Nigeria: Christen und Muslime mit Friedensabkommen
Mehr als 50 christliche und muslimische Leiter in Nigeria haben ein Friedensabkommen unterzeichnet. Das Abkommen wurde erst vor kurzem in der Hauptstadt Abuja unterzeichnet und von der in Saudi-Arabien ansässigen «Muslim World League» organisiert.
Gleichzeitig wurde ein neues interreligiöses Gremium ins Leben gerufen, das die Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen in ganz Nigeria fördern soll, berichtet «Christian Daily International».
Das Abkommen entstand in einer sensiblen Phase für Nigeria, wo religiöse Spannungen durch jahrelange Gewalt und politische Spaltungen verschärft wurden. Der Norden des Landes ist überwiegend muslimisch geprägt, während der Süden mehrheitlich christlich ist.
John Praise Daniel, Vorsitzender der «Northern Christian Religious Leaders' Assembly», sagte laut Christian Daily International, die Vereinbarung könne dazu beitragen, spaltende Rhetorik unter religiösen Führern einzudämmen.
«In Harmonie miteinander leben»
Khalid Abubakar, Generalsekretär von «Jama’atu Nasri Islam», betonte, dass das Abkommen nicht darauf abziele, die religiöse Identität einer der beiden Gemeinschaften zu schwächen. «Es ist kein Aufruf, die eigene Religion aufzugeben, sondern eine Zusammenarbeit, um in Harmonie miteinander zu leben.»
Auch die nigerianische Regierung unterstützt die Initiative.
Der Hintergrund des Friedensabkommens liegt in der jahrelangen Gewalt, namentlich durch islamistische Milizen der Fulani, Boko Haram und dem der Terrorgruppe Islamischer Staat Westafrika (ISWAP).
Tödlichstes Land für Christen
Nigeria gilt als das Land, in welchem am meisten Christen einzig aufgrund ihres Glaubens umgebracht werden.
Eine neue Untersuchung der «Beobachtungsstelle für Religionsfreiheit in Afrika» (ORFA) ergab, dass zwischen 2020 und 2025 in Nigeria 79'323 Menschen getötet wurden, was einem Durchschnitt von 36 Morden pro Tag entspricht. Mehr als 42'000 der Getöteten waren Zivilisten. Nach der Studie, über die wir berichteten, wurden in diesem Zeitraum 28'551 Christen getötet, verglichen mit 13'224 Muslimen. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung werden Christen gar 4,4-mal häufiger getötet als Muslime.
Dörfer systematisch angegriffen
Laut dem Nigeria-Länderprofil von «Open Doors» gehen die meisten Gewalttaten gegen Christen «auf radikalisierte Milizen der Fulani im Rahmen eines ethnisch-religiösen Konflikts begangen, bei dem sie muslimische Haussa und Christen aller Ethnien angreifen. Sie überfallen christliche Dörfer, zerstören Kirchen und töten, vergewaltigen und entführen Christen.»
Und weiter: «Wer in Bundesstaaten lebt, in denen die Scharia gilt, ist zusätzlich erheblich gefährdet. Schon der Verdacht auf Blasphemie oder die Beleidigung des Propheten Mohammed kann zu schweren Angriffen und sogar tödlicher Lynchjustiz führen.»
Bedeutung im Vorfeld der Wahlen 2027
Das neue Abkommen soll nun nicht einzig Gewalt bekämpfen, sondern auch die Sprache und Rhetorik, die religiöse Spaltungen vertiefen kann, berichtet «Christian Daily International».
Präsident Tinubus Regierungspartei, der «All Progressives Congress» (APC), tritt erneut mit einem muslimisch-muslimischen Präsidentschaftsticket (also zwei Muslimen) an – wie bereits bei der Wahl 2023. Diese Entscheidung weicht von der langjährigen Praxis ab, Präsidentschaftskandidaten zwischen den beiden grössten Religionsgemeinschaften Nigerias auszubalancieren, und dürfte die Debatte über religiöse Repräsentation weiter anheizen.
Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern.
Datum: 30.08.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet