«Ich habe eine verrückte Idee…»
«Gut sieben Jahre habe ich als Hebamme im Spital Langenthal gearbeitet – dann stand die Schliessung der Geburtenabteilung bevor ...», erzählt Agatha Rub. Dank Sozialplan wurde sie frühpensioniert. Kurz vor ihrem Austritt sah sie den Dokumentarfilm «Schwanger auf Norderney». Im Film hiess es, seit der Schliessung deren Klinik 2012 gebe es auf der Insel keine Hebamme mehr. Einmal pro Woche komme eine Fachfrau vom Festland, für alles Weitere müssten Schwangere eine rund einstündige Fahrt mit der Fähre in Kauf nehmen. «Wäre das eine Aufgabe für mich?», fragte sich Agatha.
«Mit hochgekrempelten Hosen ging ich ein paar Schritte ins Meer.»
Sie kontaktierte die deutsche Berufskollegin und reiste für sechs Tage nach Norderney. Die beiden Frauen verstanden sich sofort. Bei Kaffee und Kuchen sagte Agatha: «Ich habe da eine verrückte Idee – könntest du dir vorstellen, mit mir zusammenzuarbeiten?» Britta Kremberg war sofort bereit, Agatha als Inselhebamme willkommen zu heissen. Auch auf der Stadtverwaltung fand die Schweizerin überall offene Türen. Sie erzählt: «Das war im Oktober 2025. Mit hochgekrempelten Hosen ging ich ein paar Schritte ins Meer. Dabei nahm ich Gottes Gegenwart so deutlich wahr, dass ich wusste: Er hat mich hierhergeführt.»
Tiefgreifende Gotteserfahrung
In einer katholischen Familie im Zürcher Unterland aufgewachsen, suchte Agatha schon früh die Beziehung zu Gott. Mit 13 Jahren betete sie: «Jesus, ich will mit dir leben.» Als 15-Jährige wechselte sie in eine Freikirche und lernte den Sohn Gottes immer besser kennen. Ihr Vater verbot ihr den Besuch dieser «Sekte». Doch für Agatha war die Gemeinschaft mit den Gläubigen wichtig – dafür stieg sie jeweils aus dem Fenster. «Ich lernte viel fürs Leben und Gott veränderte mich nach und nach.» Die Scheidung ihrer Eltern war für Agatha ein schwerer Schlag. Bis zu ihrem 30. Lebensjahr wohnte sie mit ihrer Mutter zusammen – einen passenden Partner lernte sie nicht kennen. Die Singlefrau fragte jeweils Jesus, wie sie ihre Freizeit verbringen sollte. Als Kinderkrankenschwester arbeitete Agatha oft an Wochenenden und Abenden – dann, wenn ihre Freunde Zeit miteinander verbrachten … «Also ging ich mit Jesus zusammen auf Reisen oder zum Wandern», erzählt sie und fügt an: «Bis heute geniesse ich das sehr.» Dennoch: Jesus nachzufolgen, forderte sie etliche Jahre sehr heraus. Erst mit 37 Jahren habe sie die Dimension und Nähe erkannt, die eine Beziehung mit Jesus bedeutet, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Damals habe sie Gottes Geist auf eindrückliche Weise erlebt und verstanden: «Das Leben mit Gott bietet so viel mehr, als sich an Richtlinien zu halten!» Agatha lernte, auf die Stimme ihres himmlischen Vaters zu hören und versprach ihm: «Wo immer du mich hinführst, dahin will ich gehen.»
«Das Leben mit Gott bietet so viel mehr, als sich an Richtlinien zu halten!»
Leben und Liebe zusprechen
Agatha gefiel ihr Beruf, trotzdem spürte sie nach einigen Jahren, dass eine Veränderung anstand. Sie las in der Bibel vom Mut der Hebammen Shifra und Pua. Diese hatten sich geweigert, alle neugeborenen jüdischen Buben sofort nach der Geburt zu töten. Der Pharao, dem Juden als Sklaven dienten, wollte so die Stärke des wachsenden Volkes eindämmen. Aber der kleine Moses überlebte dank der mutigen Hebammen – und Agatha erkannte: «Da will Gott mich haben!» Diese klare Berufung half ihr stets, in schwierigen Situationen nicht aufzugeben. Jedem Kind, dem sie ins Leben geholfen hat, spricht sie zu: «Sei willkommen. Du bist gewollt und einzigartig!» Überzeugt von Gottes Ja zu jedem einzelnen Menschen hört sie während der Geburtsbegleitung auf seine Stimme und leitet Gebärende entsprechend an. Einmal musste sie eine stark blutende Mutter in der Frühschwangerschaft darauf vorbereiten, ihr Kind bald wieder gehen zu lassen «Wir hatten ein paar intensive Minuten zusammen, und sie bedankte sich nach dem Eingriff bei mir, dass ich ihr geholfen hatte, ihr Kind willkommen zu heissen und zu verabschieden.»
Knochenbruch und ganze Leistung
Um den Frauen gut beistehen zu können, besuchte Agatha verschiede Weiterbildungen, darunter Traumatherapie und Seelsorge. Hierbei reflektierte sie eigene Lebenswunden und erfuhr innere Heilung. Stark von Osteoporose betroffen, hat die abenteuerlustige Frau schon zahlreiche Knochenbrüche erlitten. Auch darin begegnete ihr Gott. Als sich Agatha später zu einer anspruchsvollen Weiterbildung durchgerungen hatte, brach sie sich erneut einen Arm und fiel acht Wochen aus. Die ungeplante Pause nutzte sie, um ihre Abschlussarbeit zu schreiben, eine wissenschaftliche Abhandlung, die sie zunächst überforderte. Mit gezielter Unterstützung gelang es ihr schliesslich, eine überzeugende Arbeit abzugeben. Immer wieder habe Gott ihr gezeigt, wie gross er ist und dass er es gut mit ihr meint.
«Mit Gott muss ich Problemen nicht davonlaufen – zusammen mit ihm finde ich Lösungen.»
Die perfekte Bleibe
Auf Norderney sind Wohnungen äusserst rar. Dennoch erhielt Agatha die Zusage, sich eine kleine anzusehen. Unterwegs dorthin teilte ihr der Besitzer mit, er renoviere noch – sie könne nicht einziehen. Agatha hatte in einem Hotel der Arbeiterwohlfahrt ein Zimmer gebucht. Die Gastgeberin fragte, ob sie auf Urlaub sei. «Nein, ich möchte hier als Hebamme arbeiten und suche eine Wohnung», antwortete Agatha. Überrascht entgegnete die Frau: «Unser Vorstand hat letzte Woche beschlossen, die Wohnung der Stiftung an jemanden zu vermieten, der im Sozialbereich arbeitet.» So kam es, dass die Schweizerin eine wunderschöne, sonnige Wohnung mit Terrasse beziehen durfte, die erst noch in ihrem Budget liegt. «Das hat Gott eingefädelt», betont Agatha. Die 1,83 Meter grosse Blonde fühlt sich im hohen Norden bereits sehr wohl. Sie ist überzeugt: «Mit Gott muss ich Problemen nicht davonlaufen – zusammen mit ihm finde ich Lösungen.»
ZUR PERSON
Was wäre der Titel deiner Autobiografie?
«Gott führte mich auf seinen besten Wegen»
Was treibt dich an im Leben?
Die Gewissheit, dass Gottes Pläne für mich perfekt sind, auch wenn es schwierig aussieht.
Hast du Angst vor dem Sterben?
Nein, gar nicht. Ich freue mich, einmal in alle Ewigkeit bei Jesus sein zu dürfen.
Wenn du nochmals von vorne beginnen könntest, was würdest du anders machen?
Mein Handeln nicht von der Meinung anderer Menschen abhängig machen, sondern viel früher nach Gottes Absichten für mein Leben fragen und mich selbst sein.
Eine der eindrücklichsten Lektionen in deinem Leben?
Ich hatte eine Schulbildung willentlich versäumt und Jahre vergeudet, dies nachzuholen. Schlechtes Gewissen und Druck wurden immer grösser – bis ich es endlich tat. Darum: Altlasten sofort erledigen! Die Freude und die Freiheit danach sind unbeschreiblich.
Datum: 25.08.2026
Autor:
Mirjam Fisch
Quelle:
Hope Regiozeitung