Masha und die «bösen Evangelikalen»
Sie stammt aus einem Trennungskrieg, hat Bauchschmerzen, Schlafprobleme, psychosomatische Beschwerden und Schwierigkeiten in der Schule: Die siebenjährige Mascha (Name geändert) wird 2020 durch die Kesb in eine neue Familie fremdplaziert. Eine stabile Familie, scheint es. Aber, o weh, es sind evangelikale Christen. Sie sind der Stiftung «Gott hilft» angeschlossen und besuchen das ICF. Maschas Mutter ist – aus welchen Gründen auch immer – dagegen und beklagt sich beim Journalisten bitter, sie habe ihre Tochter verloren. Mascha selbst kommt nie zu Wort, man erfährt nicht, wie es ihr geht – es wird nur beschrieben, wie sie offenbar fromm indoktriniert wird.
Das ICF wird wie eine strenge Sekte beschrieben: «Die ICF-Anhänger sollen sich voll und ganz dem Glauben verschreiben und ihr Leben nach den Regeln der Freikirche ausrichten. Zweifel am Glauben führen rasch zu Ausgrenzung, so dass ein hoher Anpassungsdruck entsteht.» Und – Achtung: Masha besucht Sommerlager und spielt in einem Musical mit. Die Mutter bemerkt: «Sie redet nicht von Gott (…), sondern immer nur von Jesus». Kommentar des Journalisten: «In evangelikalen Gruppen wird Jesus oft als Star des religiösen Lebens inszeniert (!), zu dem die Gläubigen eine persönliche Beziehung pflegen sollen. Die Bindung an eine idealisierte Figur bildet in neocharismatischen Gemeinschaften eine Grundlage, um eine emotionale Abhängigkeit aufzubauen.» Autsch.
Einseitigkeit als Prinzip
Die Geschichte von Mascha ist eins. Der Stil der Darstellung in der NZZ ist das andere. Wenn es einen Beweis für die Veränderung des Verständnisses von Journalismus brauchte, ist es diese Geschichte. Sie bemüht sich gar nicht erst um eine objektive und sachgerechte Darstellung, sondern stellt die Pflegefamilie, die Stiftung «Gott hilft», das ICF und die ganze evangelikale Freikirchenwelt in ein fragwürdiges, gefährliches Licht. Der Trick dabei: Schon am Anfang wird erklärt: «Deshalb kann diese Geschichte nicht die ganze Wahrheit erzählen. Sie dokumentiert den Fall vor allem aus der Perspektive der Mutter.» Um Masha, ihr Glück und ihre persönliche Entscheidungsfreiheit geht es offenbar nicht, nur um die Mutter, die offenbar nicht damit fertig wird, dass ihre Tochter eigene Wege geht. «Das ist meine Tochter», schreibt sie in einer Whatsapp an den Journalisten. «Sie sieht glücklich aus...» (!), «aber der ICF hat sie mir genommen».
Der Journalist nimmt nun die Frustration der Mutter zum Anlass, seine eigenen Probleme mit der evangelikalen Welt unverhohlen darzustellen: Der Artikel ist durchzogen von den bekannten Stereotypen über «die Frommen». Sie sind eng, haben ein rückständiges Weltbild, kontrollieren, missionieren subtil oder offen. Das Framing ist bekannt, hatten wir alles schon. Sogar der Kesb wird vorgeworfen, dass sie offenbar christlich geprägte Pflegefamilien nicht kritisch genug beurteilt: «All das zeigt, wie eng staatlich beauftragte Pflegekind-Institutionen und evangelikale Netzwerke teilweise verflochten sind.» O weh.
Facebook-Reaktionen: «Tendenziöser Müll»
Die Reaktionen auf dem Facebook-Profil der NZZ zeigen, wie die einseitige und tendenziöse Darstellung bei Lesern ankommt: «Die Tochter ist glücklich. Die Mutter ist darüber unglücklich. Und der Autor ist empört, dass der Mutter das Recht verweigert wird, ihre Tochter unglücklich machen zu dürfen. Wo ist hier der Fehler?», heisst es etwa. Und: «So ein Quatsch, ich bin selber im ICF, in unserer Gemeinde wird niemand schikaniert oder mit Zwang in einen Bann gezogen», schreibt Miriam Staub. Für Simon Buess ist klar: «Tendenziöser Müll mal wieder. Das ICF hat seine Fehler, hauptsächlich der Umgang mit LGBT-Menschen, aber der Rest der Behauptungen ist einfach nur lächerlich. Man wird weder finanziell noch sonst irgendwie abhängig gemacht.»
Tom Sens fasst zusammen, was viele sagen: «Selten so einen lächerlich schlecht recherchierten, einseitigen Bericht gelesen.» Michael Rudhart schliesslich findet auch etwas Gutes an diesem Artikel: «Dank NZZ setzen sich nun viele mit dem Thema Gott auseinander, und wenn dadurch nur einer zurück zu ihm findet, hat es seinen Zweck erfüllt.»
Zum Autor: Reinhold Scharnowski ist Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. 21 Jahre war er Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, dazu Leiter von DAWN Europo und drei Jahre Missionar in Bolivien. Heute im «Unruhestand», seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.
Datum: 11.07.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Livenet