Livenet-Talk

Karin Härry: Sehnsucht nach echtem Leben

Karin Härry sieht in Bücher weit mehr als ein paar Seiten mit Text
Karin Härrys Geschichte ist von ihrer tiefen Sehnsucht geprägt, echt zu sein. Schon früh wollte sie weder sich selbst noch anderen Menschen etwas vormachen müssen.

Die Buchhändlerin, Erwachsenenbildnerin und Theaterliebhaberin wünscht sich, in ihren verschiedenen Lebensrollen dieselbe zu sein, ob als Mutter, Ehefrau, Vorgesetzte oder Mitarbeiterin. Diese Sehnsucht begleitet sie seit ihrer Kindheit. Sie wuchs in Ostfriesland in einer typischen Nachkriegsfamilie auf. Ihre Eltern arbeiteten hart in einem Eisenwarenladen und einem Restaurant. Im Rückblick vermisst sie nicht, dass sie mehr Geld gehabt hätten, wohl aber Nähe und ein normales Familienleben. Im Livenet-Talk mit Sabine Derron erzählt Karin Härry, was sie geprägt hat.

Bücher öffnen eine neue Welt

In Karin Härrys Familie wurde nicht gelesen. Sie weiss kaum, wie die ersten Bücher ins Haus gelangten, doch bald merkte sie, wie gut ihr das Lesen tat. Michael Endes «Die unendliche Geschichte» liess sie erstmals in eine andere Welt eintauchen. Später erweiterten Bücher wie «Ansichten eines Clowns» von Heinrich Böll oder Hermann Hesses «Siddhartha» neue Perspektiven auf die Gesellschaft und ihre Sicht auf die Freiheit. Bücher waren mehr als Unterhaltung für sie. Sie halfen ihr, Fragen zu stellen, kritisch zu denken und Worte für Erfahrungen zu finden, die sie selbst kaum benennen konnte. Als Sabine Derron sie fragt, ob ein Buch den Menschen tiefer erreichen könne als manches Gespräch, bejaht sie dies uneingeschränkt.

«Ich bin eigentlich ganz anders…»

Das bekannte Zitat des Autors Ödön von Horváth begleitet sie, seit sie es als Titel für eine Ausarbeitung entdeckte: «Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur selten dazu.» Der Satz wurde zum Leitmotiv ihrer Vorträge über Authentizität. Karin Härry unterstreicht damit: «Das Wort 'Eigentlich' steht für das Ich, das ich gerne sein möchte, aber nicht bin.» Bei Frauenfrühstückstreffen und anderen Anlässen gibt sie diesen Gedanken an ihre Zuhörerinnen weiter: Wo leben wir nicht das Leben, das wir im Herzen führen möchten? Wo passen wir uns an die Erwartungen anderer an, obwohl wir tatsächlich etwas anderes möchten? Sie unterstreicht: Wer seine «Eigentlichs» entdeckt, kommt dabei den eigenen Sehnsüchten auf die Spur.

Ein Glaube, der trägt

Karin Härry fand mit Anfang zwanzig zum christlichen Glauben. Dahinter stand nicht nur eine spirituelle Suche, sondern in erster Linie die Frage nach einer verlässlichen Orientierung für das Leben. Sie war überzeugt: «Da draussen ist noch etwas. Und ich glaube, dieses Etwas da draussen ist Gott.» In der Begegnung mit anderen Christen und dem Jesus der Bibel fand sie diesen tragfähigen Grund. Dabei half ihr auch eine Aussage ihres Vaters, der mit Blick auf seine eigenen Erfahrungen mit dem NS-Regime meinte: «Wenn du bereit bist, mal für irgendwas zu sterben, dann schau gut hin, ob es auch wirklich das Richtige ist.» Besonders in der Bergpredigt fand Karin Härry Antworten. Aber mit ihrem Mann Thomas lernte sie auch, mit offenen Fragen zu leben, und inzwischen schätzt sie die Freiheit, Spannungen auszuhalten und unterschiedliche Sichtweisen stehenzulassen.

Prägende Bücher

Besonders prägte sie der Roman «Ein falsches Wort» von Vigdis Hjorth, weil sie darin Dynamiken wiedererkannte, die sie selbst als Jüngste von vier Geschwistern erlebt hatte: das Gefühl, in der Herkunftsfamilie zugleich dazuzugehören und doch fremd zu sein. In Bezug auf den Glauben half ihr in besonderer Weise «Gott» von Manfred Lütz – zum einen das Buch selbst, aber zum anderen auch die Art und Weise des Autors, sich in einer Talkshow nicht provozieren zu lassen, sondern sachlich und ruhig den eigenen Glauben darstellen zu können. Ähnliches gilt für «Unter Heiden» von Thomas Habel. All diese Bücher prägten nicht nur ihr Denken, sondern gaben ihr immer wieder Sprache für das, was sie selbst erlebte.

Neben den Büchern wurde das Theater eine Leidenschaft für Karin Härry. Sie spielte gern und irgendwann schrieb sie auch selbst Szenen und Stücke. Darin greift sie Alltagssituationen, Glaubensfragen und menschliche Konflikte auf – immer mit einem Mix aus Tiefgang und Humor. Ihre Vorlagen sind eigene Erlebnisse und Beobachtungen und sie freut sich, wenn sich Zuschauer nach den Aufführungen erkannt fühlen und etwas über sich selbst entdeckt haben.

Hoffnung weitergeben

Im Gespräch erzählte Karin Härry, dass sie während der Corona-Pandemie selbst in eine depressive Krise geriet. Während «systemrelevante» Arbeiten weiter möglich waren, blieb ihre Buchhandlung leer, ihre Veranstaltungen fielen aus und die Isolation belastete sie stark. Halt fand sie in dieser Phase in der Bibel, in Büchern zum Gebet und in bewussten Zeiten der Stille. All dies veränderte ihren Blick auf Menschen. So begegnet sie Ratsuchenden in ihrer Buchhandlung heute verstärkt mit Verständnis für Krisen und die grossen Fragen des Lebens. Als Leiterin einer eigenen Buchhandlung in Aarau weiss sie, dass diese nicht allein von Büchern lebt, sondern von Menschen, die für ihre Themen brennen. Ihre Kundinnen und Kunden sollen Orientierung, Inspiration und neue Perspektiven finden – und ein offenes Ohr. Das Interview zeigt, dass es sich lohnt auf die «Eigentlichs» im Leben zu hören. Dahinter könnte genau die Person warten, die du schon immer sein wolltest.

Zum Talk:

Datum: 30.06.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Werbung
Livenet Service
Werbung