Das eigene Potenzial erkennen
Eine Frage, die mich seit geraumer Zeit verfolgt, ist: «Was mache ich eigentlich mit meinen Überzeugungen?» Denn es ist so leicht, sich der grossen Masse anzuschliessen und zu leben, wie alle leben. Dinge einfach geschehen zu lassen, die in der Welt geschehen und Gott einen guten Mann sein zu lassen, den man zwar sonntags mit Liedern lobt, der aber nicht in meinen Alltag hineinsprechen darf, weil ich nicht auf ihn hören will. Wie gesagt: Es ist eine Frage der Einstellung.
Ich habe für mich entschieden: «Meine Überzeugungen sollen mein Handeln bestimmen.». Und ich habe festgestellt, dass es entscheidend ist, wie ich über Gott denke, über mich selbst und über die Armen. Denn so wie ich das sehe und verstehe, so lebe ich. Zum Beispiel ist es wirklich wichtig, wie ich über weltweite Armut und die Armen denke: Sind sie selbst Schuld an ihrem Schicksal?
Empfinde ich mich selbst als machtlos und fange daher gar nicht erst an, überhaupt darüber nachzudenken, wie ich Armen helfen könnte?
Bin ich wirklich davon überzeugt, dass extreme Armut weltweit beseitigt werden kann oder nicht?
Entmutigt
Häufig kommt es vor, wenn ich über diese Fragen nachdenke, dass vor meinem inneren Auge ein Banner erscheint mit dem Satz: «Du kannst ein aussergewöhnliches Leben leben!» Doch gleichzeitig fühle ich mich hilflos, nicht begabt genug, nicht fähig, Dinge wirklich nachhaltig zu verändern. Ich ertappe mich dabei, mich mit anderen zu vergleichen, die begabter sind oder besser ausgestattet, mehr Know-how oder mehr Finanzen haben, die besser reden können, sich besser präsentieren und so mehr Unterstützer animieren können.
Wer sich für die Armen engagiert, begibt sich in einen Kampf, den er alleine nicht gewinnen kann. Zumal Situationen auftreten können, die jegliche Kraft, Mut und Zuversicht rauben wollen. Als ich das erste Mal in Chennai in Südindien war und nach einem prall gefüllten Tag mit vielen Besuchen in Armenvierteln nachts in meinem Hotelzimmer lag, hatte ich ein «Erlebnis der anderen Art», das mir heute noch bei der Erinnerung daran die Haut gefrieren lässt. Es war den ganzen Tag heiss und auch in meinem Zimmer kühlte es nur wenig runter. Aber mitten in der Nacht wurde ich wach, wälzte mich von einer zur anderen Seite und fühlte eine Eiseskälte rund um mein Bett. Dann vernahm ich eine innere Stimme, die mir eintrichtern wollte: «Du bist ein Verlierer. Die Armen sind in meiner Hand. Du bist ein Nichts! Du kannst nichts. Du wirst nichts bewirken, weil du ein elender Verlierer bist!»
In dieser Nacht habe ich körperlich und seelisch gespürt, dass das Böse real ist und die Bibel Recht hat, wenn sie von einem Widersacher, vom Teufel, spricht, der uns kaputtmachen möchte. Eine schreckliche Nacht! Die teuflischste Frage dieser Nacht war: «Wer bist du eigentlich, dass du denkst, du kannst das Leben der Armen verändern? Sie gehören mir!»
Das war´s dann wohl mit dem Reformator in mir, oder? Aber ich fragte mich am Morgen danach, worauf ich mein Engagement für die Armen eigentlich bauen wollte?
Der Triumphzug Christi
In seinem zweiten Brief an die Korinther schreibt Paulus einige bemerkenswerte Sätze (2. Korinther 2,14–15): «Von ganzem Herzen danke ich Gott dafür, dass er uns überall im Triumphzug Christi mitführt. Wohin wir auch kommen, verbreitet sich die Erkenntnis Gottes wie ein angenehmer Duft, dem sich niemand entziehen kann. Ob die Menschen nun die Botschaft annehmen und gerettet werden oder sie ablehnen und verloren gehen: Durch Christus sind wir ein Wohlgeruch für Gott» (HFA).
Was für eine Formulierung! «…dass er uns überall im Triumphzug Christi mitführt.» Wir müssen gar nicht selbst kämpfen und unsere Kräfte verschleissen. Wir dürfen dabei sein, wenn er kämpft. Wir dürfen ihm bei der Arbeit zusehen und uns freuen, wenn wir mithelfen dürfen. Damit ist auch klar, wer am Ende der Sieger ist. Nicht wir, sondern Jesus. Jesus hat bereits gesiegt, selbst in den Kämpfen, die wir noch zu kämpfen haben!
Dieser Bibeltext verspricht uns nicht, Jesus ermögliche es uns immer, zu gewinnen. Wir werden nicht stets als Sieger aus dem Kampf hervorgehen, sondern er. Und das wirkt sich auf unsere Umgebung aus: «Wohin wir auch kommen, verbreitet sich die Erkenntnis Gottes wie ein angenehmer Duft».
Wer schon mal in einem Slum war, der weiss, dass Armut zum Himmel stinkt! Wonach riecht es, wenn wir einen dieser Orte besuchen und wieder verlassen? Riecht es nach uns, unserem Können, unseren Fähigkeiten und Know-how, unserer Strategie und unseren Konzepten? Die Erkenntnis Gottes, sein Wesen, das Wissen darüber, wie er über uns denkt und welche Einstellung er zu uns hat, sollen sich verbreiten wie ein angenehmer Duft, schreibt Paulus.
Gottes Parfüm riecht nicht nach unserem Schweiss und schon gar nicht nach unserem manchmal auch von egoistischen, falschen Motiven getränktem Handeln. Deshalb ist es auch wichtig, dass ich mir bei allem Engagement immer wieder vor Augen führe: Es geht nicht um mich, es geht um Jesus!
Ein Bild mit grosser Wirkung
Viele Menschen haben sich im Kampf für die Armen aufgerieben. Es ist leicht, die Sorge um sich selbst aus den Augen zu verlieren, wenn es nur noch um das Leben der anderen geht. Auch bei der Bekämpfung von extremer Armut Karriere machen zu wollen, ist leicht, genauso wie in den Höhen und Tiefen dieses Kampfes unterzugehen.
In unserem Wohnzimmer hing früher ein Ölgemälde von einem Maler, der ein Freund meines Vaters war. Mein Vater hatte ihn darum gebeten und irgendwann kam der grosse Tag, als die sechsköpfige Kinderschar plus Mutter ins Wohnzimmer gerufen wurde, um die Enthüllung des Gemäldes zu zelebrieren. Das Motiv war in der Tat etwas Besonderes. Es zeigt eine Szene auf einem See. Der Himmel ist wolkenverhangen, die Wellen aufgepeitscht. Auch für Laien erkennbar tobt ein unglaublicher Sturm auf dem See. Im Hintergrund ist ein Boot mit abgebrochenem Mast zu sehen.
Aber über dem Boot bricht sich ein helles Licht Bahn. Es breitet sich sogar bereits auf den Wellen aus. Das Boot droht zu sinken, der Wind spielt mit den Segeln als wären sie niedliche Zahnstocher. Es ist ein sehr dynamisches Bild. Doch das alles spielt sich nur im Hintergrund ab. Vom linken Bildrand bis fast zur Mitte sind zwei Männer zu sehen. Der eine hat den Arm um den anderen gelegt. Seine linke Hand ist erhoben, so als wollte er segnen oder gebieten – oder beides. Es ist deutlich erkennbar, dass es eine Verbindung gibt zwischen seiner Hand und dem hellen Licht, das auf das Boot hinab scheint.
Der Mann rechts von ihm hat seinen Blick auf seinen Beschützer gerichtet und schaut ihn vertrauensvoll an. Es ist nur leicht angedeutet, aber beide Männer gehen auf dem Wasser. Das Bild zeigt eine Spannung und Dramatik, wie sie sonst vielleicht nur in einem Thriller ausgedrückt wird.
Sicher hast du schon gemerkt, um welche biblische Szene es sich dabei handelt. Mein Vater hatte sich dieses Bild gewünscht, weil er der Meinung war, dass «der sinkende Petrus» bereits oft genug gemalt worden sei, nicht aber der «starke Petrus», der gemeinsam mit Jesus durch die Wellen zurück zum Boot geht. Das ist etwas Besonderes.
Tatsächlich sollte dieses Bild zu dem Erlebnis aus Matthäus 14, 22–33 eine unglaubliche Wirkung auf Menschen haben. Mein Vater war Prediger und Seelsorger. Viele seiner Gespräche fanden in unserem Wohnzimmer statt und unter eben jenem Bild fanden kaputte Ehen ihren Neuanfang gefunden, beichteten Diebe und einmal stand ein rückfälliger Alkoholiker mit Tränen in den Augen darunter und sprach das aus, was wohl auch Petrus damals gesagt haben mag: «Nur mit dir, Herr, kann ich auf dem Wasser gehen!»
Sei ein Reformator!
«Sei du selbst der Reformator!» Selbst ein Martin Luther hatte Gefährten an der Seite auf seinem Weg. Wäre die Reformation ohne Melanchthon geglückt? Wohl kaum. Und auch viele andere waren beteiligt. Wir selbst schaffen es noch nicht einmal, ein einzelnes Kind aus Armut zu befreien, wenn wir nicht viele andere neben uns haben, die es mit uns gemeinsam tun.
Diese Erkenntnis lässt mich demütig werden. Denn ohne Jesus und viele von ihm inspirierte Menschen kann ich kein aussergewöhnliches Leben führen. Ohne ihn riechen die Plätze, an denen ich war, nur nach mir. Und das hilft den Menschen nicht wirklich weiter.
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.
Datum: 05.08.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»