Toleranz über alles?
Ich mag mich gut an einen Besuch in einer unserer Männerkleingruppen erinnern, der eigentlich um 19:30 Uhr beginnen sollte. Denn um diese Uhrzeit war ich noch allein da. Ich war mir unsicher, ob ich im richtigen Raum war, also schrieb ich dem Leiter. Er erwiderte, dass er bald da sei. Etwa eine halbe Stunde später, waren er und der erste Jugendliche da, und wir begannen mit persönlichem Austausch. So etwa alle halbe Stunde kam jemand Neues dazu. Und natürlich musste alles wiederholt werden, damit die Neuankömmlinge verstanden, worum es gerade ging. Und jeder musste zuerst ein paar dumme Sprüche beitragen, damit er sich wohlfühlte. Die Letzten kamen erst, als das offizielle Programm bereits fertig war.
Es ist nicht sehr erstaunlich, dass an diesem Abend kein tiefes Gespräch zustande gekommen war. Und diejenigen, welche als Erstes anwesend waren, freuten sich zwar, dass ihre Kollegen auch endlich da waren, aber sie störten sich daran, dass alles wiederholt werden musste. Doch keiner der Teilnehmer getraute sich, etwas zu sagen. Denn sie fühlten sich zu Recht nicht verantwortlich dafür.
Im Feedback nach dem Abend mit dem Leiter fanden wir heraus, dass er das «Alle-kommen-wann-sie-wollen» noch nie angesprochen hatte. Ganz im Gegenteil: Er hatte immer etwas Positives gesagt, wenn jemand endlich gekommen war. Damit hatte er (unbewusst) gesagt: Es ist okay, wenn jeder kommt, wann er will. Und so hat sich die Kultur auch entwickelt.
Als er in den Wochen danach offen mit der Gruppe darüber sprach, warum es ihm wichtig ist, gemeinsam zu starten, und was die Vorteile für alle sind, hat sich das Gruppenverhalten zum Positiven verändert und die Abende bekamen viel mehr Tiefgang.
Toxische Elemente
Natürlich ist Jugendarbeit in vielerlei Hinsicht ein kontrolliertes Chaos. Ich bin ein Fan davon, bewusst viele Freiheiten zu geben. Und dennoch gibt es Dinge, die wir nicht tolerieren sollten, um für alle eine gute Kultur zu gestalten.
Was können toxische Elemente sein, welche du als Leiter nicht tolerieren solltest:
- Dumme Sprüche, nachdem jemand etwas Persönliches erzählt hat
- Abwesenheit ohne Abmeldung bei einer Sitzung
- Jemand kommt immer viel zu spät
- Wenn sich jemand nicht an die Regeln hält
- Persönliche Beleidigungen oder sexistische, rassistische Äusserungen
- Selbstinszenierung in Gottesdiensten
Als Leiter ist es deine Aufgabe, zu konfrontieren und solches Fehlverhalten anzusprechen. Natürlich ist es unangenehm und niemand tut das gerne. Indem du solche Dinge nicht einfach zulässt, prägst du die Umgangsformen auf eine gesunde Weise. Wenn du es zulässt, dann sagst du damit, es ist okay, sich so zu verhalten, und schon bald werden andere es kopieren.
Auch Jesus tolerierte nicht alles. Als Petrus ihm Leid, Tod und Auferstehung ausreden wollte, konfrontierte er ihn sehr harsch (Markus 8,31–33). Als die Jünger darüber stritten, wer von ihnen der Wichtigste ist, schaute Jesus nicht weg, sondern sprach direkt mit ihnen darüber, wie Leitung und Dienst im Reich Gottes aussehen (Markus 9,33–37).
Es ist oft nicht ganz einfach zu entscheiden, ob die Konfrontation in der Gruppe oder persönlich stattfinden sollte. Vereinfacht gesagt hilft folgender Leitgedanke: Wenn das Fehlverhalten die ganze Gruppe oder mehrere Personen derselben Gruppe betrifft, ist es manchmal besser, im Gruppenrahmen etwas zu sagen. Wenn das Fehlverhalten nur von jemandem ausgegangen ist, dann ist eine Konfrontation unter vier Augen besser.
Real-Life Story von Ale
Während unseres Homecamps, bei dem rund 50 Jugendliche für eine Woche in der Kirche lebten, gab es eine klare Regel: In den Schlafräumen herrscht Stille, damit die, die früh zur Arbeit mussten, genügend Schlaf bekamen. Eines Abends beim Essen hörte ich hinter mir, wie zwei Jungs, die am nächsten Tag frei hatten, planten, um 1 Uhr nachts alle aufzuwecken. Nach dem Essen sprach ich sie direkt darauf an. Ich erklärte ihnen, dass ihr geplanter Streich gegen eine der wenigen Regeln verstösst, und bat sie, sich etwas Besseres einfallen zu lassen.
Leider ignorierten sie meine Warnung. Mitten in der Nacht wachte ich auf, als eine UE Boom Box mit voller Lautstärke Musik abspielte. Ohne zu zögern, nahm ich die Box und warf sie aus dem Fenster im zweiten Stock. Anschliessend zitierte ich die beiden Jungs nach draussen.
Statt sie direkt zu bestrafen, fragte ich sie: «Wie denkt ihr, könnt ihr das wieder in Ordnung bringen?» Ich wollte, dass sie selbst Verantwortung übernehmen und die Gemeinschaft wiederherstellen. Nach kurzem Überlegen kamen sie auf eine gute Lösung: Am nächsten Tag übernahmen sie den Abwasch für alle und entschuldigten sich bei der Gruppe.
Die Situation war ein eindrückliches Beispiel dafür, wie wichtig es ist, nicht alles zu tolerieren, sondern Fehlverhalten klar anzusprechen. Gleichzeitig gab es den Jugendlichen die Chance, aus ihrem Fehler zu lernen und die Gemeinschaft zu stärken.
Reflexionsfragen
- Warum scheuen wir oft die Konfrontation und sprechen Fehlverhalten nicht an?
- Welches Verhalten in deiner Jugendgruppe nervt dich am meisten? Hast du es schon jemals direkt angesprochen?
- Mit wem solltest du in den nächsten Wochen mal direkt etwas ansprechen?
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Kirchliche Jugendarbeit» von Joel Meier (Verlag BoD - Books on Demand, ISBN 9783695124992) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zu den weiteren Auszügen:
Dossier: Kirchliche Jugendarbeit
Zum Autor: Joel Meier ist seit über zehn Jahren Jugendpastor in der Buchegg Church in Zürich. Er hat Theologie in Basel, Zürich und London studiert. Heute coacht und begleitet er mit viel Leidenschaft junge Leiter und Pastoren in der Jugendarbeit. Zudem doziert er an mehreren Bibelschulen und ist in seiner Freizeit am liebsten mit seiner Familie in den Bergen unterwegs.
Datum: 04.09.2026
Autor:
Joel Meier
Quelle:
Buchauszug «Kirchliche Jugendarbeit»