«Du gehörst dazu, so wie du bist»
«Ich war ein fauler Schüler, verbrachte lieber Zeit mit Handball», gesteht Daniel Röthlisberger. Seine Noten boten ihm nicht viele Optionen. Ohne sich besonders für Autos zu interessieren, lernte er Automechaniker. Erst mit 28 Jahren kaufte er sich seinen ersten Wagen. Nach der obligatorischen Schulzeit änderte sich seine Einstellung zum Lernen. Er holte das KV nach, absolvierte später die Ausbildung zum Personalfachmann, leitete einige Jahre das RAV in Langenthal und studierte schliesslich Betriebswirtschaft. «Ich habe die Theorie immer erst angepackt, wenn ich bereits in dem Bereich gearbeitet hatte. So konnte ich nachvollziehen, was ich intuitiv richtig gemacht hatte», hält der 56-Jährige fest. Seit Jahresbeginn ist Röthlisberger CEO der Klinik SGM (Stiftung für ganzheitliche Medizin) in Langenthal. Hier kann er seinen Leitsatz umsetzen: «Ich liebe es, mit Menschen unterwegs zu sein und ihr Potenzial zum Strahlen zu bringen.»
Verbundenheit
Der dreifache Familienvater wuchs in der Gegend auf. Die anerkannte Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik kennt er seit vielen Jahren. Als Mitglied der Geschäftsleitung setzt er sich nun wie seine Vorgänger dafür ein, dass die Rahmenbedingungen für Mitarbeitende und Patienten ein heilsames Miteinander ermöglichen.
«Ich habe die Theorie immer erst angepackt, wenn ich bereits in dem Bereich gearbeitet hatte. So konnte ich nachvollziehen, was ich intuitiv richtig gemacht hatte.»
Die Klinik arbeite nach einem ganzheitlichen biopsychosozialen Modell, bei dem auch Spiritualität ihren Platz habe. «Ein gesunder Glaube kann Resilienz und Genesung fördern», hält Röthlisberger fest. Die Teilnahme an geistlichen Angeboten sei selbstverständlich freiwillig. Viele Patientinnen und Patienten kämen jedoch gerade deshalb zu ihnen, weil sie hier offen über ihr Gottesbild und ihre spirituellen Erfahrungen sprechen könnten.
«Ich liebe es, mit Menschen unterwegs zu sein und ihr Potenzial zum Strahlen zu bringen.»
«Als sehr bereichernd erleben viele auch den Austausch mit anderen Patienten», weiss Röthlisberger. Es gebe keinen Grund, sich für eine psychische Krankheit zu schämen – in der Klinik hätten alle Ähnliches erlebt. Das erlaube ehrliche Gespräche und man fühle sich verstanden. Es entstünden auch Freundschaften über den Klinikaufenthalt hinaus.
«Ein gesunder Glaube kann Resilienz und Genesung fördern.»
Geplatzter Traum
Bis zu seinem 24. Lebensjahr spielte der Glaube für Röthlisberger eine untergeordnete Rolle. Eine unerfüllte Liebesgeschichte stürzte ihn in eine Krise. «Gott – gibt es dich wirklich?» wollte er wissen. Gott antwortete ihm mit einer klaren Vision. Zudem erkannte er, dass es nicht reicht, ein guter Mensch zu sein. Er ging auf die Knie und bat Jesus, ihm seine Verfehlungen zu vergeben. Seither folgt er Jesus nach und erlebt diese Beziehung als tragfähig und heilsam. Dies ist nun über 30 Jahre her, doch Gott fasziniert ihn und seine Familie immer wieder neu. Gemeinsam besuchen sie die Gottesdienste der Heilsarmee Huttwil.
Bis Ende 2019 war Röthlisberger Direktor des Sozialwerks der Heilsarmee Schweiz, danach Geschäftsführer einer Firma für Dienstleistungen in der gesetzlichen Sozialhilfe. Nun gehört er zur Klinikleitung der Klinik SGM und bekräftigt: «Titel sind mir nicht wichtig, die Tür zu meinem Büro steht jederzeit offen.» Er schätzt Begegnungen auf Augenhöhe – jeder solle seine Anliegen aussprechen können, ohne Angst vor Konsequenzen. Auch pflegt Röthlisberger eine Fehlerkultur, die nicht fragt: «Wer ist schuld?», sondern: «Was können wir daraus lernen?»
Männerinsel
Die Not psychisch erkrankter Menschen bewegt den Geschäftsführer. Dass die SGM mit der Männerinsel eine Abteilung anbieten kann, die spezifisch auf Männer ausgerichtet ist, erachtet er als Privileg. Die Nachfrage sei gross – gerade Männern tue es gut, an diesem geschützten Ort Leidensgenossen zu begegnen. «Das klare Festhalten an christlichen Werten und der Einbezug von Spiritualität eröffnen weitere Möglichkeiten, gesund zu werden», führt Röthlisberger aus. Immer wieder besuchen Fachpersonen aus anderen Gesundheitseinrichtungen die Klinik, um sich darüber auszutauschen, wie Glaubensfragen achtsam in die Behandlung einbezogen werden können. Gleichzeitig gebe es auch Menschen, die belastende Erfahrungen mit der Kirche oder kirchlichen Vertretern gemacht hätten. Solche Erlebnisse würden in der Therapie bewusst aufgegriffen, damit die Betroffenen einen gelingenden Umgang damit finden können.
Trainingsphase
Die Wartelisten für Therapien bei psychischen Erkrankungen sind lang. Gleichzeitig gehe der Trend weg von stationären hin zu ambulanten Behandlungen. Deshalb hat die Klinik bereits fünf Ambulatorien eröffnet. Nach einem stationären Aufenthalt sei die Rückkehr in den Alltag oft herausfordernd – insbesondere dann, wenn psychosoziale Umstände zur Erkrankung beigetragen haben. Röthlisberger wünscht sich deshalb mehr Möglichkeiten, das Gelernte in einem geschützten Rahmen weiter einzuüben. Auch Kirchgemeinden könnten dabei eine wichtige Rolle spielen, indem sie psychisch herausgeforderte Menschen begleiten und mittragen – selbst dann, wenn eine Krankheit nicht geheilt werden kann. «Gott heilt, ja, aber nicht alles, nicht immer schnell und manchmal auch gar nicht», hält er fest. Der Gesellschaft und auch gläubigen Christen falle es oft schwer, dies hinzunehmen: «Der Umgang mit Leid fordert uns heraus. Dass Krankheit zum Leben gehört, akzeptieren wir oft nicht.» Hier gelte es, eine neue Haltung zu erlernen, Anteil zu nehmen am Leid des Nächsten und zu vermitteln: «Du gehörst dazu, so wie du bist.»
«Der Umgang mit Leid fordert uns heraus.»
Vorbeugen
Ein weiteres Thema, das Röthlisberger am Herzen liegt, ist die Prävention. Die Wartezeit für eine psychotherapeutische Behandlung betrage oft mehrere Monate. Umso wichtiger sei es, Familien frühzeitig zu stärken. «Für alles braucht man eine Ausbildung, nur für das Familienleben nicht …», gibt er zu bedenken. Auch hier wünscht er sich Kirchen als Orte, an denen Familien ehrlich über ihre Herausforderungen sprechen können und Begleitung erfahren. «Kliniken können Gemeinden mit ihrem Fachwissen unterstützen.» Röthlisberger ist überzeugt, dass sich in diesem Bereich noch viel zum Positiven bewegen lässt.
ZUR PERSON
Meine liebste Jahreszeit ist….
der Herbst – er riecht am besten.
Was bringt dich zum Lachen?
Oft normale Alltagssituationen.
Altbekanntes oder Neues?
Ich gehe gerne neue Wege – was mein Umfeld ziemlich herausfordern kann.
Was wäre der Titel deiner Autobiografie?
«Er hielt fest an dem, was er erkannt hat.»
Datum: 08.09.2026
Autor:
Mirjam Fisch
Quelle:
Hope