Wenn Gerechtigkeit Frieden schafft
Wir haben es heute mit globalen Herausforderungen zu tun, die unser eigenes Leben vor grundlegende Fragen eines guten und gerechten Zusammenlebens stellen. Gibt es eine allgemein gültige Gerechtigkeit, die sich auf alle Menschen und Gesellschaften anwenden lässt? «Was ist Gerechtigkeit?», lautet die zentrale Frage für uns. Wagen wir einen Blick in die Bibel. Welche Vorstellungen Gottes von Gerechtigkeit begegnen uns hier?
Friede und Gerechtigkeit wie ein ein Liebespaar
In der Bibel spielt neben dem Begriff des Schaloms (Friede) vor allem der Begriff Gerechtigkeit eine zentrale Rolle. Die beiden sind ein «Liebespaar» – ein Bild, das die Bibel selbst malt: «Gerechtigkeit und Friede küssen sich» (Psalm 85,11). Gerechtigkeit im biblischen Sinne ist untrennbar mit Gott selbst verknüpft: Gottes Wesen ist Gerechtigkeit (Psalm 11,7). Über 3'000 Mal greift die Bibel das Thema Gerechtigkeit auf, oft im Zusammenhang von Armut und sozialer Ungerechtigkeit. Es geht also nicht um eine Randerscheinung, sondern um eine der zentralen Aussagen der Bibel – ja, im Kern geht es um Gott selbst.
Zwei Bibelstellen aus dem Alten Testament sollen stellvertretend zeigen, dass Gottes Vorstellung von Gerechtigkeit sich in konkreten Situationen zeigt:
«Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.» (Jesaja 58, 9-10)
«Denn der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb. Die Frommen werden schauen sein Angesicht.» (Psalm 11,7)
Gottes Charakter ist Gerechtigkeit
Der Psalm zeigt: In der Gerechtigkeit selbst kann man Gottes Angesicht erkennen. Gott steht für die Notleidenden ein und identifiziert sich mit ihnen (Psalm 103,6 und Amos 5,11f.). Dieses Verständnis wird im Neuen Testament aufgenommen und von Jesus weitergeführt. Er ist in die Welt gekommen, um die Welt zu retten (Johannes 3,16) und das Reich Gottes in dieser Welt aufzurichten.
Dabei kommt das Reich Gottes als zentrales Motiv bei Jesus immer wieder vor. Mit ihm bricht das Reich Gottes mitten in der Ungerechtigkeit dieser Welt an. Und es beginnt, uns zu verwandeln, damit Gottes Gerechtigkeit immer wieder sichtbar wird.
Deshalb sagt Jesus: «Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen» (Matthäus 6,33). Jesus nennt besonders drei Gruppen, die im Fokus des Reiches Gottes stehen:
- Heil für Menschen mit sozialen Nöten wie Arme, Hungernde, Verfolgte oder auch Weinende (Matthäus 5,3ff.; Lukas 6,20f.)
- Heil für Menschen mit physischen Einschränkungen wie Eunuchen, die nicht in den Tempel gehen durften (Matthäus 19,12; 5. Mose 23,2), Kranke oder auch von Dämonen Besessene (Matthäus 12,28)
- Heil für Menschen mit moralischen Defiziten wie Zöllner und Prostituierte (Matthäus 21,43)
Die Liebe Gottes zeigt sich im Reden und Handeln Jesu. Er wendet sich den Menschen vorbehaltlos zu, ohne Vorurteile oder gesellschaftliche Etiketten. Er verkörpert vollkommene Vergebung und Annahme. Diese Liebe ist so kraftvoll, dass schon eine Berührung mit ihm Körper und Seele heilen kann, wie bei der erkrankten Frau (Matthäus 9,22).
In Jesu «Mit-Menschlichkeit» sehen wir, was es heisst, wenn Gottes Reich anbricht und eine neue Logik gilt. Das Reich Gottes ist eine Freuden- und Friedensbotschaft, besonders für die Verachteten, Ausgegrenzten, Armen und Trauernden.
Dabei erleben wir jeden Tag, dass das Reich Gottes angebrochen, aber noch nicht vollendet ist. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich auf dieser Erde oft nur bruchstückhaft, und doch bleibt es sein Herzensanliegen, dass sie Wirklichkeit wird. Die Bibel bezeugt dies immer wieder.
Vertiefung
- Bist du dem Begriff «Schalom» schon begegnet?
- Welche Assoziationen verbindest du damit?
- Tausch dich bei einer nächsten Gelegenheit mit jemandem darüber aus.
Action Steps
Kontemplation: Lectio Divina zu Jesaja 58, 6-9. Die Lectio Divina ist eine verbreitete und sehr alte Form der betenden und meditierenden Bibellese. In vier Schritten ist die Lectio Divina eine Möglichkeit, dem Abschnitt aus Jesaja 58,6-9 anders zu begegnen, als du das vielleicht bisher gewohnt warst. Eine Anleitung zu den Schritten lässt sich einfach im Internet finden.
Lukas Gerber hat den Beitrag auf Grundlage des Kursbuches Just People für dieses Format überarbeitet. In diesem Dossier findest du alle Beiträge zum Just People Kurs.
Der Just People-Kurs wurde von StopArmut und Micha Deutschland herausgegeben. Der Kurs ist als Buch, in digitaler Form und auch speziell für Jugendliche erhältlich. StopArmut ist eine Sensibilisierungskampagne, die von Interaction, dem Dachverband christlicher Entwicklungsorganisationen aus der Deutschschweiz und der Romandie getragen wird. StopArmut ruft dazu auf, sich als Ausdruck gelebter Nächstenliebe für eine gerechtere und barmherzigere Welt einzusetzen.
Datum: 09.09.2026
Quelle:
Just People Kurs; für dieses Format überarbeitet