«Ich spreche Menschen zu, dass sie wertvoll sind»
Pro Quartal sieht und behandelt die Ärztin rund 1'200 Patientinnen und Patienten in ihrer Praxis. Um die 70 sind es an einem normalen Arbeitstag. Was motiviert sie zu diesem Einsatz? Wie lebt sie dabei ihren Glauben? Mit Sara Uhl sprach Hauke Burgarth.
Sara, verstehst du deine Arbeit als Berufung?
Sara: Ja, das hat sich bei mir früh entwickelt. Ich wollte bereits als Dreijährige im medizinischen Bereich arbeiten. Mein erster Gedanke dabei war: «Ich möchte Menschen helfen.» Das hat sich mit wachsender Lebenserfahrung konkretisiert. Ich merke, dass ich einen potenziell grenzüberschreitenden Job habe, weil Menschen natürlich in sehr empfindlichen Zeiten zu mir kommen. Da ist es wichtig, wie ich ihnen begegne, was ich in ihr Leben hineinspreche. Bringe ich ihnen erst einmal Offenheit und Wohlwollen entgegen oder behandle ich sie eher von oben herab und vermittle ihnen, dass sie dumme Leute sind, die meine Zeit verschwenden?
Gibt es Menschen, die dich geistlich oder beruflich geprägt haben?
Bis zu einem gewissen Grad prägt mich jeder Mensch, der mir begegnet, aber der prägendste Moment war sicher, als ich Mutter geworden bin, weil das den Begriff der Bedingungslosigkeit für mich aufgeknackt und mich gleichzeitig hinterfragt hat: «Wie begegne ich Menschen? Was will ich eigentlich meinen Kindern beibringen?» Damals wurde es mir wichtig, Menschen mit Verständnis und Milde zu begegnen – das war der grösste Katalysator, würde ich sagen. In den Zeiten davor hat mich vieles negativ beeindruckt. Da habe ich im Krankenhaus oft misslungene Kommunikation gesehen oder Herabwürdigung von Patienten. «So möchte ich es auf keinen Fall machen», habe ich mir damals gesagt.
Hat das für dich auch eine geistliche Komponente?
Total. Du würdest dich wundern, wenn du wüsstest, wie vielen Menschen ich zuspreche, dass sie wertvoll sind, auch wenn sie nichts leisten. Das wissen viele Leute nicht. In der Klinik habe ich etliche Patienten auch im Sterbeprozess begleitet und ihnen zum Beispiel Gebet angeboten. Jetzt spielt das in meinem Alltag eine untergeordnete Rolle; meine Haltung ist eher, dass meine Taten lauter sprechen sollen als meine Worte. Und ich möchte den Menschen vermitteln, dass Gott sie wunderbar geschaffen hat und sie wertvoll sind, unabhängig von jeder Leistung.
Wenn du an dein Praxisteam denkst, wie prägt dein persönlicher Glaube euren Umgang miteinander und deinen Führungsstil?
Das Erste, was ich in meiner Praxis gemacht habe, war: Ich habe geguckt, dass meine Mitarbeiter ein faires Gehalt kriegen, also nicht nur das gesetzliche Minimum. Ich weiss, dass auch Entlohnung eine Form von Wertschätzung ist, und ich will mich abends im Spiegel angucken können. Mir ist die Verantwortung bewusst, dass die Gehälter, die ich bezahle, Familienverbände finanziell absichern. Meine Familie musste über viele Jahre schauen, dass das Geld irgendwie reicht. Ich weiss, was es mit Menschen macht, wenn sie Geldsorgen haben. Und wenn ich das in einem wirtschaftlich verantwortlichen Rahmen erleichtern kann, dann sollte ich das auch tun.
Dazu kommt natürlich, wie ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begegne. Als Leiterin sage ich nicht: «Mach mal!», sondern ich laufe sozusagen voran und sage: «Kommt mit!» Ich bin mir auch für nichts zu schade, es gibt also keine Arbeiten, die ich nicht übernehmen würde.
Wie triffst du schwierige Entscheidungen, wenn du dich zwischen «erfolgreich» oder «branchenüblich» und biblischen Werten entscheiden musst?
Die Welt ist nicht schwarz-weiss. Auch die Medizin ist nicht schwarz-weiss, sondern sehr komplex und mit vielen Graustufen. Lebenssituationen sind nicht schwarz-weiss. Da gibt es wenig absolut Richtiges und absolut Falsches. Also entscheide ich so, dass mein Gewissen rein ist. Es geht mir um meinen moralischen Kompass, der natürlich auch durch christliche Werte geprägt ist und weniger durch gesellschaftliche Normen. Dass ich damit anecke, bin ich gewohnt. Es ist mir weniger wichtiger, was die Gesellschaft von mir erwartet. Ich bin eine Frau. Ich habe Kinder. Ich bin auch noch selbstständig. Da kann ich nur verlieren, denn entweder bin ich eine Rabenmutter oder nicht karrieregeil genug. Ich habe also schon längst aufgehört, mich danach zu richten, was die Gesellschaft von mir denkt. Mir geht es darum, dass ich eine klare innere Haltung habe, die deutlich nach aussen sichtbar ist. Dass ich da auch konsistent bin und Menschen wissen, wie ich reagieren werde.
Welche Entwicklungen, die du gerade siehst, sei es global oder im direkten Umfeld, beschäftigen dich gerade besonders?
Was mich seit Wochen und Monaten beschäftigt, ist natürlich die politische Lage in Deutschland und der Welt, weil es mir wahnsinnig schwerfällt zu sehen, wie die Politik agiert. Dass oft nur Superreiche profitieren und die Axt angelegt wird an den Wir-Gedanken in der Gesellschaft, den Generationenvertrag und ähnliche Konzepte. Die Auswirkungen davon sehe ich direkt, weil ich natürlich Langzeitkranke versorge, die von Bürgergeld oder Grundsicherung leben. Und ich sehe die Alleinerziehenden, die in einen Job gedrängt werden, weil Kinder jetzt alle betreut sind. Deswegen sollen sie jetzt bitte so und so viele Stunden arbeiten – und die Männer zahlen keinen Cent Unterhalt und kommen damit durch. Ich sehe diese sozialen Auswirkungen und es ist mir echt ein Rätsel, wie man so kurzsichtig sein kann, die Folgen zu ignorieren. Ich sehe, dass Rechtsextreme weltweit auf dem Vormarsch sind, dass nationalistisches Denken zunimmt und auch vor der Christenszene nicht Halt macht. Das finde ich richtig schlimm, also das geht mir gar nicht in den Kopf.
Ansonsten ist ein grosses Thema für mich die Autonomie der Frau und was da gesellschaftlich und politisch alles gemacht wird. Da gehen wir gerade in vielen Bereichen wieder rückwärts. Das gilt auch im Gesundheitsbereich. Wir brauchen geschlechtergerechte Medizin. Das ist einfach so. Das ist nicht woke. Das ist nicht grün. Da geht es um die Hälfte der Weltbevölkerung, die einfach in Forschung und Behandlung nicht abgebildet und nicht ernst genommen wird.
Was tust du aktiv, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen?
Das wird man, glaube ich, erst rückblickend sehen. Aber ich habe mir seit Jahren auf die Fahne geschrieben, dass meine Taten lauter sprechen sollen als meine Worte. Ich möchte für einen wohlwollenden und liebevollen Umgang bekannt sein, also mehr für Milde und Entgegenkommen als für Wut und Unberechenbarkeit. Ich ziehe meine Kinder hoffentlich zu guten Männern gross und möchte meinen Patienten mit Wohlwollen begegnen und idealerweise so, dass durch mich Jesus’ Licht scheint.
Hast du noch einen Gedanken, den du als Ärztin und Unternehmerin loswerden möchtest?
Ja. Wenn du als Frau dasitzt, die eine Vision hat und dir unsicher bist, ob du sie umsetzen kannst, dann trau dich und versuche es. Kritisiert wirst du sowieso, egal was du machst. Es ist mir bewusst, dass das eine privilegierte Position ist, aber wir brauchen mehr Frauen, die die Wirtschaftswelt prägen mit einer idealerweise guten moralischen Ausrichtung und Gottes Liebe als Fundament. Und wir brauchen einfach mehr Menschen, die so leben wie Jesus, also nicht nur von christlichen Werten schwafeln. Ein Weg dahin ist es, dass mehr Frauen an ihren rechtmässigen Platz kommen, nämlich auch an die Spitze von Unternehmen.
Vielen Dank für das Gespräch, Sara.
Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich.
Datum: 11.04.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet