Eva Leuenberger

Frieden zum Mitnehmen

Eva Leuenberger
Eva Leuenberger ist Pfarrerin in Lauterbrunnen. Der Ort wird von vielen Touristen besucht – nicht immer zur Freude der Bevölkerung. Die regionalen Kirchgemeinden reagieren darauf, indem sie Besucherinnen und Besuchern ermutigende Bibelworte mitgeben.

«Jeden Tag fahren um die 4500 Autos zu uns ins Tal und wieder hinaus – das hinterlässt bei den Einheimischen Spuren», erzählt Eva Leuenberger. Die reformierte Kirchgemeinde Lauterbrunnen umfasst die Dörfer Lauterbrunnen, Wengen, Mürren, Gimmelwald, Stechelberg und Isenfluh. Die an Naturschönheiten reiche Region ist ein Touristenmagnet. Dass Reisende aus aller Welt private Gärten und Lebensräume betreten, gehört fast schon zum Alltag. Im Frühjahr landete die Pfarrerin gar auf der Kühlerhaube eines Autos. Als sie wieder heruntersprang, fuhr der Berner Lenker unbeirrt weiter. Der Dichtestress bringt alle an ihre Grenzen. «Wir leiden unter den Touristenströmen. Es gibt keine Zwischensaisons mehr – man kann sich nicht mehr erholen», stellt Eva klar.

Kirche als Kulisse

Auch die Kirchen sind betroffen, werden als Picknickplätze und oft unerlaubt als Werbeplattformen genutzt. «Eine Kirchgängerin erklärte mir, sie fühle sich durch die vielen Flyer wie im Tourismusbüro …», sagt Eva und ergänzt: «Früher kamen christlich geprägte Besucher jedes Jahr wieder, sie nahmen an Gottesdiensten teil, man lernte sich kennen.» Heute kämen viele Besucher aus Übersee, sähen die Kirchen vor allem als Fotosujet und kehrten nie wieder zurück. «Wir fühlen uns benutzt», hält Eva fest. «Ich bin immer wieder geladen nach Hause gekommen, weil es mir zu viel wurde.» Gehen war dennoch keine Option. «Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes – aber wir dürfen auch uns selbst gegenüber achtsam sein», betont sie.

Verständlich verkündigen

Den christlichen Glauben lernte die gebürtige Ostschweizerin durch das kirchliche Engagement ihrer Eltern kennen. Nach der Ausbildung als Pflegefachfrau studierte Eva berufsbegleitend Theologie. Sie wollte mehr Zeit für die Menschen in ihrem Arbeitsumfeld haben. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen; während 20 Jahren teilten sie sich ein Pfarramt in Amsoldingen. So verbanden sie Erwerbs- und Familienarbeit. «Predigen wollte ich ursprünglich eher nicht …», erklärt Eva, die zuerst im Familien- und Seniorenbereich Verantwortung trug. «… doch bald merkte ich, wie gern ich das mache. Es war mir aber wichtig, nicht zu manipulieren.» Was Wahrheit anbelangt, könne sie sich auch irren, hält die Pfarrerin fest. Sie sei begeistert von der Bibel, gerade von ihren sozialkritischen Texten. «Sehr oft geht es um Macht und Geld – doch wenn wir uns nicht um Schwächere kümmern, geht letztlich auch eine Demokratie zugrunde», ist sie überzeugt. «Gewisse Texte bereiten mir Mühe, ich lese sie dennoch», erklärt die 58-Jährige. Einmal habe sie als Predigttext einen Brief an den Evangelisten Johannes geschrieben: «Ich trat mit ihm über die gewalttätigen Texte in Dialog, weil sie mich herausfordern.» Nach dem Gottesdienst kamen Leute auf sie zu und sagten: «Jetzt habe ich endlich begriffen, um was es da geht.» Seither ist ihre Freude am Predigen stetig gewachsen.

«Sehr oft geht es um Macht und Geld – doch wenn wir uns nicht um Schwächere kümmern, geht letztlich auch eine Demokratie zugrunde.»

Vor fünf Jahren zog das Paar an den Thunersee, wo Eva in die Spezialseelsorge wechselte. «Spitalseelsorge und Sterbebegleitung sind wichtig und wertvoll», betont sie. Doch während der Coronapandemie sei ihr diese Aufgabe sehr an die Substanz gegangen. «Ich merkte, dass ich am glücklichsten bin, wenn ich alles machen kann – von der Kinder- bis zur Seniorenarbeit.» Dazu passt heute ihre 50-Prozent-Stelle in Lauterbrunnen.

Blessing to go

«Während der Pandemie begegnete ich Menschen, die besorgniserregend depressiv wurden», erinnert sich Eva. «Auch die Kirchen durften nicht mehr so aktiv sein wie zuvor – das war eine grosse Not», erklärt sie. Damals ermutigte sie eine Betroffene, Bibelverse auf Visitenkarten zu schreiben. Die Frau verzierte sie mit kaligraphischer Schrift und blühte dabei auf. Sie hatte wieder eine Aufgabe und konnte abends mit Freude auf das schauen, was sie geschaffen hatte. Das gab ihr Kraft für die herausfordernde Zeit.

Diese Idee griff Eva vor zwei Jahren gemeinsam mit ihrem Team im Lauterbrunnental auf. Freiwillige begannen, kleine Karten mit ermutigenden Bibelversen zu gestalten, sie mit kleinen Vögeln oder Blumen zu verzieren und in den Kirchen aufzulegen. So möchten sie Touristinnen und Touristen einen Segen mit auf den Weg geben und der Ohnmacht in schwierigen Zeiten etwas Hoffnungsvolles entgegensetzen. Die Bibelkärtchen finden seit Beginn grossen Anklang: «Anfangs war die Nachfrage so gross, dass wir sie schliesslich fotografierten und drucken liessen», erzählt die Pfarrerin. Sie erlebt, dass nicht nur die Beschenkten, sondern auch die Gestaltenden davon profitieren. Das Beschriften der Kärtchen verändere die innere Haltung, öffne den Blick für suchende Mitmenschen und fördere die Gastfreundschaft. Gerade die christliche Tradition habe dazu viel beizutragen.

«Wir Reformierte dürfen das Abendmahl allen geben, weil Jesus dazu einlädt.»

Abendmahl für alle

Nicht immer ist das einfach: «Es gibt Touristen, die kommen während des Gottesdienstes in die Kirche, filmen, fotografieren und lassen beim Hinausgehen die Tür zuknallen.» Da müsse sie sich manchmal beherrschen, um nicht wütend zu werden, bekennt Eva. Ganz anders erlebte sie es an Pfingsten: Einige asiatische Besucher blieben bis zum Schluss im Gottesdienst sitzen. Als Eva sie zum Abendmahl einlud, nahmen sie die Einladung gern an. Später stellte sich heraus, dass sie als Christen bewusst den Gottesdienst besucht hatten. «Das freute uns riesig. Wir Reformierte dürfen das Abendmahl allen geben, weil Jesus dazu einlädt», erklärt die Pfarrerin. Sie fügt an: «Im Nachhinein waren wir ein wenig stolz darauf, dass wir unseren Vorbehalten nicht nachgegeben, sondern die fremden Besucher bewusst willkommen geheissen hatten.» Dazu gehören heute auch die Bibelkärtchen. Lächelnd ergänzt Eva: «In jeder unserer Kirchen darf man sich eines mitnehmen. Und wenn keine mehr da sind: Im Pfarrhaus haben wir Vorrat!»

Hier geht es zum Talk mit Eva:

ZUR PERSON

Einer meiner Lieblingsplätze:
Der Wald, dort fühle ich mich geborgen und geerdet.

Worüber denkst du oft nach?
Über unsere Welt und wie alles weitergehen wird.

Was würde uns an dir überraschen?
Ich kann plötzlich loslachen und verblüffe mein Umfeld damit.

Hast du Angst vor dem Sterben?
Vor dem Tod nicht, vielleicht vor dem Weg und dem Leiden bis dorthin. Ich hoffe, dass mich mein grosses Gottvertrauen tragen wird.

Wenn du nochmal anfangen könntest – was würdest du anders machen?
Wir können im Leben nicht zurück, sondern immer nur lernen – bis zuletzt.

 

Datum: 01.09.2026
Autor: Mirjam Fisch
Quelle: Hope Regiozeitung