Jüngerschaft mit Jugendlichen: Das Begleitpersonenprinzip
Niemand würde auf die Idee kommen, ohne die Hilfe eines Fahrlehrers und von Begleitpersonen Autofahren zu lernen. Nur mit der Hilfe von YouTube oder ganz allein. Darum ist es auch nicht erlaubt, als Lernfahrer ohne eine ausgebildete Person auf dem Beifahrersitz zu fahren. Es wäre schlicht zu gefährlich, ohne eine andere Person unterwegs zu sein.
Genauso ist der Glaube auch zu gefährlich – ohne Begleitperson. Die geistliche Entwicklung unserer Jugendlichen wird in den allermeisten Fällen nicht gesund voranschreiten, wenn sie darin nicht 1:1 begleitet werden. Als grosse Kirche, welche in der Gefahr steht, anonym zu werden, verfolgen wir deshalb das Begleitpersonenprinzip. Jede Person in unserer Jugendarbeit soll 1:1 von jemandem anderen begleitet werden.
In einzelne Personen investieren
Selbst eine grössere Smallgroup kann unpersönlich werden. Wenn aber jede Person eine Begleitperson hat, dann wird niemand in der Masse untergehen. Mein Tipp an dich: Sobald deine Gruppe grösser als etwa fünf Personen ist, kannst du nicht mehr alle selbst begleiten. Du musst dich daher multiplikativ in Einzelne investieren, die den Charakter und die Kompetenzen haben, sich wiederum in andere zu investieren (vgl. 2. Timotheus 2,2).
Ein gutes biblisches Beispiel dafür ist, wie Paulus in Korinth Priscilla und Aquila begleitete. Sie kamen durch ihn zum Glauben (Apostelgeschichte 18,1–3). Etwa eineinhalb Jahre später waren es nicht mehr Paulus, sondern Priscilla und Aquila, welche Apollos belehrten (Apostelgeschichte 18, 26). Apollos wiederum half dann den Gläubigen in Achaja weiter (Apostelgeschichte 18,27).
Paulus erklärt seine Aufgabe als «Begleitperson» den Korinthern folgendermassen: «Ich schreibe diese Dinge nicht, um euch in Verlegenheit zu bringen. Ich möchte euch nur wieder auf den richtigen Weg führen. Schliesslich seid ihr doch meine geliebten Kinder! Denn selbst wenn ihr Tausende von Erziehern hättet, die euch in eurem Christsein voranbringen, hättet ihr deswegen noch lange nicht tausend Väter. Dadurch, dass ich euch das Evangelium verkündet und euch zum Glauben an Jesus Christus geführt habe, bin ich euer Vater geworden. Daher bitte ich euch eindringlich: Folgt meinem Beispiel!» 1. Korinther 4,14-16 (NGÜ)
Geistliche Eltern
Es gibt viele Leute, welche uns im Glauben weiterhelfen können. Aber nur wenige haben eine echte Beziehung zu uns. Nur wenige begleiten uns wirklich. Nur wenige haben so eine grosse Nähe, dass wir sie unsere geistlichen Väter oder Mütter nennen würden. Eine Begleitperson zu werden, heisst nicht, nur ein «Erzieher» für sie zu sein, sondern eine so persönliche Beziehung aufzubauen, dass auch du dich vielleicht irgendwann als ihren geistlichen Vater oder Mutter beschreiben würdest.
Die Grundlage für das Begleiten einer anderen Person ist nicht dein Wissen, es sind nicht deine Begabungen oder das richtige Programm. Nein – die Grundlage ist die Beziehung! Einfluss bekommen wir nur durch das Vertrauen von anderen Personen. Und dieses gewinnen wir, indem wir ein echtes Interesse zeigen und eine persönliche Beziehung aufbauen.
Ein Mensch öffnet sich nur dann, wenn er das notwendige Vertrauen zu der anderen Person hat. Dieses Vertrauen muss aufgebaut werden und benötigt oft Zeit. Die Erfahrung zeigt, dass es meistens eine jahrelange Beziehung braucht, bis du eine Person zum Glauben führen kannst. Und dann braucht es oft wiederum Jahre, bis diese Person reif genug ist, um wiederum andere im Glauben zu begleiten.
Real-Life Story von Issaya
Es braucht manchmal nur einen Menschen, der an einen glaubt, um das Leben nachhaltig zu verändern. Als ich in die «Fuse» kam, fiel es mir anfangs schwer, meinen Platz in der Gemeinschaft zu finden. Doch mein Smallgroup-Leiter nahm sich meiner an, investierte Zeit und Vertrauen in mich und half mir, mich in der Gruppe zu integrieren. Er begleitete mich durch herausfordernde Zeiten und schenkte mir Impulse, die weit über das Fuse hinaus nachwirkten.
Durch seine Führung konnte ich wichtige Lektionen fürs Leben lernen, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Diese wertvollen Erfahrungen und Unterstützungspunkte waren einer der wichtigsten Gründe, warum ich meinen Glauben durch meine Jugendzeit hindurch bewahren konnte.
Durch meinen Leiter habe ich verstanden, wie viel Kraft in der Ermutigung und geistlichen Begleitung steckt. Gerade wenn wir uns unsicher fühlen, sind es solche Menschen, die uns daran erinnern, dass wir unser Vertrauen auf Gott setzen dürfen und er uns nicht alleinlässt.
Reflexionsfragen
- Wer sind die Leute, welche dich in deinem Glauben am meisten geprägt haben?
- Wen würden die Personen in deiner Jugendgruppe als ihre geistlichen Eltern bezeichnen?
- Welches sind die multiplikativen Schlüsselpersonen, in welche du dich investierst, die das wiederum mit anderen tun?
- Wie stellst du sicher, dass sich niemand bei dir in der Jugendgruppe den Glauben alleine beibringt?
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Kirchliche Jugendarbeit» von Joel Meier (Verlag BoD - Books on Demand, ISBN 9783695124992) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zu den weiteren Auszügen:
Dossier: Kirchliche Jugendarbeit
Zum Autor: Joel Meier ist seit über zehn Jahren Jugendpastor in der Buchegg Church in Zürich. Er hat Theologie in Basel, Zürich und London studiert. Heute coacht und begleitet er mit viel Leidenschaft junge Leiter und Pastoren in der Jugendarbeit. Zudem doziert er an mehreren Bibelschulen und ist in seiner Freizeit am liebsten mit seiner Familie in den Bergen unterwegs.
Datum: 17.07.2026
Autor:
Joel Meier
Quelle:
Buchauszug «Kirchliche Jugendarbeit»