Kuba: Gemeinden ohne Schutz, aber mit Hoffnung
Der Druck reicht von bürokratischen Hürden bis hin zu offener Einschüchterung. Dies berichten Ernesto, Juan und Lucas (alle Namen geändert) im Interview mit Livenet.
Welche Schwierigkeiten haben christliche Gemeinden in Kuba bei der offiziellen Anerkennung?
Ernesto: Während evangelische Denominationen, die vor 1959 registriert wurden, ihre Registrierung beibehalten konnten, wurden seitdem keine neuen Denominationen mehr zur Registrierung zugelassen. Nicht registrierte Denominationen und ihre Leiter sind besonders gefährdet, da die Behörden ihre kirchlichen Aktivitäten als «illegal» ansehen.
Die Regierung betrachtet nicht registrierte evangelische Kirchen, die sich in Privathäusern versammeln, ebenfalls als «illegal», sie werden als Hauskirchen bezeichnet (Casas Cultos). Die 2005 von der Regierung erlassene Verordnung Nr. 46 schränkt religiöse Versammlungen in Privathäusern stark ein. Gemäss Verordnung Nr. 46 müssten sich alle Hauskirchen bei den Behörden registrieren lassen, was aber selten zur Anerkennung führt. Obwohl sich evangelische Denominationen zusammentun, wird ihnen eine öffentlich-rechtliche Anerkennung kategorisch verweigert, beispielsweise als Evangelische Allianz, welche die mindestens zehn Prozent evangelischen Christen repräsentieren könnte.
Wie wirkt sich der fehlende rechtliche Status vieler Hauskirchen auf das Gemeindeleben aus?
Juan: Die christlichen Leiter sind bestrebt, die von den Behörden geforderten Schritte zu machen und den gesetzlichen Anforderungen zu entsprechen, damit sie einen rechtlichen Status bekommen. Doch oft werden sie dann im bürokratischen Dschungel absichtlich hingehalten oder sogar schikaniert. Mit dieser Taktik schützen sich die Behörden vor dem Vorwurf, sie würden Christen verfolgen. Denn sie verweigern die Registrierung ja dann nicht, weil der Antrag von einer Hauskirche ist; sondern weil die Hauskirche zum Beispiel keine geprüften Elektroinstallationen haben; oder weil für den Anbau der Toilette keine Quittungen für die WC-Schüssel vorliegt; oder weil ein entfernter Nachbar reklamiert hat...
Weil die Freikirchen aktiv sind und wachsen, bleibt oft keine andere Option als ohne staatliche Anerkennung trotzdem weiter zu wirken. Nach dem Motto «das eine Tun und das andere nicht lassen». Aber wenn jemand zum Glauben findet an Jesus, dann ist dies ein zutiefst geistlicher Vorgang, in welchem Gott eine Person zu sich zieht (Johannes Kapitel 6, Vers 44). Nichts und niemand kann dies verhindern.
Wie erleben Pastoren und Leiter den Druck von Behörden oder Geheimdiensten?
Lucas: Nun, es gibt zwei Ebenen. Es gibt eine alltägliche Ebene, auf der Pastoren, Christen und das kubanische Volk im Allgemeinen unter einer Überwachung aufgewachsen sind, die für sie normal wurde und die sie akzeptieren, weil sie sich daran gewöhnt haben. Zum Beispiel, dass sie gefragt werden, woher ihre Besucher kommen und wohin sie gehen; dass sie über viele Dinge Bericht erstatten müssen; dass sie für jede Aktivität, die sie unternehmen wollen, um Erlaubnis bitten müssen, sogar auf kirchlicher Ebene; dass sie wissen, dass sie aufgezeichnet werden und das System immer mithört und so weiter.
Die zweite Ebene dieses Drucks beginnt, wenn die Verfolgung oder Schikanierung der Kirchenführer seitens der Behörden und Geheimdienste real eintrifft. Sie werden von der Staatssicherheit vorgeladen; sie werden aufgefordert, Aussagen zu machen; sie werden eingeschüchtert und mit Gewalt gegen sie und ihre Familien bedroht; sie werden gezwungen keine Beziehungen zu Ausländern zu pflegen oder Ausländern nichts über die Besonderheiten der Situation in Kuba zu erzählen; der Transport zum Einkaufen von Lebensmitteln in der Region wird verweigert; die Übertragung der Grundkarte des Versorgungshefts zum Kauf von Artikeln des täglichen Bedarfs wird abgelehnt und so weiter.
Wie wichtig sind Hauskirchen für das Wachstum der evangelischen Bewegung in Kuba seit den 1980er Jahren?
Ernesto: Seit den 1980er‑Jahren spielen Hauskirchen eine entscheidende Rolle. Die Verfolgung war damals besonders intensiv: Die Behörden schlossen Kirchengebäude und setzten die Gläubigen unter enormen Druck. Trotz dieser Widrigkeiten zeigten die Gemeinden Mut und Beharrlichkeit, sodass sich das Christentum weiter ausbreiten konnte. Insbesondere durch die Hauskirchen entstand ein bedeutendes Wachstum und eine grosse Reichweite. Tausende von Hauskirchen entstanden im ganzen Land; viele davon entwickelten sich später zu etablierten Freikirchen. Auch wenn das öffentliche Abhalten von Gottesdiensten zunächst verboten war, stellten zahlreiche Mitglieder ihre eigenen Wohnungen, Hinterhöfe oder Grundstücke zur Verfügung, damit dort Gottesdienste gefeiert werden konnten. Dieses Netzwerk von Hauskirchen bildete die Grundlage für das heutige kirchliche Leben. Es begann in den 1980er‑Jahren und hat bis heute eine Wachstumsdynamik bewahrt. Die Hauskirchen tragen weiterhin wesentlich dazu bei, dass die Kirchen wachsen und sich verbreiten.
Welche Hoffnungen haben kubanische Christen für die Zukunft?
Juan: Wir stehen kurz davor, einen besonderen Moment in der Geschichte Kubas zu erleben – einen exklusiven Augenblick. Man fragt sich schon, wann ist endlich der Tiefpunkt erreicht? Wie viel mehr Leid und Entbehrung können die Menschen noch ertragen?
Die Christen sind weder zu spät noch im Voraus, sondern genau rechtzeitig. Wir folgen dem göttlichen Zeitplan und erwarten Grosses, sowohl geistlich als auch gesellschaftlich. Aus politischer Sicht sehe ich zwei mögliche Entwicklungen:
1.) Der Kommunismus bleibt an der Macht
Dann bleibt die Zukunft ungewiss. Der Kommunismus wird die christliche Kirche niemals anerkennen, weil seine Prinzipien im Widerspruch zu den biblischen Lehren stehen. Während die kommunistische Ideologie behauptet, der Mensch habe die Kontrolle, widerspricht das dem biblischen Grundsatz, dass Gott der Herr ist und die Geschichte lenkt. Die politische Elite zeichnet ein falsches Bild von Menschenrechten und behauptet, es gäbe Religions‑ und Glaubensfreiheit. Doch die Kubaner, die hier leben, wissen, dass das nicht stimmt. Solange der Kommunismus regiert, wird die Kirche verfolgt, Gotteshäuser werden geschlossen, Pastoren werden diskreditiert und die Gemeinde ständig behindert. Unsere Zukunft als Christen – und als Nation – bleibt somit unsicher. Viele junge Menschen und Leiter fliehen aus dem Land; dennoch gibt es Menschen, die bereit sind, den Preis zu zahlen und zu bleiben, weil sie hoffen, dass das Beste noch bevorsteht.
2.) Eine politische Veränderung öffnet neue Wege
Sollte es zu einer Öffnung kommen, könnten sich Chancen für die Gesellschaft ergeben. Wir haben einen erheblichen Entwicklungsrückstand, und jede Reform birgt das Risiko, dass neu gewonnener Wohlstand und Annehmlichkeiten weitere Herausforderungen mit sich bringen. Deshalb muss die Kirche jetzt aktiv für diese Übergangszeit arbeiten. Denn durch eine Veränderung kann es anschliessend auch noch schlimmer werden.
Unabhängig davon, wie sich die politische Lage entwickelt, muss Christus das fest verwurzelte Zentrum der Gemeinde sein. Die Kirche kann dabei eine zentrale Rolle spielen: Sie muss geleitet vom Heiligen Geist und fundiert auf den Wahrheiten des Evangeliums handeln, stets mit der Hoffnung auf das ewige Leben, das uns durch Christus geschenkt ist. Ob wir reich oder arm, im Überfluss oder im Mangel leben – wenn ein Wandel vom Kommunismus zu einer anderen Regierungsform eintritt, wird die Kirche eine wichtige Rolle spielen, solange Christus ihr Mittelpunkt bleibt.
Ein politischer Übergang in Kuba birgt Risiken, bietet aber zugleich den schönsten Moment, um das Evangelium zu verkünden. Wir sollten alles daransetzen, in dieser Zeit Gottes Gegenwart zu suchen und zu teilen. Auch wenn die Zukunft unsicher bleibt – sei es unter dem Kommunismus oder unter einer eventuell rechtsgerichteten Regierung – erwarten wir eine grosse Erweckung. Bereits jetzt zeigen sich Anzeichen zunehmender Offenheit, und wir glauben, dass das Beste noch kommt. Die Zukunft Kubas und eine erhoffte Verbesserung hängt stark von einer Veränderung des bestehenden politischen Systems ab; wenn dieses endlich kommt, ist offensichtlich, dass es mehr Freiheit und Chancen für das Christentum geben wird – aber auch entsprechende Herausforderungen und Gefahren. Wir beten um Gottes Versorgung, Führung aber auch Bewahrung. Kurz gesagt: Die Zukunft Kubas liegt in Gottes Händen.
Wie könnte die internationale Gemeinschaft kubanische Christen besser unterstützen?
Luca: Die internationale Gemeinschaft sollte kreative Lösungen finden, um die Belastungen der evangelischen Leiter Kubas zu verringern. Die kubanischen Gemeinschaften von Christen werden beispielsweise beim Erhalten von Hilfsgütern und (gedruckten) Materialien behindert, sowie in dem Austausch und der Zusammenarbeit mit Glaubensgenossen weltweit. Zudem ist es sehr wichtig, dass die internationale Gemeinschaft die Christen auf Kuba hört und ihnen ihre Stimme leiht, ihre Anliegen vertritt und verteidigt. Zudem sollen die Christen in der freien Welt mitbekommen, wie es den Christen auf Kuba geht und sich mit den kubanischen Gebetsanliegen eins machen. Und wenn uns jemand tatkräftig zur Seite stehen will, dann kann er dies zum Beispiel durch die HMK machen, unserem langjährigen Partner.
Datum: 31.03.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet