Effektive Jugendarbeit: Mach dich überflüssig
Immer wieder mal höre ich den Satz: «Joel, was machst du eigentlich?». Offenbar hat man manchmal das Gefühl, dass ich gar nichts tue. Tatsächlich ist es schwierig, sich als Jugendlicher vorzustellen, was ein Pastor den ganzen Tag macht. Und es gibt tatsächlich Jugendabende und sogar ganze Camps, bei denen ich eigentlich gar nicht gebraucht werde. Wenn ich diesen Satz höre, dann werte ich das als Kompliment! Warum? Es ist eines meiner erklärten Ziele, mich immer wieder überflüssig zu machen.
Was passiert, wenn man unverzichtbar ist
Manche Leiter verfolgen das Ziel, selbst unverzichtbar zu sein. Sie glauben, dass alles zusammenfallen würde, wenn sie nicht mehr da wären. Sie fühlen sich wichtig, wenn sie möglichst viel gebraucht werden und sie der organisatorische Dreh- und Angelpunkt ihrer Jugendarbeit bleiben. Wenn sie dann eines Tages wirklich weiterziehen, passiert leider oft genau das: Alles fällt zusammen.
Unser Leitungsziel sollte genau umgekehrt sein: uns selbst überflüssig zu machen und dafür zu sorgen, dass alles weitergeht, auch wenn wir selbst nicht mehr da wären. Das ist kein Zeichen einer schwachen, sondern einer starken Leitung. Denn dann ist es dir gelungen, sämtliche Verantwortungen weiterzugeben und selbst nicht mehr für den funktionierenden Betrieb zuständig zu sein. Du hast erfolgreich andere gefördert und dein Know-how multipliziert.
Die Sache mit der Qualität
Der Grund, warum wir manchmal den ersten Weg statt den zweiten wählen, ist, dass wir uns selbst über- und andere unterschätzen. Wir glauben, dass nur wir selbst die gewünschte Qualität garantieren können, und meinen, dass diese Qualität wichtiger ist als das Fördern von jungen Leuten. Dabei muss doch Jugendarbeit nicht perfekt sein!
Selbst eine Predigt zu schreiben, ist auf den ersten Blick einfacher, effizienter und produziert wahrscheinlich inhaltlich eine höhere Qualität, als wenn ich jungen Verkündigern die Bühne überlasse (z. B. in Camps oder Weekends). Doch wenn ich ihnen das Vertrauen schenke, ihre Gaben fördere, zusammen mit ihnen ein Thema vorbereite und sie performen lasse, dann habe ich als Leiter viel mehr gewonnen.
Wie kommt man dahin?
Viele Jugendarbeiter beneiden uns, weil wir so viele starke Leiter und Verkündiger in unserer Jugendarbeit haben. Doch dies ist nicht einfach so passiert. Starke Leiter fallen nicht vom Himmel. Sie werden entwickelt.
Alles beginnt damit, dass wir Jugendliche nicht unterschätzen und ihr gottgegebenes Potenzial erkennen. Wenn wir ihnen einen Vertrauensvorschuss schenken und bereit sind, mit ihnen den Weg zu gehen, ein kurzfristiges Defizit an Qualität zu erdulden, dann werden wir langfristig davon profitieren. Ein Jugendleiter sollte vielmehr ein Coach als der Captain seiner Fussballmannschaft sein.
Ich versuche bei allen Projekten und Aktivitäten mir folgende Fragen zu stellen:
- Muss wirklich ich das selbst leiten? Gäbe es nicht jemand anderen, der das auch könnte?
- An wen würde ich diese Aufgabe delegieren, wenn ich krank wäre?
- Wer hat Begabungen oder Potenzial, das man gut gebrauchen könnte?
- Habe ich genügend Zeit, um junge Leute in ihren Aufgaben zu coachen?
Es gibt meistens ein paar wenige Aufgaben, die nur du selbst als Leiter tun solltest. Versuche auch nur diese Aufgaben selbst zu erledigen und bei allem anderen «never alone» zu denken und deinen Namen bei keinen anderen Feldern auf der Projektübersicht zu sehen.
Real-Life Story von Dani
Mit 17 Jahren begann ich, meine erste Smallgroup zu leiten. Ich war höchst motiviert und bereit, meine Ressourcen dafür zu investieren. Es resultierten lange Zeit gut gemeinte, frontale und eher langatmige «Vorträge». Anderen die Verantwortung oder Leitung übergeben? «Auf keinen Fall, da leidet ja die Qualität des SG-Abends», dachte ich. Ich musste dann die frustrierende Erfahrung machen, dass bei meiner Abwesenheit durch Krankheit oder Ferien, oftmals keine Smallgroup stattfand. Warum? Ja – weil halt alles von mir abhing. Essenzielle Erkenntnis!
Bei der Auseinandersetzung mit der Frage, was reproduzierbar ist, führte ich feste Elemente ein, welche “tubelisicher“ sind. Ein Element sind die «4-Fragen» (nicht selbst erfunden). Diese Fragen bestanden aus: «Was steht im Text über Gott? Was steht im Text über die Menschen? Was kann ich aus dem Text mitnehmen und anwenden? Gibt es jemanden, dem ich von dem Gelesenen erzählen kann?» Wir stellen uns diese Fragen mit wenigen Ausnahmen nach jedem gelesenen Bibeltext (am besten in «NT-Geschichten» anwendbar).
Nachdem ich die Fragen einführte und zwei Abende selbst die Moderation übernommen hatte, delegierte ich diese ab. Und siehe da, es funktionierte. Schnell konnten die Jungs ohne grossen Aufwand selbst die Leitung übernehmen – auch ohne mich. Die Fragen prozessierten den Text zur Auseinandersetzung über Gott und sich selbst, sie schafften Praxis-Takeaways und einen missionalen Aspekt. Die Jungs gewöhnten sich an die Fragen, und ich mich ans Teilnehmersein.
Reflexionsfragen
- Siehst du dich selbst eher als Captain oder Coach?
- Wem würdest du deine Aufgaben delegieren, wenn du krank wärst?
- Welche Verantwortungen könntest du eigentlich weitergeben?
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Kirchliche Jugendarbeit» von Joel Meier (Verlag BoD - Books on Demand, ISBN 9783695124992) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches. Im Dossier findest du alle bisher veröffentlichten Auszüge.
Zum Buch:
Kirchliche Jugendarbeit
Zum Autor: Joel Meier ist seit über zehn Jahren Jugendpastor in der Buchegg Church in Zürich. Er hat Theologie in Basel, Zürich und London studiert. Heute coacht und begleitet er mit viel Leidenschaft junge Leiter und Pastoren in der Jugendarbeit. Zudem doziert er an mehreren Bibelschulen und ist in seiner Freizeit am liebsten mit seiner Familie in den Bergen unterwegs.
Datum: 25.09.2026
Autor:
Joel Meier
Quelle:
Buchauszug «Kirchliche Jugendarbeit»