KI-Nutzung: Weder Angst noch Untergang
Schweizer Kirchen haben gemeinsam zehn ethische Leitlinien für den Umgang mit KI erarbeitet. Stark involviert war dabei Manuel Schmid, Leiter des Kompetenzzentrums Theologie und Ethik der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Im Livenet-Talk mit Florian Wüthrich erklärt er, warum es dabei weder um Technikbegeisterung noch um Angst geht, sondern um Menschlichkeit und Verantwortung.
Orientierung in einer Zeit des Umbruchs
Der Umgang mit KI wirft grundlegende Fragen auf. Sowohl gesellschaftlich als auch ethisch besteht Klärungsbedarf. Manuel Schmid beobachtet ein starkes Bedürfnis nach Orientierung: «Wir sind wirklich in einem Umbruch.» Er vergleicht die aktuelle Entwicklung dabei mit einer neuen industriellen Revolution, die vieles neu ordnet.
Zwei gegensätzliche Narrative prägen dabei die Debatte: Die einen erwarten von KI Fortschritt und die Lösung vieler Probleme, andere befürchten Kontrollverlust und den Untergang menschlicher Selbstbestimmung. Beide Haltungen führen den Menschen leicht in Passivität, deshalb plädiert Schmid dafür, sich «nicht überwältigen lassen von Entwicklungen und von Geschichten, die man über diese Entwicklungen erzählt».
Zehn Leitlinien
In ökumenischer Zusammenarbeit von reformierten, freikirchlichen und römisch-katholischen und christkatholischen Vertretern hat eine Arbeitsgruppe innerhalb eines halben Jahres Leitlinien entwickelt, die den Kirchen Orientierung geben und zugleich gesellschaftliche Debatten beeinflussen sollen. Diese Leitlinien stehen hier online zum Einsehen und zum Download zur Verfügung. Im Gespräch erläutert Schmid kurz, was hinter den einzelnen Formulierungen steckt.
- Menschen sind etwas anderes als Maschinen. Menschliche Würde hängt nicht von Leistung oder technischer Überlegenheit ab. Aus christlicher Sicht sind Menschen Ebenbilder Gottes – ihr Wert steht ausser Konkurrenz.
- Beziehungen leben von leiblicher Erfahrung. Digitale Begegnungen können hilfreich sein und Barrieren abbauen. KI darf jedoch menschliche Gegenüber nicht ersetzen: «Es gibt keinen Ersatz für interpersonale Begegnungen zwischen Menschen.»
- Persönlichkeitsbildung lässt sich nicht delegieren. KI kann Wissen vermitteln und eigene Argumente herausfordern. Wer aber als Pastor die ganze Predigtvorbereitung an ChatGPT auslagert, überspringt dabei den eigenen geistlichen Entwicklungsprozess.
- Nicht die Technik schreibt die Geschichte. Weder Untergangsangst noch Fortschrittsoptimismus sollten uns handlungsunfähig machen. «Technik ist weder Untergangserzählung noch ein Heilsversprechen», sagt Schmid. Menschen können und sollen sie verantwortlich gestalten.
- Wahrheit braucht Prüfung und Transparenz. KI-Ergebnisse sind weder objektiv noch automatisch richtig. Die Systeme übernehmen menschliche Daten mitsamt möglicher Verzerrungen, deshalb müssen ihre Aussagen kritisch geprüft werden.
- Mitbestimmung muss geschützt bleiben. KI kann Filterblasen, Polarisierung und Manipulation über Internet verstärken. Deshalb sind Regeln nötig, die Selbstbestimmung und demokratische Beteiligung sichern.
- Menschen sind mehr als ihre Daten. Kein Datensatz bildet einen Menschen vollständig ab. Besonders in den Kirchen müssen vertrauliche Seelsorge- und Beratungsdaten geschützt und dürfen sensible personenbezogene Informationen nicht unbedacht in KI-Systeme eingegeben werden.
- Ökologische Verantwortung gilt auch digital. KI benötigt Energie, Wasser und Rohstoffe. Schmid fordert deshalb Transparenz und Kostenwahrheit, statt die ökologischen Folgen auszublenden. Die Branche braucht nachhaltige Standards.
- Digitale Macht braucht Grenzen und Teilhabe. Die KI-Entwicklung wird von wenigen Fast-Monopolisten kontrolliert. Das schafft Abhängigkeiten und macht politische Regulierung sowie faire Alternativen notwendig.
- Wir gestalten die KI-Revolution gemeinsam. Die Zukunft ist nicht vorgegeben. Menschen in Kirchen und Politik können aktiv darauf Einfluss nehmen, ethische Standards vereinbaren und die Entwicklung mitgestalten.
Chancen nutzen, Risiken ernst nehmen
Manuel Schmid sieht Schwierigkeiten durch die Nutzung von KI, er warnt jedoch davor, sie pauschal abzulehnen. Übersetzungswerkzeuge oder Anwendungen, die Menschen den Zugang zu Wissen erleichtern, bieten grosse Chancen zur Teilhabe. Es brauche einen kritischen und zugleich offenen Umgang: «Es gibt riesige Chancen und die sollte man auch nicht verpassen.»
Wichtig für ihn ist dabei eine Orientierung an der Bibel. Schmid verweist dazu auf die grosse Rahmenhandlung der Bibel, die in einem (Paradies-)Garten beginnt und in einer Stadt endet, dem himmlischen Jerusalem. Dies zeige die Wertschätzung und Notwendigkeit von Kultur und technischer Entwicklung. Sein entscheidender Punkt ist jedoch: «Das Heil kommt nicht von der Kultur und der Technik. Das Heil kommt von der Gegenwart Gottes.» Christinnen und Christen bräuchten nicht auf alle Fragen bereits Antworten. Sie sollten aber praktische Weisheit in die Debatte einbringen – und gemeinsam dafür eintreten, dass Technik dem Menschen dient.
Das Fazit: Mündig werden
Die kirchlichen Leitlinien sollen Einzelnen Mut machen, die eigene KI-Nutzung zu reflektieren, Risiken und ökologische Kosten wahrzunehmen und gesellschaftlich Verantwortung zu übernehmen. Schmid plädiert weder für naive Begeisterung noch für resignierte Angst, sondern für einen mündigen Umgang: «Wir können uns einbringen mit Weisheit.» Dies gilt für ihn nicht nur für Christen, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Sein Anliegen ist: Wir sind der Zukunft nicht ausgeliefert. Menschen und Kirchen können die Chancen der KI nutzen, Grenzen einfordern und die nächsten Schritte mitgestalten.
Zum Talk:
Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich.
Datum: 20.10.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet