigen. Er kann die Verirrten leiten. Die Einsamen trösten. Die Unterdrückten befreien. Die Ausgegrenzten annehmen. Die Herrschenden stürzen. Die Demütigen segnen. Meere teilen. Stürme beruhigen. Käfer erfinden.

Für Gerechtigkeit sorgen. Schuld vergeben. Die Vergangenheit wiedergutmachen. Eine Zukunft schenken. Leben schaffen. Atem einhauchen. Spatzen nähren. Lilien kleiden. Alles wissen. Überall sein. Alle Menschen lieben. Kann uns seinen Willen offenbaren und auch die Kraft geben, diesen auszuführen. Er kriegt es hin.

Keine dieser Aussagen beinhaltet das leichtfertige Versprechen, dass unsere Lebensumstände genauso sein werden, die wir es uns wünschen, wenn wir nur genug Glauben haben. Sie sind vielmehr ein Grundkurs in Sachen Realität: Es gibt einen Gott. Und ich bin es nicht.

Wer hat die Kontrolle?

Kate Bowler ist eine brillante Wissenschaftlerin und Autorin. Sie ist eine junge Ehefrau und Mutter, als bei ihr Darmkrebs in Stadium 4 diagnostiziert und sie durch eine Immuntherapie für jeweils sechs Monate am Leben erhalten wird. In einem ihrer Bücher erzählt sie davon, dass sie seit ihrer Kindheit darum ringt, die Kontrolle zu behalten, und dass sie nicht weiss, wie sie damit aufhören soll:

Kontrolle ist eine Droge und wir sind alle süchtig. Als ich klein war, hat mein Vater mir Geschichten aus der griechischen Mythologie vorgelesen, und eine davon gefiel mir besonders gut. Sie erzählt von dem verschlagenen König Sisyphus, der dazu verdammt war, einen Felsbrocken einen unvorstellbar steilen Berg hinaufzurollen, der dann aber kurz vor dem Gipfel wieder hinunterrollte. Er würde in alle Ewigkeit die Erfahrung machen, dass nicht jede Last geschultert werden kann. Genau, dachte ich damals immer, denn ich hatte noch nicht verstanden, worum es hier wirklich ging. Aber wenigstens hat er nicht aufgehört, es zu versuchen.

In dem, was ich schreibe, geht es nicht darum, den Gipfel zu erreichen. Es geht darum, wie wichtig es ist, das eigene Versagen einzusehen und den «Felsbrocken» an jemand anderen abzugeben. Wenn wir versuchen, alles allein hinzukriegen, machen wir es nur noch schlimmer. Wir brauchen die Hilfe von jemandem, dessen Kraft grösser ist als die unsere.

Die Erkenntnis der eigenen Machtlosigkeit und der eigene Schmerz sind hilfreich, wenn man so leben will. Diese Lebensweise ist zwar nicht besonders kompliziert, aber herausfordernd und demütigend, und sie erfordert ein williges Herz. Du musst nicht unbedingt verzweifelt sein, um so zu leben, aber es hilft. Berufliche Misserfolge. Missbrauch oder Vernachlässigung durch die eigenen Eltern. Ein Verrat. Eine zerbrochene Ehe. Krebs. Einsamkeit. Abhängigkeiten. Depressionen.

Aber vielleicht wirst du durch eine überzeugende Vision zu dieser Lebensweise inspiriert, eine Vision, die du aus eigener Kraft niemals umsetzen könntest: das Leben als mutiges Abenteuer für eine edle Sache in einer grossmütigen Haltung und in der Gegenwart des Heiligen – ein Leben, das sich dir entzieht, wenn du versuchst, es allein zu leben.

Die eigene Ohnmacht

Christsein beginnt immer mit der Erkenntnis der eigenen Ohnmacht. Jesus sagte, er sei nicht für die Gesunden gekommen, sondern für die Kranken. Die Menschen, die ihm begegneten, waren ein armseliges Häufchen – Sünder und Zöllner, Prostituierte, Ehebrecher und Heiden, Ausgestossene und Unreine, Zweifler und Leugner.

Religion, Reichtum, Status, Gesundheit und Schönheit stehen uns oft im Weg, weil sie das Gefühl der Verzweiflung überdecken, das wir empfinden. Wo finden wir heutzutage eine Gemeinschaft von Menschen, die wirklich verzweifelt nach geistlicher Hilfe sucht?

Zum Autor: John Ortberg ist Blogger und Autor und lebt in den USA. Der Text ist ein Abdruck aus seinem neuen Buch «Du bist frei, anders zu leben» (Gerth Medien).

Datum: 27.04.2026
Autor: John Ortberg
Quelle: Magazin Aufatmen 3/2025, SCM Bundes-Verlag

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