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Ein Schatz aus dem Balkan

Peter Wernli (rechts) und Pastor Tomislav Zoric haben sich in Kroatien mehrmals getroffen und entschiedenein Lager durchzuführen.
Was können Schweizer Christen von einer jungen Gemeinde in Kroatien lernen? Peter Wernli und Pastor Tomislav Zoric verbindet eine Freundschaft, die zeigt: Geistliche Impulse können in beide Richtungen fliessen.

«Vor Jahren kam ich erstmals nach Kroatien», erinnert sich Peter Wernli, der mit seiner Frau Evelyn die Arbeit der jungen Erwachsenen in der Reformierten Kirche Oftringen leitet. «In Dalmatien besuchte ich die Ruine eines alten Klosters. Dort wurden einst die ersten kroatischen Könige gekrönt, ehe alles zerstört wurde.» Später verbreiteten Mönche von dort aus das Evangelium in alle Welt.

Der Ort bewegte Peter Wernli. «Ich kniete beim Altar nieder und betete dafür, dass dieses Land gesegnet wird und dass eine Gemeinde entsteht. So ist eine Liebe zu Kroatien entstanden.»

«Wir brauchen keine Imperialisten»

In Kroatien lernten Peter und Evelyn Wernli auch den Pastor Tomislav Zoric kennen, der sagt: «Wir brauchen keine Imperialisten.» Mehr dazu später.

Bei Besuchen in Kroatien trafen die beiden Tomislav mehrfach. «Durch den Kontakt haben wir uns entschlossen ein erstes Lager mit 25 bis 30 jungen Erwachsenen aus Oftringen in Kroatien durchzuführen. Wir mieteten ein Haus an der Küste in Dalmatien. Plötzlich entstand die Idee: Was wäre, wenn kroatische Christen in unser Lager kommen und wir von ihnen lernen?»

Tomislav Zoric leitet die Gemeinde EC Novi Savez (Neues Testament-Gemeinde) in der kroatischen Hauptstadt Zagreb. «Wir begannen während der Zeit des Krieges und hatten keine kirchliche Erfahrung. 1995 hatte ich von Jesus gehört. Ein Freund sagte zu mir: ‘Ich habe angefangen zu beten.’ Ich dachte damals über Selbstmord nach. Mein Vater hatte Selbstmord begangen, und ich dachte, vielleicht wäre das eine gute Idee.» Durch seinen Freund fand Tomislav zu Christus. «Jesus hat mein Leben verändert. Ich habe diese Nacht überlebt.»

«Wir können nicht weiterleben wie bisher»

Er wusste noch gar nicht, was mit ihm geschehen war. «Durch das Lesen der Bibel verstand ich dann, was geschehen ist. Ich begann, anderen von der Bibel zu erzählen, obwohl ich sie selbst noch nicht gelesen hatte. Und wir sagten alle, dass wir nicht mehr wie bisher leben können.»

Zusammen mit weiteren Freunden betete er täglich «und wir lasen gemeinsam die Bibel. Unsere Leben veränderten sich und immer mehr Menschen kamen dazu. Wir wussten nicht genau, was wir tun sollten, und so entstand eine Hausgemeinde.»

Daraus entstand eine Gemeinde. «50 bis 60 Leute kamen, und wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten. Nun haben wir sieben Gemeinden in Kroatien. Es waren ursprünglich Hausgemeinden, und wir wollten nie mehr als 40 bis 50 Leute haben.» Diese einzelnen Standorte sind heute autonom. «Es waren zu viele Meetings geworden und alles wurde kompliziert. Wir wollten frei sein, um uns zu bewegen… Wir waren zu einem grossen, langsamen Körper geworden.»

Gemeinde der ersten Generation

Peter Wernli lernte vieles durch das Vorbild der Gemeinde in Zagreb. Dinge, die für uns ins Westeuropa sehr interessant sein können. Tomislav Zoric: «Als wir die Gemeinde starteten, waren wir nicht mit einer Tradition verbunden. Das hat eine schlechte Seite: Wenn man bei null anfängt, macht man Fehler. Aber das Gute ist, dass man eine spezielle Beziehung zur Bibel und zum Heiligen Geist entwickelt.»

Oft wissen die Leute gar nicht, wie sehr die Geschichte sie bereits geprägt hat. «Wir hatten das nicht. Wir mussten beten und versuchen, Gott zu hören. Wir machten viele Fehler, aber dadurch entwickelten wir eine eigene Verbindung zur Bibel.»

Die neue Gemeinde musste sich nicht darum kümmern, an Traditionen festzuhalten. «Das ist für uns etwas vom Besten. Ich verstehe, dass es nicht einfach ist, Theologie zu verändern. Sie ist einer der grössten Schätze, die wir haben. Aber es geht darum, wie Gott uns führt.»

Den Kroatien-Komplex abstreifen

«Der Heilige Geist lebt in dir», erklärt Tomislav Zoric. «Deine erste Verantwortung ist es, auf ihn zu hören, nicht auf den Pastor. Wir fördern die persönliche Beziehung zum Heiligen Geist. Es geht um den neuen Menschen. Diese Gedanken haben auch unsere Theologie geprägt. Wir haben Geistesgaben, aber wir sind nicht einfach pfingstlich oder das eine oder andere.»

Kroatien zählt etwa vier Millionen Einwohner. «Manchmal haben wir das Gefühl, dass niemand Kroatisch spricht und wir denken, dass das, was wir haben, nicht gut genug ist. Wir sind stark von westlichen Christen beeinflusst. Als wir die Kirche gründeten, haben wir uns gefragt, was wir zu geben haben. Der Gedanke, dass wir der Welt etwas zu geben haben, ist schwierig. Auch wegen der Sprachbarriere.»

Kroatien hat etwas zu geben

Das hat sich inzwischen geändert; daher auch die augenzwinkernde Bemerkung «Wir brauchen keine Imperialisten». Tomislav Zoric: «Heute überzeugen wir die Menschen in Kroatien und auf dem Balkan davon, dass das, was wir haben, auch für andere Teile der Welt gut sein kann. Wir waren gut darin, beeinflusst zu werden, aber nicht darin, andere zu beeinflussen.» Das soll sich ändern.

«Wir haben Millionen von Missionaren, die uns beeinflussen wollen.» Heute sei klar: «Wenn du mich segnen willst, dann segne mich, damit ich andere segnen kann. Wir wollen denen dienen, die uns gedient haben. Für uns als Nation ist es Zeit, das, was wir haben, auch zu exportieren.»

Es gebe viele Brücken, wie zum Beispiel Peter Wernli. «Als ich in Peters Kirche war, wusste ich nicht, was mich erwartet. Ich bin kein Revolutionär. Ich habe einfach mein Leben geteilt.» Und die Menschen waren bewegt und ermutigt. «Wir sind zwei Freunde, die Gott zusammengebracht hat. Etwas ist geschehen. Wir werden auf unserem Weg erkennen, was es ist.»

Bewegende Impulse aus dem Süden

Tomislav Zoric hat in Kroatien eine Bewegung gegründet, durch die sieben Gemeinden entstanden sind.

Tomislav Zoric hat mittlerweile zwei Bücher verfasst. Peter Wernli erinnert sich: «Einer unserer Pfarrer nahm am Seminar teil, das wir in Oftringen mit Tomislav durchführten. Er meinte, wir sollten Tomislav wieder einladen und er fragte, ob wir eines der Bücher mit KI für eine kleine Anzahl Kopien ins Deutsche übersetzen können. Wir hoffen nun, dass es möglich wird, das Buch auf Deutsch zu publizieren.» Die Impulse aus dem Balkan bewegen. «Die Leute im Gottesdienst sind leidenschaftlich und ihr Worship ist laut. Wir in der Schweiz schaffen es bei einem Gebetsmeeting kaum, Gott fünf Minuten lang für seine Grösse zu loben – wir können noch zulegen, beim Dankbarer-Sein; wir können von ihnen lernen. Auch von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit.»

«Ich will die Tür nicht selbst öffnen»

Insgesamt ist Tomislav Zoric auf die lokale Kirche fokussiert. «Das ist meine erste Verantwortung. Wenn Gott uns mehr Einfluss gibt, muss er dies tun. Ich möchte die Türen nicht selbst öffnen. Wir wollen es nicht pushen. Wir müssen zuerst hier etwas haben, bevor wir es weitergeben können.»

In der Gemeinde soll immer Neues entwickelt werden. «Jeden Monat überlegen wir: Was wollen wir neu machen, und was wollen wir nicht mehr machen? Wir wollen eine Gemeinde auf dem Balkan bauen, die gut für diese Region ist und auch für andere.»

In der Gemeinde ist die Hauptvision die neutestamentliche Theologie: «Jede Person soll in ihre geistlichen Schuhe kommen. Viele Leute sind in einem Dienst, aber nicht unbedingt in unserer Gemeinde. Sie üben ihren Dienst zum Beispiel online aus. Wir wollen mehr Leute in den Dienst führen. Unser Ziel ist es, Älteste und Diakone einzusetzen. Wir sehen das in der Bibel und wollen in diesem Jahr den fünffältigen Dienst stärker umsetzen. Es soll nicht einer alles leiten, sondern es sollen auch andere Leute hören und mitgestalten.»

Miteinander wachsen

Gott will eine multinationale Familie, erklärt Peter Wernli: «Ich bin hier willkommen und erlebe ihre Liebe. Wir fragen uns jeweils, was wir in der Bibel Neues entdeckt haben. Wir teilen die Freude miteinander. Ich kenne sein Herz dadurch besser und wachse selbst daran. Das ist faszinierend, es ist ein Schatz in meinem Herzen.»

Und dies soll in beide Richtungen gehen. Tomislav Zoric: «Bisher wurden wir immer beeinflusst und dachten, wir brauchen die westlichen Gemeinden. Ich habe aber auch warme und herzliche Menschen kennengelernt. Wir brauchen auch etwas Tradition. Niemand hat alles. Christus lebt in uns. Es ist ein Stück von dir und ein Stück von mir. Als ich in Nordmazedonien war, wurde mir bewusst, wie stark sie das frühere Südjugoslawien beeinflusst haben. Als ich dort war, dachte ich zuerst, dass wir Kroaten besser entwickelt und Teil der EU sind. Dann zeigten mir einheimische Christen einen archäologischen Ort; der in der Bibel vorkommt.»

Die christliche Gruppe organisierte dort ein Gebetsmeeting um für Gottes Segen für Nordmazedonien zu beten. «Da wurde mir mit etwa 90-prozentiger Sicherheit bewusst, dass Paulus dort gewesen war. Das Evangelium war also schon hier, bevor es in Kroatien war. Plötzlich hatte ich Respekt. Ich wollte nicht mehr nur segnen, sondern mich auch beeinflussen lassen.» Nun geht Zoric jährlich nach Nordmazedonien und predigt dort. «Und ich habe das Gefühl, dass ich von ihnen mehr gesegnet bin als sie von mir.»

Die Begegnung zwischen Schweizer und kroatischen Christen zeigt: Das Evangelium kennt keine Einbahnstrasse. Es geht nicht darum, wer wen beeinflusst. Was der eine entdeckt hat, kann den anderen bereichern. Und wo Christen bereit sind, sich gegenseitig zuzuhören, entsteht aus unterschiedlichen Erfahrungen etwas, das keiner allein hervorbringen könnte.

Tomislav Zoric wird am 23. und 24. Januar 2027 wieder in der reformierten Kirche Oftringen für ein kurzes Seminar und Predigten in zwei verschiedenen Gottesdiensten zu Gast sein.

Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern. 

Datum: 11.10.2026
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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