Persönlicher Impuls

Wie lerne ich hebräisch zu denken?

Im Mittelpunkt des hebräischen Denkens steht die Beziehung zu Adonai.
Unsere westliche Kultur ist stark vom griechischen Denken geprägt: Wir analysieren, definieren, ordnen und suchen nach eindeutigen Antworten. Doch die Bibel ist in einer anderen Denk- und Lebenswelt entstanden. Mit ihr befasst sich Simone Neuhauser.

Wir in der westlichen Welt, sind stark vom griechischen Denken geprägt. Dieses ist vor allem analytisch, abstrakt, verstandesorientiert und häufig dualistisch. Es legt den Schwerpunkt auf das intellektuelle Verstehen und trennt oft zwischen Körper, Seele und Geist. Der griechisch geprägte Mensch fragt in erster Linie: «Was ist richtig und was ist falsch?» – weniger: «Wie soll ich leben? Und wie soll ich andere führen?»

Einheit von Körper, Seele und Geist

Das hebräische Denken hingegen betrachtet den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist. Im Mittelpunkt stehen nicht theoretisches Wissen oder abstrakte Erkenntnis, sondern das Erleben, die Beziehung und das praktische Leben. Glaube zeigt sich nicht in erster Linie durch ein System von Lehrsätzen, sondern durch Vertrauen und Gehorsam. Deshalb fragt der hebräisch Denkende weniger: «Was ist Wahrheit?», sondern vielmehr: «Lebe ich in der Wahrheit? Und wird diese Wahrheit durch mein Leben für andere sichtbar?»

Wenn wir die Bibel besser verstehen möchten, ist es wichtig, sie aus der Denkweise ihrer Verfasser zu lesen. Die biblischen Autoren waren in der hebräischen Kultur und Lebensweise verwurzelt. Ihre Worte wurden nicht nur geschrieben, um verstanden, sondern vor allem um gelebt zu werden. Gerade darin liegt auch ein wichtiger Grundsatz von Leadership: Führung beginnt nicht zuerst damit, anderen etwas zu sagen, sondern selbst das zu leben, was man von anderen erwartet.

«Höre und tue!»

Als Jeshua nach dem höchsten Gebot gefragt wurde, antwortete er:
«Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, ist der Herr allein; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft!» (Mk.12,29)

Sch’ma Jsra’el, Adonai Eloheinu, Adonai Echad

Adonai allein besitzt die höchste Autorität und ist der eine wahre Gott. Diese Wahrheit bildet das Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Auch Leadership beginnt mit der Frage nach der richtigen Autorität: Wem höre ich zu und woran richte ich mein eigenes Leben und meine Führung aus?

Das Wort Sch’ma bedeutet jedoch weit mehr als nur «hören». Es bedeutet hören, gehorchen und danach handeln. Es könnte auch mit «höre und tue!» wiedergegeben werden.

Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Denkweisen.

Wir, die wir vom westlichen Denken geprägt sind, möchten zuerst verstehen. Wenn Gott zu uns spricht, beginnt unser Verstand zu analysieren. Wir prüfen, hinterfragen und betrachten alles von verschiedenen Seiten. Erst wenn wir überzeugt sind, setzen wir das Gehörte vielleicht um. Auch als Führungskräfte kennen wir diese Haltung: Wir möchten zuerst alle Antworten haben, bevor wir Verantwortung übernehmen und den ersten Schritt wagen.

Im hebräischen Denken geschieht es oft genau umgekehrt. Man hört, was Adonai sagt und beginnt, es im Vertrauen umzusetzen. Durch den Gehorsam wächst das Verständnis. Der Schwerpunkt liegt deshalb auf dem Tun und nicht zuerst auf dem Verstehen. Leadership bedeutet deshalb nicht, auf alles eine Antwort zu haben. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, den nächsten Schritt zu gehen und dabei auf Adonai zu vertrauen.

Beziehung zu Adonai steht im Zentrum

Denken wir doch an die Bergpredigt. Wie oft haben wir ihre Worte bereits gehört, darüber diskutiert und versucht herauszufinden, was Jeshua damit genau meinte. Doch erst wenn wir seine Worte in unserem Alltag leben, beginnen wir ihren wahren Sinn zu erfassen. Solange sie nur Theorie bleiben, haben wir sie zwar verstanden, aber noch nicht wirklich begriffen. Dasselbe gilt für Führung: Leadership wird nicht durch das Wissen über Führung sichtbar, sondern durch die Art, wie wir Menschen begegnen, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und andere durch unser eigenes Leben prägen.

Genau dazu fordert uns auch Jakobus auf:

«Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer.» (Jak. 1,22-25)

Im Mittelpunkt des hebräischen Denkens steht die Beziehung zu Adonai. Er ist der lebendige Gott, der Gemeinschaft mit uns haben möchte und uns deshalb geschaffen hat.

Auch echte Führung beginnt mit Beziehung. Menschen folgen nicht nur Worten, Konzepten oder Positionen. Sie folgen Menschen, denen sie vertrauen können. Deshalb kann Leadership nicht von Beziehung getrennt werden. Wer andere führen möchte, muss bereit sein, zuerst selbst in Beziehung zu Adonai zu leben und aus dieser Beziehung heraus andere Menschen zu sehen, zu ermutigen und zu führen.

Mehr Vertrauen, weniger Verstand

Es geht nicht mehr in erster Linie darum, ob unser Verstand etwas für richtig hält oder ob wir es nachvollziehen können. Es geht um Vertrauen und Gehorsam. Unser Denken soll sich verändern, nicht damit wir Juden werden, sondern damit wir lernen, Gott gehorsam zu folgen. Und aus diesem Gehorsam heraus lernen wir auch, Verantwortung für andere zu übernehmen. Denn wer sich selbst nicht führen lässt, wird nur schwer andere auf eine gesunde Weise führen können.

Das Sch’ma ruft uns dazu auf:

Höre – tue – und dadurch wirst du verstehen.

Zusammengefasst könnte man sagen:

Hebräisches Denken: Hören – tun – verstehen

Griechisch geprägtes Denken: Denken – verstehen – handeln

Leadership aus hebräischer Perspektive: Hören – vertrauen – tun – verstehen – führen

Die Bibel lädt uns ein, Gottes Wort nicht nur mit unserem Verstand aufzunehmen, sondern es im Alltag zu leben. Denn gelebter Glaube führt zu einer tieferen Beziehung mit Adonai. Und gelebter Glaube wird zur Grundlage guter Führung. Leadership beginnt deshalb nicht bei der Frage: «Wie kann ich andere führen?», sondern bei der Frage: «Wie lasse ich mich von Adonai führen?»

Wer gelernt hat zu hören, wird lernen zu gehorchen. Wer gelernt hat zu gehorchen, wird lernen zu vertrauen. Wer gelernt hat zu vertrauen, kann Verantwortung übernehmen. Und wer Verantwortung übernimmt, kann andere nicht nur führen, sondern ihnen vorangehen.

Simone Neuhauser ist Referentin am Seminar der Stiftung Labora zum «Hebräischen Denken». Kürzlich war sie auch im Livenet-Talk bei Ruedi Josuran zu Gast:

Datum: 14.09.2026
Autor: Simone Neuhauser
Quelle: Stiftung LabOra

Werbung
Livenet Service
Werbung