Schmerzen und Leiterschaft
Schmerzen sind laut Weltschmerzorganisation IASP (International Association for the Study of Pain) ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis. Sie sind verknüpft mit einer tatsächlichen oder einer drohenden Gewebebeschädigung. Wenn unser Körper wehtut, sind diese Schmerzen also erst mal Signale, dass etwas passiert. Sie warnen uns: Da könnte gleich etwas Unangenehmes bis Schlimmes passieren, wenn der Schmerz nicht rechtzeitig gestoppt wird.
Wir können körperliche Schmerzen als brennend, stechend, bohrend oder reissend erleben oder sie auf der Gefühlsebene als quälend, mörderisch oder auch erschöpfend empfinden. Wer sich mit körperlichen oder seelischen Schmerzen auf die Dauer quält, kann sehr empfindlich werden und hat kaum Reserven, anstrengende Situationen auszuhalten.
Ein akuter Schmerz ist unangenehm, aber sehr nützlich, weil er uns auf ein Problem aufmerksam macht. Er hilft uns innezuhalten, und hoffentlich reagieren wir sofort, damit Schlimmeres vermieden wird. Wir beugen vor. Das wäre auf jeden Fall eine logische Konsequenz. Oder wir holen uns kompetente Hilfe, zum Beispiel bei einem Arzt, in der Apotheke oder für seelische Schmerzen bei Seelsorgern oder Psychologen.
Für Menschen mit chronischen Schmerzen besitzt der Schmerz nicht mehr diese Warnfunktion und ist daher wie eine sinnlose und endlose Belastung für Körper und Seele. Mancher unbehandelte, akute Schmerz kann sich zu chronischen Schmerzen entwickeln.
Schmerzlevel sind subjektiv
Wir alle nehmen Schmerzen sehr unterschiedlich wahr. Jeder von uns hat ein individuelles Schmerzlevel, das man schwer mit anderen vergleichen kann. Dieses Level ist geprägt von biologischen, aber auch psychologischen und sozialen Faktoren. Empfundener Schmerz ist also immer subjektiv. Manchmal bin ich in der Versuchung, dem anderen, der gerade Schmerzen empfindet, zu sagen: »Ist doch nicht so schlimm.« Aber tatsächlich können wir nicht ermessen, wie schlimm es für die betroffene Person ist. In der Forschung wird versucht, dem individuellen Schmerzempfinden besser auf den Grund zu gehen, indem man Patientinnen und Patienten zum Beispiel über die Dauer, die Stärke und die Art ihres Schmerzes befragt. Das nennt man Schmerzmessung. Bei chronischen Schmerzen wird empfohlen, ein Schmerztagebuch zu führen und zu protokollieren, unter welchen Bedingungen der Schmerz sich ändert.
Weil Schmerzen erst mal subjektiv sind, ist es für den behandelnden Arzt schwierig, sich sofort für die richtige Behandlung zu entscheiden. Oft wird eine Schmerztherapie verordnet, um dem Schmerz auf die Schliche zu kommen. Bei akuten Schmerzen kann man relativ schnell eingreifen, indem man Ursachenforschung betreibt. Chronische Schmerzen hingegen sind langwierig, da braucht es oft grosse Ausdauer von allen Seiten, um die Auslöser aufzuspüren. Auch psychische, seelische oder geistliche Dinge können uns körperlich wehtun. Manche Schmerzen bleiben auch einfach; sie sind nicht heilbar.
Was bedeutet dieser medizinische Kurzausflug für uns in der Leiterschaft?
Schmerzen gehören zur Leiterschaft dazu
Schmerzen sind unumgänglich. So wie jeder Mensch irgendwann in seinem Leben körperliche Schmerzen erleben wird, wird auch jeder Leitende Schmerzen in Bezug auf die eigene Leiterschaft erleben. Damit meine ich die psychischen und emotionalen Schmerzen, denen wir im Dienst für Gott begegnen. Auch sie können von akut bis chronisch reichen, je nachdem, ob wir die Signale rechtzeitig wahrgenommen haben, ob wir auf diese reagieren und ob sich aufgrund der Schmerzen etwas verändert. Wir erleben solche Schmerzen als quälend, belastend, stechend und bohrend. Sie beeinflussen unser Lebensgefühl enorm und wir brauchen dringend Möglichkeiten, um gut mit ihnen umzugehen.
Schon der Apostel Paulus redete von einem Stachel in seinem Fleisch (2. Korinther 12,7-8). Er bat Gott dreimal, ihn davon zu befreien, aber Gott nahm Paulus die Schmerzen nicht weg, sondern ermutigte ihn, diesen Druck anzunehmen. Auf diese Weise wollte Gott mächtig wirken. Vielleicht erlebst du selbst gerade Schmerzen – in welcher Form auch immer –, und sie weichen nicht von deiner Seite. Wir werden im Folgenden auch darauf eingehen, dass Schmerzen in anderen Lebensbereichen die eigene Leitungsposition beeinflussen können. Den Fokus legen wir aber auf die Schmerzen, die du in dem Bereich, in dem du Leitungsverantwortung trägst, empfindest.
«Führungsverantwortung erzeugt Veränderungen und Veränderungen erzeugen immer Schmerzen», schreibt der amerikanische Autor, Berater und Pastor Samuel R. Chand in seinem Bestsellerbuch Leadership Pain. Mich ermutigt dieser Satz – besonders dann, wenn ich mal wieder durch schwierige Zeiten gehe. Denn unsere Vision für die Zukunft sollte gross genug sein, dass sie uns trotz Schmerzen und Kämpfen auf dem Weg nach vorne bringt. Es muss sich lohnen, wofür wir kämpfen. Und es kommt darauf an, welche Perspektive du einnimmst; sie wird dir helfen, Schwierigkeiten durchzustehen und Schmerzen in Leiterschaft zu akzeptieren. Wenn du ähnlich wie ich tickst, dann wirst du Schmerzen nicht freiwillig suchen. Aber du wirst auch nicht alles tun, um ihnen zu entkommen, sobald sie dir begegnen. Und nur weil du Schmerzen in Verantwortung und Scheitern erleben wirst oder Krisen sich wie komplettes Versagen anfühlen, heisst das nicht automatisch, dass du ein erfolgloser Leiter oder eine schlechte Leiterin bist. Vielleicht flüstert es dir manchmal die innere Stimme zu, aber sie tischt dir hier eine Lüge auf.
Erfolg wird nicht daran gemessen, wie viel du geschafft hast, sondern auf wie viel Widerstand du stösst und wie viel Mut du hast, den Kampf gegen diesen Widerstand aufzunehmen. Es gibt für uns Leitende, die wir Gott kennen, keine Erfolgsskala, an der wir uns orientieren sollten. Unser einziger Massstab ist, wie gehorsam wir in dem allen Gott gegenüber bleiben. Du wirst ein glaubwürdiger Leitender sein, wenn du selbst durch Krisen und Kämpfe hindurchgegangen bist. Nur das gibt dir die Möglichkeit, anderen in ihren Wunden zu begegnen.
Viele Leitende können nicht mit Schmerzen umgehen und geben auf
Bedauerlicherweise geben sehr viele Menschen vorzeitig ihre Verantwortung auf. Chand berichtet von den USA, dass nur einer von zwanzig Pastoren noch im Dienst ist, wenn er das Rentenalter erreicht hat. Das entspricht einer Verbleibquote von nur fünf Prozent! Der Leiter der internationalen Lausanner Bewegung, Dr. Michael Oh, erzählte, dass 60 Prozent aller Leitenden ihre Aufgabe nicht beenden, sondern frühzeitig abbrechen, weil sie nicht mehr können. Die Mehrheit von ihnen gibt sogar schon in den ersten fünf Jahren auf. Ich weiss nicht, wie es dir geht, wenn du solche Zahlen liest. Ich denke dann oft: »Hoffentlich bin ich diese zwanzigste Person, die bis zur Rente durchhält.« Ich möchte es doch schaffen.
Im Herzen weiss ich sicher, dass ich von Gott berufen bin. Ohne Wenn und Aber! Und dass er mich gewollt und damit auch eine Idee hat, wie er mich auf dieser Erde als Weltverändererin gebrauchen möchte. Aber dann schaue ich mich um und sehe, wie viele meiner Freundinnen und Freunde ihren Dienst für Gott quittiert haben. Wie finanzielle, theologische oder Beziehungskrisen alles, was mal war, zunichtemachen. Wo eine Gemeindegründung in den Sand gesetzt wurde und daraufhin die Ehe in eine Krise geriet. Wo Leiter Krankheiten bekommen oder ein Familiendrama so eskaliert, dass ein Dienst nicht mehr möglich ist. Wo Leitende frühzeitig abbrechen und, damit verbunden, auch oft ihren Glauben an den Nagel hängen. Vermehrt hören wir über Selbstmorde von Pastoren, die mit ihrem Leben und ihrer Verantwortung nicht mehr klarkamen.
Ich höre diese drastischen Statistiken und eine Stimme, die in meinem Kopf flüstert: »Ja, wenn das so viele nicht schaffen, wieso solltest du es denn schaffen, Evi? Du bist doch auch nicht anders, nicht besser oder mehr berufen.« Ob diese Statistiken prozentual genau auf uns im westlichen Europa zutreffen, weiss ich nicht. Was ich aber weiss, ist: Jede Führungskraft, die aufgibt, ist eine zu viel. Deshalb schreibe ich dieses Buch. Deshalb setze ich mich für die nächste Generation von Leitenden ein. Deshalb darf es an vielen Stellen mein Herz kosten.
Hier geht es zum ersten Teil des Buchauszugs.
Zur Autorin: Evi Rodemann (Jg. 1971) lebt im Grossraum Hamburg und arbeitet als Theologin und Eventmanagerin. Sie engagiert sich in der internationalen Arbeit der Lausanner Bewegung und der «WEA Mission Commission» sowie in ihrem gegründeten Verein «LeadNow». Ihr Schwerpunkt ist die junge Leitergeneration. Ihr Buch erschien zum Thema «Scheitern erwünscht – warum uns Krisen als Leitende wachsen lassen».
Zum Buch:
Scheitern erwünscht!
Datum: 15.04.2026
Autor:
Evi Rodemann
Quelle:
Buchauszug «Scheitern erwünscht»