Gottes Welt steht auf dem Kopf
Für Gott haben Kinder immer schon eine besondere Bedeutung gehabt. Jesus setzt dahinter ein Ausrufezeichen, indem er darauf hinweist: «Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet!» (Matthäus 18,10; LÜ)
Wie Kinder verachtet werden
Wie werden Kinder heute verachtet? Es ist so schnell passiert, es geschieht millionenfach an jedem Tag, rund um den Erdball.
Das bedeutet nicht nur, dass sie nicht für voll genommen werden, sondern sie werden ausgenutzt, missbraucht, für die Ziele von Erwachsenen eingesetzt – und sie können sich nicht zur Wehr setzen. Sie haben keine Mittel.
Zwar existieren für Kinder Rechte, nur leider haben sie zu wenige Menschen an ihrer Seite, die sich für diese einsetzen und ihnen zu ihrem Recht verhelfen. Das ist aber notwendig, denn: Kinder werden als Sklaven gehalten (wie ungefähr 500'000 Kinder auf Haiti oder unzählige Kinder auf den Kakao- und Kaffeeplantagen in Afrika). Sie müssen 14 bis 16 Stunden unter unmenschlichen Bedingungen in den Steinbrüchen Indiens arbeiten. Sie werden auf dem Schulweg in Sri Lanka entführt und zu Kindersoldaten gemacht. Sie müssen auf den Müllkippen auf den Philippinen oder in glühender Hitze in Guatemala nach Metall suchen, um von dem Hungerlohn nicht ganz zu verhungern. Kinder müssen als Tagelöhner auf den Obstplantagen Brasiliens mehrmals am Tag bis zu 25 Kilo Orangen tragen und das Tag um Tag, Stunde um Stunde, Minute um Minute. Das machen die Kinder übrigens für uns, damit wir im Discounter billigen Orangensaft in den Einkaufswagen legen können. Sie überstehen diese Torturen oft nur, weil sie ihren Verstand mit Drogen eindämmen, weil sie mit Alkohol den Schrei nach Leben ersticken und sich selbst verbieten, darüber nachzudenken, dass es jemanden gibt, der sich ihr Leben so ganz anders vorgestellt hat.
Wenn ich in Jugendgruppen als Redner zu Gast bin, bringe ich zur Veranschaulichung oft 25 Tetrapacks Orangensaft in einer stabilen Plastiktragekiste mit. Ich frage, wer 13 oder 14 Jahre alt ist und bitte diejenigen dann einzeln, diese Kiste ans andere Ende des Raums zu tragen. Ich habe in Deutschland noch keinen Teenager in diesem Alter getroffen, der das ohne abzusetzen geschafft hat. Aber die Kinder Brasiliens müssen es schaffen und schaffen es auch – mehrmals täglich. Es ist unmenschlich!
Wertlos, auch bei uns …
Wie gehen wir eigentlich in unserer westlichen Welt mit Kindern um? Auch nicht gerade wertschätzend, zuvorkommend und pfleglich: Es werden mit Kindern Pornofilme gedreht, sie werden vernachlässigt, verprügelt, missbraucht und letztlich als wertlos angesehen. Auch in Deutschland haben Kinder keinen guten Stand. Sie verwahrlosen in einer Leistungsgesellschaft, in der die Kräfte der Eltern für das Wirtschaftswachstum oder zum Lebenserhalt verbraucht werden. Kinder stehen auch in unserer Wohlstandsgesellschaft immer ganz hinten in der Reihe. Im nächsten Kapitel werden wir uns mit einigen der Ursachen beschäftigen.
Und Jesus? Er wird zornig! Er wird traurig, wenn eins seiner «Kleinen», eins von denen, die am verwundbarsten sind, stirbt. Er weint, wenn er wieder eins von über 17’000 Kindern, die dieses Schicksal aus Gründen der Folgen von Armut jeden Tag ereilt, in Empfang nehmen muss, weil wir Menschen nicht gelernt haben, auf die Kleinen zu achten.
Er ist alles andere als begeistert, dass über 400 Millionen Kinder in extremer Armut leben müssen. Auf der Welt geht abends einer von neun Menschen ins Bett, ohne etwas gegessen zu haben – und zwar jeden Abend! Hunger ist immer noch das grösste Gesundheitsrisiko weltweit. Mehr Menschen sterben jährlich an Hunger als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen. (WHO 2013, World Hunger and Poverty Statistic). Allein im Jahr 2014 erlaubten sich die Erwachsenen in 171 Staaten dieser Welt rund 1,60 Billionen US-Dollar für Krieg auszugeben. Weniger als 10 Prozent der Ausgaben würden genügen, um die extreme Armut auf der gesamten Welt zu beenden! Ich könnte hier seitenweise Beispiele aufzählen, dass Kinder keine grosse Lobby haben. Ist unsere Unachtsamkeit ein Indiz für unsere Verachtung dieser Kleinen?
… und Jesus weint
Jesus ist traurig und zornig darüber, weil er es so anders gedacht hatte: Er will Segen schenken,
- weil er Kinder liebt,
- weil er sie als wertvolle Stützen für sein Reich ansieht,
- weil er von ihnen begeistert ist und
- weil er möchte, dass es ihnen gut geht.
In der Begebenheit, die in Markus 10 berichtet wird, heisst es: «Und er herzte sie, legte seine Hände auf sie und segnete sie» (Markus 10,16; LÜ). Jesus umarmt die Schwachen, die Kleinen, die Verwundbaren, die von den frommen Jüngern Zurückgestossenen, die Ausgegrenzten. Er umarmt sie, damit sie näher an seinem Herzen sind. Er umarmt sie, und stellt sie als leuchtende Beispiele in den Mittelpunkt: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in Gottes Reich Teilhaber werden (nach Markus 10,15). Das heisst: Wenn ihr Erwachsene bleiben wollt, dann seid ihr draussen! Deshalb noch einmal: Die Kernbotschaft des Evangeliums lautet: Werde Kind!
Weil Jesus Kinder wichtig sind und er um die Verletzlichkeit dieser Kleinen weiss, sagt Jesus seinen Jüngern auch: «Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet!» (Matthäus 18,10; LÜ).
Direkt im Anschluss erzählt Jesus übrigens das Gleichnis von dem verlorenen Schaf. Wir erinnern uns: Ein Hirte hatte 100 Schafe, wovon eins verloren ging. Er lässt die 99 zurück, um das eine zu suchen. Als er es findet, trägt er es auf den Schultern nach Hause und lässt ein Fest feiern. Übrigens: Ein Fest für das Schaf, nicht unter Verwendung des Schafs! Auch damit zeigt er, dass ihm das Kleine, das Verlorene, wichtig ist.
Kinder fördern
In Bezug auf die Art und Weise, wie die Welt tickt, müssen wir erkennen und zugeben: Gottes Welt steht auf dem Kopf. Jesus macht deutlich, dass Kinder sehr viel leichter zu ihm kommen können als Erwachsene. Die Neugierde, das Interesse, das Vertrauen, das «Unbeschwert-glauben-können», all das sind kindlich gute Voraussetzungen, um mit Jesus eine Beziehung anzufangen.
In der Missiologie sprechen wir heute vom 4/14-Fenster. Eine weltweite Untersuchung einiger Wissenschaftler vom kalifornischen Fuller Theological Seminary in den USA sowie von George Barna und Luis Bush hat ein erstaunliches Ergebnis zutage gefördert. Es ging dabei um die Frage, in welchem Alter Menschen sich für ein Leben mit Jesus entscheiden:
Demnach werden 80 Prozent aller Entscheidungen für Jesus im Alter zwischen 4 und 14 Jahren getroffen. Gerade mal 11 Prozent dieser Entscheidungen fallen zwischen 15 und 30 Jahren und nur noch knapp 5 Prozent treffen diese Entscheidung, wenn sie älter als 30 Jahre sind.
Diese Untersuchung zeigt: Kinder sind wichtig für das Reich Gottes! Wir sollen nicht nur werden wie die Kinder, sondern wir sollen uns auch um ihr Wohl besonders kümmern: körperlich, geistig und geistlich. Alles gehört zusammen, wenn Kinder den Segen erfahren sollen, den Jesus für sie bereithält. Wie veränderte Menschen, die in ihrer frühesten Kindheit Glaube, Wertschätzung, Talentförderung und andere positive Unterstützung erfahren haben, ihre Welt verändern können, das erzähle ich in einem späteren Kapitel.
Neu denken
Was bedeutet all das für uns? – Dass es einen Paradigmenwechsel braucht, denn wir vollziehen müssen, wenn wir dem Blick des Sehendmachers nachkommen wollen, wie er Kinder sieht. Seine Welt steht gegenüber unserer auf dem Kopf. Auch unsere Massstäbe müssen auf den Kopf gestellt werden. Wir sollen in einer neuen Weise sehen, denken, fühlen und uns in Zukunft anders verhalten. Wir dürfen neu denken über die «Kleinen» – und Gottes Reich neu überdenken, denn:
Weder derjenige ist der Grösste, der, sich am besten durchsetzen kann noch der, der die besten Argumente für sich hat. Auch Macht und Geld oder eine laute Stimme sind nicht entscheidend, sondern, wer wie ein Kind Gottes Liebe als ein Geschenk annimmt. Vergessen Sie das nicht: Gottes Welt steht auf dem Kopf !
Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter mit Auszügen aus dem Buch «Der Sehendmacher» von Steve Volke. Alle Beiträge zum Buch finden sich hier.
Zum Autor: Steve Volke ist Direktor des christlichen Kinderhilfswerks Compassion, das in 26 der ärmsten Ländern der Welt mit dem Ziel tätig ist, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke war viele Jahre Verleger und ist Autor von über 30 Büchern. Er bloggt regelmässig unter stevevolke-blog.
Datum: 08.07.2026
Autor:
Steve Volke
Quelle:
Buchauszug «Der Sehendmacher»