«Jemand ist an euch interessiert»
«Wenn die Leute enttäuscht sind, schickt die Einwohnergemeinde Strengelbach sie manchmal zu uns, zur FMG Region Zofingen», erklärt Pastor Benjamin Steffen. «Wenn sie vielleicht Dinge nicht zugesprochen erhalten haben und die Behörden nicht mehr viel machen können, wurden sie auch schon mit uns verlinkt. Sie bekommen den Flyer des ‘HelpPoint’ und erhalten die Empfehlung, bei uns vorbeizuschauen.»
Die Gemeinde ist nun schon viele Jahre an diesem Standort und ihr Ruf hat sich deutlich verändert. «Bei uns fliesst ein kleiner Fluss vorbei, die Wigger. Früher wurden wir als die ‘Wiggere-Sekte’ bezeichnet. Wir sind aus dieser Ecke rausgekommen und werden wohlwollend wahrgenommen. Das finde ich sehr schön.»
Aus Abgabe wird Kaffee-Treff
In der FMG Region Zofingen ist die Vision gewachsen, «dass wir Menschen helfen wollen, die am Rande der Gesellschaft stehen und die in Nöten stecken. Wir wollten eine Lebensmittelabgabe aufbauen mit Lebensmitteln, die noch gut sind, aber sonst weggeworfen würden.»
Diese können kostenlos abgeholt werden und dazu dienen, durch den Alltag zu kommen. «Das war das Grundstandbein des HelpPoint. Gleichzeitig kam der Gedanke, dass die Leute auch Zeit miteinander verbringen und miteinander sprechen können.»
Die Besucher kamen mit Kindern, so wurde auch eine Kinderbetreuung eingerichtet, wo die Kleinen spielen, malen und basteln können. «Seit einigen Jahren geben wir jeweils nach 15 bis 20 Minuten noch einen Gedanken, einen Input weiter. Es geht nicht nur darum, Lebensmittel weiterzugeben, sondern auch das Evangelium.» Zu den Besuchern zählen Menschen mit den unterschiedlichsten religiösen Hintergründen. «Es ist sehr spannend, wie eine Offenheit entstanden ist. Kaffee und Input gehören für sie dazu. Manche gehen auch vorher mit den Lebensmitteln, es ist nicht verpflichtend den Input zu hören.»
Die Taschen, die am Dienstag abgeholt werden können, werden im Vorfeld abgepackt. Besucher, die wollen, können die Inhalte auch untereinander tauschen.
«Jemand ist an euch interessiert»
Der HelpPoint will insbesondere auch «hinschauen und den Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen begegnen, in denen sie stehen», erläutert Benjamin Steffen. «Wir betonen, dass ausser uns, die wir euch beistehen wollen, jemand da ist, der an euch interessiert ist und der euch begegnen will.»
Das Angebot soll ausserdem helfen, dass die Leute aus der Anonymität herauskommen können. «Es ist keine Schande, wenn man das Fünf-Franken-Stück ‘umdrehen’ muss. Aber es sind Leute da, die einen darin begleiten.»
Menschen öffnen sich
Viele kommen beispielsweise mit einem Dokument, das sie nicht verstehen, welches ihnen dann beim HelpPoint erklärt wird. «Oder manchmal besuchen wir jemanden zu Hause, weil einer Person das Ausfüllen der Steuererklärung fremd ist. Oder wir helfen zügeln. Einmal ist einer Familie die ganze Wohnung abgebrannt. Der Sozialdienst sorgte für eine Ersatz-Wohnung und wir halfen dabei, Matratzen zu organisieren und so weiter.»
Gerade in letzter Zeit erlebt Benjamin Steffen, dass die Menschen offener werden. «Einmal meldete sich eine Frau bei uns wegen finanzieller Probleme. Am Anfang holte sie Lebensmittel und ging gleich wieder. Mit der Zeit sass sie dann auch in der Kaffeestube und begann, Gespräche zu führen. Freundschaften entwickelten sich, sie wurde offener, erzählte von ihren Nöten und besuchte eines Tages den Gottesdienst. Mit der Zeit kam sie Sonntag für Sonntag. Sie veränderte sich. Nach einiger Zeit entschied sie sich, umzuziehen, um in der Nähe ihrer Tochter zu leben. Wir beteten, dass sie eine gute Wohnung findet und sie war happy, als dies geschah. Wir durften beim Umzug helfen. Sie fand dort Anschluss an eine Gemeinde und kann nun an verschiedenen Angeboten teilnehmen.»
Benjamin Steffen erinnert sich auch an einen jungen Mann, der seit einiger Zeit den HelpPoint besucht. «Er fragte, ob es bei uns auch eine 'Messe' gibt… Er kommt nun jeden Sonntag und hofft, dass sein Vater und sein Bruder auch einmal den Gottesdienst besuchen.»
Dorf wächst zur Kirche
Seit einigen Jahrzehnten steht die Gemeinde nun am Eingang von Strengelbach. «Eine Familie machte damals eine Schenkung und gab uns einen Landwirtschaftsbetrieb, als sie nach Kanada zog – mit der Bedingung, dass wir eine Gemeinde errichten.» Der Landwirtschaftsbetrieb stand damals noch etwas abseits vom Dorf. «Mittlerweile ist das Dorf zu uns gewachsen und wir sind ein Bestandteil davon geworden.»
Die FMG Zofingen ist eine Mehrgenerationen-Gemeinde. «Was immer wichtig war, ist die Kinder- und Jugendarbeit. Das zog sich durch all die Jahre hindurch. Die ganze Familie soll angesprochen werden und hier ein Zuhause finden. Das zeigt sich daran, dass Familien, die nach einem neuen geistlichen Zuhause suchen, hier ankommen, weil sich die Kinder hier wohlfühlen und die Erwachsenen auch ihre Kontakte finden.»
Gemeinde für alle
Wichtig sei, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, damit die Menschen, wenn es die Gemeinde einmal nicht mehr geben sollte, merken, dass sie fehlt. Verschiedene Angebote bieten gerade kirchenfernen Personen die Möglichkeit, Hemmschwellen und Berührungsängste abzubauen. Gerade die Kinderwoche, die einmal im Jahr stattfindet, wird rege von Kindern besucht, die sich nicht zur Gemeinde zählen.
«Ein muslimisches Kind aus Afghanistan war in den letzten Jahren dabei. An einem Nachmittag hüpfte das Mädchen umher und sang laut: ‘Das isch mini Chile, do füel ig mii dehei.’ Das berührte mich sehr, denn genau das wünsche ich mir, dass Menschen sich hier daheim fühlen dürfen.»
Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern.
Datum: 28.07.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet