Hilfe, die Woche für Woche ankommt
Barbara Käch, wie ist «Tischlein deck dich» dich Teil des Angebots der FEG Murten, respektive eine Abgabestelle der FEG Murten geworden?
Barbara Käch: Mitglieder der FEG Murten starteten ein Projekt zur Unterstützung und Mithilfe von Tischlein deck dich. So konnte im 2009 eine Abgabestelle in Murten eröffnet werden. Die FEG stellte kostenlos die Räumlichkeit zur Verfügung. Ein Team von 18 Freiwilligen wurde gebildet, dazu muss man nicht Mitglied der FEG sein.
Wie sieht ein typischer Ausgabetag bei «Tischlein deck dich» aus und welche Atmosphäre herrscht dabei?
Jeden Donnerstag wartet eine Gruppe Menschen vor der Freien Evangelischen Gemeinde in Murten auf Einlass. Einige kennen sich, nutzen die Zeit für einen Schwatz. Sie kommen hierher, um Lebensmittel von «Tischlein deck dich» zu erhalten. Die Non-Profit-Organisation rettet einwandfreie Lebensmittel vor dem Abfall und verteilt sie an Armutsbetroffene in der Region. Wöchentlich profitieren etwa 140 Personen von diesem Angebot an unserer Abgabestelle.
Die Kundinnen und Kunden von «Tischlein deck dich» bezahlen pro wöchentlichen Einkauf einen symbolischen Franken. Einkaufen darf, wer eine sogenannte Kundenkarte einer lokalen Sozialfachstelle vorweisen kann. Jede Person entscheidet selbst, was sie mitnehmen will.
Es ist 14.30 Uhr. Die Tür wird geöffnet. Die Abgabe geht geordnet vonstatten. Die Helferinnen (jeden Donnerstag braucht es etwa acht Freiwillige) begleiten die Kundinnen und Kunden persönlich durch die bereitgestellten mit Lebensmittel gefüllten Tischen. Auf der Kundenkarte steht, ob jemand alleinstehen ist oder weitere Angehörige zu versorgen hat.
So können wir die jeweilige Menge pro Kundinnen und Kunden berechnen. Doch bevor die Verteilung beginnt wartet viel Arbeit auf die Freiwilligen. Brot kann in verschiedenen Bäckereien im Stedtli abgeholt werden. Auch bei Bauern aus der Region können wir Gemüse und Früchte abholen und unser Angebot so erweitern.
Um 13.00 Uhr fährt der Lieferwagen von «Tischlein deck dich» vor und bringt die Ware.
Da «Tischlein deck dich» ausschliesslich gespendete und gerettete Lebensmittel weitergibt, wissen wir nie genau, was wir erhalten. Das Mittelland wird von der Plattform Grenchen beliefert. Wo die gespendeten Waren und aussortierten Produkte auf die verschiedenen lokalen Abgabestellen aufgeteilt werden. Unser Team kontrolliert die gespendeten Waren und garantiert, dass die Vorgaben des Lebensmittelgesetzes eingehalten werden. Die Kühlkette darf zu Beispiel nicht unterbrochen und Tiefkühlprodukte dürfen nur in Kühltaschen abgeben werden. Danach wird die Ware sortiert und auf die bereitgestellten Tische verteilt.
Gibt es Geschichten, die zeigen, welchen Unterschied «Tischlein deck dich» für Menschen macht?
«Am Anfang war es mir peinlich, hierher zu kommen», sagte eine junge Mutter. Doch wenn sie schon Anspruch auf das Angebot habe, wolle sie dieses auch nutzen. «Wir kämen sonst mit unserem Haushaltsbudget nicht durch, erklärte sie.» Am Anfang ist bei vielen die Hemmschwelle hoch, zu uns zu kommen. Scham vor neugierigen Blicken, Vorurteilen oder die Angst, dass das Angebot nicht passt, sind mögliche Gründe dafür.
Warum sind Angebote wie die Lebensmittelrettung und Lebensmittelhilfe «Tischlein deck dich» heute wichtiger denn je?
Zum einen haben wir viele Menschen in der Schweiz, die mit wenig Geld über die Runden kommen müssen. Seit dem Krieg in der Ukraine hat sich zum Beispiel unsere Kundschaft verdoppelt. Viele vergessen: Auch in der reichen Schweiz gibt es armutsbetroffene Menschen. Zum anderen leben wir in einem grossen Überfluss an Lebensmitteln. Fast jedes dritte produzierte Lebensmittel geht auf dem Weg vom Feld bis zum Teller verloren. «Tischlein deck dich» schlägt eben zwischen diesen beiden Missständen eine sinnvolle Brücke mit seiner Lebensmittelrettung und Lebensmittelhilfe.
Was zeichnet die Begegnungen mit den Besucherinnen und Besuchern von «Tischlein deck dich» aus?
Der persönliche Kontakt mit den Kundinnen und Kunden ist für mich stets eine Bereicherung. Ab und zu sickert etwas durch von ihren Sorgen und Nöten. Das Bewusstsein, es kann jeden treffen, macht mich viel dankbarer.
Was motiviert dich persönlich, dich für dieses Angebot zu engagieren?
Seit der Eröffnung der Abgabestelle Murten bin ich dabei und seit über zehn Jahren leite ich das «Tischlein deck dich» in Murten. Ich will einen Beitrag leisten und Dankbarkeit für mein Leben weitergeben und ein wenig Gegensteuer geben gegen die heutige Wohlstandsgesellschaft.
Für mich ist Tischlein deck dich doppelt gut: Einerseits ist es ein Beitrag gegen die Verschwendung von Lebensmitteln und anderseits kann ich armutsbetroffenen Menschen helfen. Es ist eine gute Sache. Es ist immer wieder schön für mich zu sehen, wie Menschen mit ihren vollen Taschen zufrieden nach Hause gehen.
Würdest du anderen Kirchgemeinden oder christlichen Gemeinschaften empfehlen, sich bei «Tischlein deck dich» oder einem ähnlichen sozialen Projekt zu engagieren; und weshalb? Ja unbedingt, gerade in der heutigen Zeit wird es immer wichtiger für sozial Schwächere einzustehen und diesen Menschen Wertschätzung und Liebe entgegen zu bringen.
Datum: 04.08.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet