Lernen von verfolgten Christen
Wer sich mit Sascha Ernst unterhält, bekommt einen weltweiten und ungewöhnlichen Blick aufs Christentum. Der Leiter von AVC Schweiz besucht seit Jahren verfolgte Christen in der ganzen Welt und erlebt dabei nicht nur Not und Bedrängnis, sondern auch erstaunliche geistliche Aufbrüche. Sein Eindruck ist, dass Verfolgung und Erweckung oft nahe beieinander liegen. Darüber spricht Florian Wüthrich mit ihm im Livenet-Talk.
Apostelgeschichte heute
Zu Beginn meint der Livenet-CEO: «Die Apostelgeschichte ist ja noch gar nicht fertig geschrieben. In gewissen Ländern ist eine unglaubliche Erweckung im Gange.» Ernst stimmt zu und erzählt von Indien, das er als besonders ermutigendes Beispiel erlebt. Dort leben rund 1,5 Milliarden Menschen. Viele von ihnen glauben an bis zu 330 Millionen Götter. Die christliche Kirche muss viele Einschränkungen aushalten. Trotzdem wächst sie stark. In etlichen indischen Bundesstaaten gelten laut Ernst Anti-Bekehrungsgesetze. Wer beschuldigt wird, jemanden zum christlichen Glauben bewegt zu haben, kann dafür ins Gefängnis kommen, oft für viele Jahre. Manche Pastoren lassen sich daher von ihren Täuflingen schriftlich geben, dass sie sich freiwillig taufen lassen. Trotz dieser Probleme berichtet Ernst von Menschen, die Jesus nachfolgen und von Gemeinden, die wachsen.
Wenn nur noch Jesus bleibt
Sacha Ernst führt diesen Segen auf eine Erfahrung zurück, die die meisten Christen im Westen nicht kennen: Die verfolgte Kirche hat häufig alles verloren. «Sie haben Hab und Gut verloren, sie haben ihre Arbeit verloren, zum Teil ihre Gesundheit, ihr Haus. Sie haben Familienangehörige verloren, zum Teil das Leben verloren. Und wenn du alles verlierst, dann bleibt nur noch Jesus.» Darin sieht Ernst die besondere Stärke dieser Kirche. Sie sei «häufig die reinste Form, die klarste Form, die ehrlichste Form, die stärkste Form». Ihr Glaube müsse sich unter Druck bewähren – genau das könnten Christen im Westen von ihr lernen. Hierzulande herrsche eher die Versuchung, Jesus zu einem Begleiter für bestimmte Lebensbereiche zu machen. Jesus selbst wünsche sich dagegen, nicht nur Teil des Lebens zu sein, sondern dessen Zentrum.
Einheit ist der Schlüssel
Der Talk-Gast nennt die Einheit als einen der Schlüssel für geistliche Aufbrüche in Indien, auch über Denominationsgrenzen hinweg. Dies sei keine organisatorische Frage, sondern sie zeige, wer Jesus ist. Er verweist dabei auf Johannes 17, wo Jesus um die Einheit seiner Nachfolger betet. Für Ernst ist dieses Gebet eine der grossen Herausforderungen an westliche Christen, Gräben zu überwinden, Gemeinsamkeiten zu entdecken und gemeinsam Jesus in den Mittelpunkt stellen.
Leidenschaft braucht ein Fundament
Einen zweiten Punkt sieht Sacha Ernst in der Verbindung von Leidenschaft, Glauben und Gottes Wort. Vor allem junge Christen erlebt er als besonders leidenschaftlich und voller Freude. Für ihn reicht das allein aber nicht aus. «Verliebtheit, Freude und Leidenschaft bringt noch kein PS auf den Boden, noch keine Frucht. Wenn aber Leidenschaft und Glauben kombiniert werden mit dem Wort Gottes, dann wird es kraftvoll.» Das Wort Gottes soll nicht nur Kopfwissen sein, sondern «im Herzen wohnen» und das Denken, Beten und Handeln prägen. Dazu verweist Ernst auf Josua, Kapitel 1, Vers 8 als Vorbild: Wer sich intensiv mit der Bibel beschäftige, erfahre persönliche Offenbarung und könne daraus leben. Hier sieht er eine der Herausforderungen für westliche Christen. Sie sollten nicht bei der Begeisterung stehen bleiben, sondern Gottes Wort so aufnehmen, dass es ihr Leben verändert.
Beten, bis sich etwas bewegt
Der dritte und stärkste Akzent des Gesprächs liegt auf dem Gebet. Ernst berichtet von Gemeinden in Indien, die ganze Nächte lang beten und ihr Handeln konsequent aus dem Gebet heraus gestalten. Diese Haltung hat ihn verändert. «Jedes Mal, wenn ich zurück nach Hause komme, bin ich wirklich so etwas von motiviert, um mehr Zeit im Gebet zu verbringen.» Seine Feststellung dabei:
«Je mehr Zeit ich im Gebet verbringe, desto weniger gestresst bin ich, desto weniger Arbeit habe ich, desto mehr pflügt mir Gott Sachen aus dem Weg heraus.»
Geistlicher Aufbruch brauche allerdings Zeit und sei über ein kurzes «Fast-Food-Gebet» nicht erreichbar. Diese Aussage belegt er mit eindrücklichen Erlebnissen aus Indien von Segen, Widerstand und Wachstum. Für Ernst ist Gebet keine Flucht aus der Realität, es sei vielmehr eine Realität, die in Familien, Ehen, Gemeinden, Städte und letztlich in die Gesellschaft hineinwirke.
Folgen für uns
Im Gespräch verbindet Sascha Ernst immer wieder Indien, Europa und die Schweiz. Er fragt, ob Jesus wirklich das Zentrum unseres Lebens ist. Beten wir nur gelegentlich oder leben wir aus dem Gebet heraus? Wohnt Gottes Wort tatsächlich in unseren Herzen? Suchen wir Einheit mit anderen Christen? Was er in Indien erlebt, zeigt ihm klar, dass Gott selbst dort am Wirken ist, wo die Bedingungen menschlich gesehen schwierig sind. Er fordert daher seine Zuhörer auf, nicht aufzugeben, sondern tiefer in Jesus, in Gottes Wort, in Einheit und ins Gebet einzutauchen. Ernst ist überzeugt: «Wenn wir anfangen zu sehen, wie kraftvoll Gebet ist und dass der Vaterarm sich bewegt», verändert das unseren Blick auf die Welt. In Ländern wie Indien sieht man dies schon, findet er. Es kann auch Christen in Europa neu hungrig nach Gott machen und danach, dass sein Reich hier sichtbar wird.
Der gesamte Livenet-Talk ist hier zu sehen:
Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich.
Datum: 22.09.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet