Eine Einladung zum 8. Schöpfungstag
Mit den planetaren Grenzen sind wir an einer äusserst kritischen Stelle in der Geschichte der Menschheit und der Erde angekommen (siehe auch die vorherige Lektion vom Kurs). Wollen wir weiter dem Pfad folgen, auf dem nicht mehr gewährleistet ist, dass die Welt bewohnbar bleibt? Wir sind gefordert, mit den Grenzen dieser Erde umzugehen.
Die Entscheidung dafür, das Problem wahrzunehmen, bedeutet also, sich beherzt für den Schutz der Schöpfung einzusetzen. Eines ist dabei aber unvermeidlich: Unser Lebensstil in Europa und unser weltweites Wirtschaftssystem müssen sich verändern, ob wir wollen oder nicht. Die Lebensweise der Menschen in der Schweiz beansprucht rund drei Erden. Wenn alle auf der Welt einen solchen Lebensstil hätten wie wir, bräuchte es die Ressourcen von drei Erden, um ihn aufrecht erhalten zu können. Es ist also unmöglich, dass wir diesen Status quo in Europa noch lange halten können. Wir verbrauchen heute schon die Ressourcen zukünftiger Generationen.
Gottes Wirken «wie im Himmel, so auf Erden...»
Oft scheint es so, als würden manche Christen den Fokus ihres Interesses nicht auf unsere Gegenwart, die aktuelle Gesellschaft und die globale Gemeinschaft legen. Dabei wird die Gegenwart zu rasch mit der Geschichte des Sündenfalls und der Perspektive eines schlechten Weltendes aufgelöst. Aber Gottes Geschichte mit unserer Welt beginnt nicht beim Sündenfall. Nein, die Bibel erzählt schon vorher in Kapitel 1 von einer guten Welt, einem Universum, durch das von Anfang an Gottes wiederkehrendes «Und siehe: Es war gut, gut, gut...» hallte. Gottes Geschichte mit dieser Welt endet auch nicht mit dem Untergang der Welt, sondern viel mehr damit, dass wir hoffnungsvoll das neue Jerusalem erwarten dürfen, das auf diese Welt kommt (Offenbarung 21,2)
Die Bibel erzählt von einem Gott, der sich mit seinem Sohn Jesus Christus in den Schmerz der Welt hineinbegibt. Diese Welt ist trotz eines Bruchs – man kann ihn Sündenfall nennen – kein Ort, dem man entkommen müsste. Im Gegenteil! Das Ziel der Geschichte ist eine erneuerte Welt. Oder, um es mit den letzten Worten der Bibel auszudrücken: das himmlische Jerusalem, das auf diese Erde kommt. Wer «Dein Reich komme» im Vaterunser ernsthaft betet, der kann sich kaum in blinden Optimismus oder einen zynischen Pessimismus flüchten und die Spannung einseitig auflösen.
In der Spannung entwickeln wir einerseits eine hohe Wertschätzung des Schönen, das in der Schöpfung angelegt ist und immer wieder aufscheint. Und andererseits entwickeln wir eine grosse Unzufriedenheit mit dem Status quo. So entsteht die Sehnsucht danach, dass Zerstörtes wieder heil wird.
Der 8. Schöpfungstag – Verantwortung heute
Eine solche Spannung könnte man auch die Spannung des 8. Tages nennen. Vorher hat er die Menschen als Ebenbilder geschaffen. Gott hat in uns die Fähigkeit angelegt, seine Mitschöpferinnen und Mitschöpfer zu sein. Wir haben den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Das könnte man auch als den 8. Tag der Schöpfung bezeichnen. Der Tag, an dem wir Menschen die Teilhabe und damit die Verantwortung für die Schöpfung annehmen.
Auch die Gott-Ebenbildlichkeit beinhaltet eine Spannung. Wir Menschen sind Gottes Ebenbild. Wir sind wertvoll. Aber: Wir sind nicht Gott, wir sind geschaffen «zu seinem Bild».
Ein Leben im Bewusstsein des 8. Tages bedeutet, dass wir uns dieser Teilhabe bewusst werden. Uns ist die Aufgabe anvertraut, diese Welt zu erhalten. Damit ist die biblische Friedensbotschaft heute immer noch topaktuell.
Vertiefung
- Gibt es Bereiche, in denen es dir schwerfällt, Glauben und Theologie mit der realen Welt zusammen zu denken und aufeinander zu beziehen?
- Wie erlebst du das Verhältnis zwischen der guten Schöpfung Gottes und ihrem derzeitigen Zustand? Ist für dich überhaupt eine Spannung wahrzunehmen, und wenn ja, woran machst du sie fest?
- Welche Erklärungsmodelle kennst du, die diese Spannung leugnen oder einseitig auflösen? (Beispiel: Warum sollte man sich einsetzen, wenn die Welt sowieso untergeht?)
Action Steps – Lokale Armut wahrnehmen
Wähle eins der Themen!
- Aufmerksamkeit: Die kleine Geste, die viel bedeutet. Wenn du einem wohnungslosen Menschen begegnest, dann zeige ihr oder ihm deinen Respekt, indem du freundlich «Hallo» sagst und damit deutlich machst, dass du ihn siehst. Bringe ihr oder ihm in der nächsten Woche auf deinem Weg zur Arbeit/Uni/Kita morgens einen Kaffee oder Kakao vorbei.
- Zeit nehmen: Suche das Gespräch mit einem wohnungslosen Menschen. Neben Hunger und Armut kann auch die soziale Isolation zermürbend sein. (Tipp: Sprich klar und direkt, begegne dem Menschen auf Augenhöhe, stelle eine Frage oder biete eine Kleinigkeit an. Lade den oder die Wohnungslose zum Essen ein, damit ihr euch ein wenig kennenlernt.)
Lukas Gerber hat den Beitrag auf Grundlage des Kursbuches Just People für dieses Format überarbeitet. In diesem Dossier findest du alle Beiträge zum Just People Kurs.
Der Just People-Kurs wurde von StopArmut und Micha Deutschland herausgegeben. Der Kurs ist als Buch, in digitaler Form und auch speziell für Jugendliche erhältlich. StopArmut ist eine Sensibilisierungskampagne, die von Interaction, dem Dachverband christlicher Entwicklungsorganisationen aus der Deutschschweiz und der Romandie getragen wird. StopArmut ruft dazu auf, sich als Ausdruck gelebter Nächstenliebe für eine gerechtere und barmherzigere Welt einzusetzen.
Datum: 02.09.2026
Quelle:
Just People-Kurs; für dieses Format überarbeitet