Spannung aushalten oder auflösen?
Als Christen sehen wir in den biblischen Schöpfungserzählungen eine vielfältige und gute Welt, während unsere heutige Realität oft auf vereinfachte Gegensätze reduziert erscheint.
Ein Gedankenexperiment: Wir lesen die Schöpfungserzählung bewusst in ihrer Spannung, ohne sie sofort aufzulösen (frei erzählt nach dem 1. Buch Mose, Kapitel 1):
Wir lesen: «Gott sprach, es werde Licht» – und sehen in den Nachrichten: So viel Finsternis.
Wir lesen: «Die Erde sei fruchtbar» – und hören von Hungersnöten, die viele Menschen fliehen lassen.
Wir lesen: «Gott schafft die gute Sonne» – und erleben: Unser Globus wird wärmer und wärmer.
Wir lesen: «Das Meer wimmele von Wassertieren» – und erfahren von überfischten Weltmeeren.
Wir lesen von Tieren, die Gott jedes nach seiner Art geschaffen hat – und wissen, dass Tiere oft nicht artgerecht gehalten werden.
Wir lesen vom Menschen als Gottes Ebenbild – und leiden an der Zerrissenheit unseres Selbstbildes, mehr Zerrbild als Ebenbild Gottes zu sein.
Dieses Spannungsverhältnis zwischen der idealen, vielfältigen Schöpfung und unserer heutigen Realität wird besonders deutlich, wenn wir genauer hinschauen. Wir sehen die Welt oft nur in Ausschnitten und in der Perspektive von Gut oder Böse, Richtig oder Falsch, Drinnen oder Draussen.
Oft sehen wir von der ursprünglichen Schöpfungsidee nicht mehr viel. Oder vielleicht noch nicht viel? Nicht so viel jedenfalls, wie wir eigentlich könnten.
Widersprüche schon am Frühstückstisch
Schon am Frühstückstisch werden diese parallelen Lebenswirklichkeiten manchmal erfahrbar: Wir sitzen in der Familie, in der WG oder mit guten Freunden am Tisch und geniessen die Gemeinschaft an einem reich gedeckten Tisch. Im Kopf lauert schon der vor uns liegende Tag. Und dann schleicht sich kurz der Gedanke ins Bewusstsein: Wie viele dieser Produkte auf dem Tisch könnten eine Geschichte der Ungerechtigkeit erzählen? Schnell wird der Gedanke verdrängt: Keine Zeit dafür jetzt!
Aber kaum wieder ins Gespräch vertieft, wird man von einer Push-Nachricht auf dem Handy unterbrochen: Schon wieder eskaliert ein Konflikt irgendwo auf der Welt, schon wieder müssen Menschen fliehen. Ein Stossgebet gesprochen, vielleicht die Losungen gelesen und dann starten wir in den Tag.
Spannungen aushalten
Wir leben in Spannungen. Irgendwie sind wir mit der ganzen Welt verbunden und doch scheint alles so weit weg. Wir sind auf der Suche nach dem guten Leben für uns, unsere Familie, für Freundinnen und Freunde und ahnen doch: Dies geschieht auf Kosten von anderen in der Welt. Und so leben wir zwischen Alltag, Beziehungen, Glaube und einer Art Weltschmerz, der sich mal mehr und mal weniger in unser Bewusstsein schleicht.
Da steht etwas in Spannung! Vor allem hier in Europa, wo wir den Zustand der Welt und das Leid vor allem in Form von Bildern, Erzählungen und Zahlen nachvollziehen können. Er betrifft uns nicht direkt, es ist das Leid der anderen, auch wenn wir uns manchmal kurz betroffen fühlen.
Löst der Glaube Spannungen auf?
Auch im Glauben und in unseren Kirchen ist das ähnlich: Wir singen Lieder über den guten Schöpfer, seine herrliche Schöpfung, wie er uns befreit und welche Liebe er zu den Menschen und seiner Schöpfung hat. Aber wie ist das vereinbar mit dem Leid dieser Welt, mit dem wir täglich über Fernsehen, Zeitungen oder soziale Medien konfrontiert sind?
Statistische Sehhilfe – Die Welt als Dorf
Es gibt eine Art Sehhilfe, die uns die weitläufigen Horizonte unserer globalen Menschheitsgemeinschaft näherbringen kann. Dazu muss man sich die Welt einfach mal als Dorf mit 100 Menschen vorstellen. Auf diese 100 Menschen wird die Statistik der gesamten Weltbevölkerung umgerechnet: Armut, Reichtum und die Verteilung der lebensnotwendigen Ressourcen wie Land, Wasser oder Nahrung.
Das macht es etwas leichter, die grossen Zahlen zu verstehen – wer kann sich schon wirklich vorstellen, was 1'085'000'000 unterernährte Menschen weltweit wirklich bedeuten?
Statistische Lichtblicke
Diese Lichtblicke zeigen, dass sich der Einsatz für Gerechtigkeit lohnt und positive Veränderungen geschehen. Diese Veränderungen sind aber in Gefahr: Globale Wirtschaftskrisen, Kriege und Umweltkatastrophen führen immer wieder zu grossen Rückschlägen.
Vertiefung
- Lies dir die Abbildungen der Welt als Dorf sowie die statistischen Lichtblicke genau durch!
- Was würde passieren, wenn dieses Dorf wirklich existierte?
- Zu welcher Gruppe gehörst du hier in der Schweiz?
- Welche Emotionen werden durch diese Zahlen in dir geweckt?
In einem kurzen Video erfährst du, wie eine Gemeinde sich dafür einsetzt, damit etwas von der guten Schöpfung sichtbar wird:
Action Steps:
Was würdest du gerne mal mit anderen selbst umsetzen?
Lukas Gerber hat den Beitrag auf Grundlage des Kursbuches Just People für dieses Format überarbeitet. In diesem Dossier findest du alle Beiträge zum Just People Kurs.
Der Just People-Kurs wurde von StopArmut und Micha Deutschland herausgegeben. Der Kurs ist als Buch, in digitaler Form und auch speziell für Jugendliche erhältlich. StopArmut ist eine Sensibilisierungskampagne, die von Interaction, dem Dachverband christlicher Entwicklungsorganisationen aus der Deutschschweiz und der Romandie getragen wird. StopArmut ruft dazu auf, sich als Ausdruck gelebter Nächstenliebe für eine gerechtere und barmherzigere Welt einzusetzen.
Datum: 19.08.2026
Quelle:
Just People-Kurs; für dieses Format überarbeitet