Nachgefragt

«Am Ende sind wir alle Menschen»

Leticia Böcker
Leticia Böcker (28) ist aktuell Filialleiterin in einer grossen Supermarktkette und absolviert gerade ein Aufbaustudium. Bereits in ihren vorigen Stellen hatte sie Leitungs- und Personalverantwortung.

Volle Tage, ein hoher Stresslevel, schnelle Entscheidungen und neben der Verantwortung fürs eigene Team eine grosse Kundennähe – all das macht den Arbeitsalltag der jungen Filialleiterin aus. Was motiviert sie dafür? Und wie lebt sie dabei ihren Glauben? Mit Leticia Böcker sprach Hauke Burgarth.

Leticia, wie fiel bei dir die Entscheidung, Führungskraft zu werden?
Leticia: Ich habe schon früh in der Familie Verantwortung übernommen, weil meine Mutter alleinerziehend und vollzeitig berufstätig war. Beruflich fiel die Entscheidung dazu in der Berufsschule durch eine damalige Lehrerin. Die sagte mir: «Leticia, du hast das Zeug, zu führen. Studiere nach der Ausbildung und werde Führungskraft.» Mein damaliger Chef im Fitnessstudio sah ebenfalls das Potenzial in mir, versorgte mich mit Büchern über Führung und coachte mich in diesem Bereich. Seitdem ich 21 bin, arbeitete ich als Teamleiterin im Fitnessstudio, als ich 24 wurde, wechselte ich dann als Abteilungsleiterin in ein Möbelhaus.

Wie prägt dein persönlicher Glaube deinen Führungsstil?
Er gibt mir eine Richtlinie. Tatsächlich begegne ich in meiner Position wenigen Menschen, die einen starken Glauben mitbringen. Aber mir gibt er Orientierung, weil ich durch meinen Glauben weiss, was für mich moralisch in Ordnung ist, was in eine gute Richtung geht. Viele denken, dass du gerade als Frau sehr dominant sein musst. Und ich erlebe auch ganz viel Druck, aber der Glaube unterstützt mich dahingehend, dass ich meine Entscheidungen nicht nur im Sinne des Unternehmens treffe, sondern auch als Mensch. Als Mensch, der einen Glauben mitbringt. Oft sage ich mir: »Wenn ein Mitarbeiter ein Problem hat, dann würde das die Firma nicht grossartig interessieren, aber mich als Mensch und gerade als Christin interessiert es.» Und dann höre ich den Menschen zu und möchte sie auch unterstützen. Ich habe ein morgendliches Ritual, das mir dabei hilft. Ich fahre um 5.20 Uhr zur Arbeit und brauche ungefähr 30 Minuten für den Weg. Während der Fahrt rede ich mit Gott und teile ihm meine Probleme und Wünsche mit, bespreche den Tag mit ihm und bitte ihn einfach, den Tag über bei mir zu sein.

Wie gehst du mit Wertekonflikten zwischen der Firma und dem, was du von Gott als richtig ansiehst, um?
Das ist eine schwierige Frage, denn ich habe auch schon personelle Entscheidungen treffen müssen, die ich persönlich lieber nicht getroffen hätte. Gerade in Bezug auf Exit-Gespräche – das ist Teil meines Jobs. Das bespreche ich auch mit Gott. Und manchmal darf man Frau Böcker nicht anmerken, dass es mich als Leticia berührt. So etwas nehme ich nach der Arbeit mit nach Hause, sonst wäre ich wahrscheinlich kein Mensch. Und ich rede mit Gott darüber und bitte ihn auch, den Menschen zu helfen, denen ich mit vielleicht etwas nehmen musste. Auf der anderen Seite bitte ich ihn auch, mir zu helfen, das zu verarbeiten und damit umzugehen.

Hast du einen Rat für andere junge Menschen, die sich überlegen, im weitesten Sinn als Führungskraft zu arbeiten?
Ja: Rede mit Gott und sprich mit anderen in deiner Gemeinde. Mir hat das sehr geholfen. In meiner letzten Arbeitsstelle war ich an einem Punkt angekommen, wo ich fast verzweifelte an meinem Job, weil der Druck enorm hoch war und ich dachte: «Irgendwie passt das nicht zusammen.» Ich konnte und wollte nicht die anzugtragende, knallharte Führungskraft sein und auf der anderen Seite die Christin, die als private Person völlig andere Entscheidungen treffen würde. Damals haben mir viele Gespräche mit meinem Pastor und anderen Gemeindemitgliedern geholfen, das zu reflektieren. Am Ende darf man sich einfach nicht unterkriegen lassen. Ich bin eine junge Führungskraft und noch keine zehn Jahre im Beruf und entwickle mich ständig weiter, deshalb rate ich anderen: Habe einfach einen langen Atem und lass dich nicht unterkriegen.

Das gilt in besonderer Weise für Frauen. Als ich in meinem vorigen Job anfing, war ich die einzige weibliche Führungskraft unter älteren, autoritären Männern. Ich war 24, sie waren alle jenseits der 40. An meinem ersten Tag hatten wir ein Meeting mit allen Führungskräften. Jeder konnte sich mit einer langen und beeindruckenden Vita vorstellen – meine war eher kurz und die Blicke der Männer im Raum sagten alles. In der Pause hörte ich dann, wie einer von ihnen meinte: «Wer soll diese junge Fitnesstrainerin denn ernst nehmen?» Ich dachte mir nur: «Dir werde ich es zeigen.» Am Ende meiner vier Jahre in der Möbelfirma war ich, mit Ausnahme von zwei Kollegen, die einzige Führungskraft, die noch im Unternehmen tätig war. Deshalb gilt es besonders für Frauen: Ellbogen raus und lass dich nicht unterkriegen! Das, was ein alter, weisser Mann sagt, ist nicht immer das Richtige.

Was tust du aktiv, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen?
Ich versuche, mich zu reflektieren, jetzt mein Bestes zu geben und noch besser zu werden. Aber in erster Linie versuche ich, Mensch zu bleiben in meiner Rolle, in meiner Aufgabe. Ich weiss dann, dass ich in meinem Markt unterwegs bin, die Schicht leite und Verantwortung trage. Und klar treffe ich da autoritäre Entscheidungen. Aber auf der anderen Seite suche ich den direkten Draht zu meinen Mitarbeitenden und weiss genau: Ich habe zwar den Titel Filialleiterin, aber am Ende des Tages sind wir alle Menschen. Das versuche ich, mir immer vor Augen zu halten.

Vielen Dank für das Gespräch, Leticia.

Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich.

Datum: 04.07.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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