Wie ich zur Hoffnungs-Lieferantin wurde
Führen von Mitarbeitenden ist eine vielseitige und schöne Aufgabe. Vor 25 Jahren habe ich meine erste Mitarbeitende eingestellt. Eine Teilzeitstelle. Sehr schnell folgten weitere neu geschaffene Stellen in Teilzeit und schon bald die erste Vollzeitstelle für einen Familienvater. Ich war mir dieser Verantwortung bewusst und hatte entsprechend schlaflose Nächte. Heute habe ich ein Team von 33 Angestellten. An die finanzielle Verantwortung habe ich mich längst gewöhnt. Beziehungsweise es ist mir bewusst geworden, dass ich diese Verantwortung gar nicht tragen kann. Im selben Prozess lernte ich, auf Gott zu vertrauen, dass er mich und die Firma versorgt und um die Lohnsumme Ende Monat weiss.
Jeder ist anders und einzigartig
Über die vielen Jahre des Führens habe ich viel gelernt: Jeder Mensch, der bei mir arbeitet, ist anders und einzigartig. In meinem Team arbeiten gelernte und ungelernte Personen aus 13 Nationen, verschiedenen Kulturen und Sprachen. Da sind Menschen, die vor vielen Jahren als Flüchtlinge aus einem Kriegsgebiet in die Schweiz kamen. Man spürt die Not zwischen dem nun sicheren Leben hier und dem Kontakt mit den betagten Eltern, die in der alten Heimat leben. Da gibt es Frühpensionierte, die gerne noch wenige Stunden die Woche arbeiten. Oft geht es nicht mal um den Zusatzverdienst. Aber um eine Aufgabe, einen Sinn, der mit der Pensionierung weggefallen ist. Oder Alleinerziehende, die froh sind um eine geregelte Arbeit und den Lohn. Der Familienvater, der für seine Familie arbeitet. Oder der Student, der fast alles machen würde, einfach weil er sein Studium finanzieren muss.
Zum Thema Arbeitssinn gibt es Arbeitnehmer, die pflichtbewusst und genau alles machen, was man ihnen aufträgt. Ich kann mich auf sie verlassen. Andere sind genauso zuverlässig, aber sie hinterfragen fast jeden Handgriff, was nicht hilfreich ist. Wieder andere muss man gut kontrollieren, weil sie dermassen gute Ideen haben und sie stolz umsetzen: nur entspricht die Idee weder einem bestehenden Bedürfnis oder dann nicht den gesetzlichen Vorschriften!
Man erkennt gut, welche Arbeitnehmer früher selber eine Firma mit Personal geleitet haben. Sie denken wirtschaftlich. Andere machen sich keinerlei Gedanken, dass eine Stunde Leerlauf auch Geld kostet, allerdings ohne Ertrag.
In meiner Firma arbeiten Menschen mit einer Teil-IV. Die wenigen Stunden, die sie pro Woche einer Arbeit nachgehen können, geben ihnen Sinn und eine Tagesstruktur. Einige sind nicht so belastbar, machen ihre Arbeit aber zuverlässig und gut. Andere erledigen ihre Aufgaben mit links, sind flexibel und nichts kann sie aus der Ruhe bringen. Zusammen gesehen sind wir ein starkes Team, das füreinander da ist und einander unterstützt.
Von der Trapezkünstlerin zum Atom-Uboot-Ingenieur
Nur wenige Stellen in meiner Firma verlangen eine Berufsausbildung: der Koch, die Köchin müssen ausgebildet sein und Berufserfahrung aufweisen. Die Person im Büro muss zumindest Erfahrung haben, die gängigen Programme bedienen können und ein gewisses Tempo beim «Töggelen» am Computer zeigen können. Viele unserer Stellen entsprechen keiner Berufslehre und so bewerben sich Personen aus den unterschiedlichsten Richtungen: Wer bei uns Mahlzeiten ausliefern will, muss gerne Auto fahren und die Hektik auf der Strasse wegstecken können. Und ich setze ein grosses Herz und Empathie für unsere Senioren voraus, ohne die man bei uns nicht ausliefern kann. Wertschätzung ist ein wichtiger Teil unserer Firmenkultur. Menüs ausliefern ist kein Beruf. Aber eine wunderschöne Aufgabe. Dafür habe ich eine Kleinkindererzieherin, einen Schreiner, Theologen, Bauleiter, Piloten, Hausfrau, Student, Rentner und Kosmetikerin eingestellt. Für diese Stelle beworben hat sich auch schon eine Balletttänzerin, eine Trapezkünstlerin, Tattoostecher, pensionierter Direktor und neulich sogar ein Ingenieur für Atom-Uboote! Naja in der heutigen Zeit kann das vielleicht mal nützlich sein, einen solchen Fachmann im Team zu haben.
Das Fächli im Himmel
Mein eigentliches Business ist, Mahlzeiten zu verkaufen. Doch manchmal ist das Betreuen der Mitarbeiterschar grösser als mein Business. Unvergessen ist eine Aussage meiner Grossmutter, die bis kurz vor ihrem Tod mit 94 Jahren von ihrer Lehrerin in der ersten Klasse erzählte. Diese hatte sie mit einem Holzstock über den Rücken verprügelt, weil sie nicht wusste, wer ihr Vater war. Das hat mir bewusst gemacht, dass Lehrpersonen und Führungskräfte Menschen prägen. Positiv oder negativ. Bestimmt erinnert sich jeder von uns an alle seine Lehrer und Chefs zurück und könnte aufzählen, was er oder sie in seinem Leben zurückgelassen hat.
Auch hier bin ich mir meiner Verantwortung bewusst und weiss gleichzeitig, dass ich sie nicht tragen kann. Aber weil Gott mich für diese Firma berufen hat, rechne ich mit seiner Hilfe und Weisheit. Auch bei der Personalführung. Erfolgserlebnisse sind nicht nur Angestellte, die sich vorbildlich entwickeln und langjährig bei mir arbeiten. Es sind auch diese Personen, die nur noch über den Anwalt mit mir reden und endlose Forderungen stellen. Es sind auch diese, denen ich kündigen musste, weil sie von der Aufgabe überfordert waren und bei uns nicht glücklich werden können. Und das nicht verstehen. Allen habe ich Wertschätzung entgegengebracht und sorgfältig abgewogen, wie ich die Kündigung formuliere. Alle haben eine Chance oder meist mehrere bekommen. Was sie damit machen, ist ihre Verantwortung. Vielleicht macht es zehn Jahre später «click». So oder so hat es sich gelohnt. So wie der Mitarbeiter, der mich mit System angelogen hatte, als ich ihn immer wieder fragte, ob er im Geschäftsauto rauche. «Sicher nicht», war seine Antwort und ich konnte ihm das Gegenteil nicht zu Hundert Prozent beweisen. Für solche Fragen habe ich ein Fächli im Himmel, wo ich diese Themen deponiere. Ein halbes Jahr nach seinem Austritt erschien er spontan in meinem Büro, um mir zu sagen, dass er mich angelogen habe: Ja, er habe im Auto geraucht. In solchen Momenten fühle ich keine Genugtuung, sondern eine tiefe Gelassenheit, dass mein Fächli im Himmel abgearbeitet wird!
Zum Buch:
Entschuldigung, dass ich störe
Zur Autorin: Regula Sulser (*1966) ist Gründerin und Leiterin von Gourmet Domizil, eine Firma, die Senioren mit feinen Mahlzeiten verwöhnt. Sie ist ausserdem Autorin vom Buch «Entschuldigung, dass ich störe».
Datum: 29.04.2026
Autor:
Regula Sulser
Quelle:
Livenet