Die Diaspora hat Sehnsucht nach Gottes Mission
«Wie im Paradies» – vier Tage voller Begegnung, Heilung und neuer Hoffnung. 190 Menschen. Mehr als ein Dutzend Nationen. Viele Sprachen. Unterschiedliche Geschichten, Kulturen und Lebenswege – und doch eine gemeinsame Sehnsucht: Gott zu begegnen, Gemeinschaft zu erleben und herauszufinden, wozu er sie beruft. Das war «Catch the Vision» Anfang August. Organisiert wurde der Anlass von der SEA-Arbeitsgemeinschaft interkulturell, der Beratungsstelle für Integrations- und Religionsfragen und weiteren Partnern.
Es ist spürbar: Hier geht es um mehr als ein gemeinsames Camp. Bei «Catch the Vision» begegnen sich Menschen – und in ihrer Mitte wirkt Gott. Lobpreis erklingt in vielen Sprachen. Unterschiedliche Akzente und Melodien vermischen sich, während Menschen aus verschiedenen Kulturen gemeinsam singen und Gott anbeten. «Wir sind alle zusammen, aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Gott ist hier unter uns. Wir loben und preisen Gott in all diesen Sprachen – wunderbar.»
Der Heilige Geist verbindet Menschen. Herzen öffnen sich. Fremde werden zu Freunden. Auch abseits der «Sessions» wächst Gemeinschaft: beim gemeinsamen Essen, beim Wandern, beim Fussball, Volleyball oder Schwimmen. Kinder werden kreativ betreut und erleben ihre eigenen Abenteuer. Es wird gelacht, diskutiert und gemeinsam Zeit verbracht. Doch unter der fröhlichen Oberfläche geschieht noch etwas Tieferes.
Wenn Vergebung Hass überwindet
Eine Gruppe ukrainischer Frauen singt ein Gebetslied für den Frieden. Dazu werden Bilder von zerbombten Gebäuden gezeigt. Die Musik trägt Schmerz, Trauer und Hoffnung zugleich. Eine der Frauen erzählt, wie Gott ihr trotz des Krieges Frieden ins Herz gegeben hat. Auch andere Geschichten gehen unter die Haut.
Sultan, ein Palästinenser, erzählt von seinem Weg zum Glauben an Jesus Christus. In Jordanien wurde er Christ. Seine Entscheidung hatte einen hohen Preis: Weil seine Frau sich nicht von ihm lossagte, wurde sie von ihrem Vater erstochen. Sultan musste fliehen. Doch nicht nur die Flucht war ein langer Weg. Auch die Reise zur Vergebung dauerte Jahre. Erst als er seinem Schwiegervater vergeben konnte, wurde sein eigenes Herz frei. Diese Vergebung öffnete für ihn eine neue Tür: Er konnte seine Töchter in die Schweiz holen. Seine Geschichte macht eindrücklich sichtbar, was das Evangelium bewirken kann: Christus schenkt nicht nur Vergebung – er befähigt uns auch, selbst zu vergeben. Gerade für Christen, die aus muslimisch geprägten Kulturen kommen und teilweise mit tiefen Verletzungen und familiären Konflikten leben, wird diese Botschaft zu einer persönlichen Herausforderung und gleichzeitig zu einer Quelle neuer Hoffnung.
Ein anderer Referent bringt es auf den Punkt: «Ich habe Jesus gewonnen, aber meine Familie verloren.» Auch er wurde nach seiner Entscheidung für Christus von seinen Eltern verstossen. Jahre später erhielt er einen klaren Ruf von Gott. Seither sucht er Menschen entlang der Seidenstrasse auf und erzählt ihnen von Jesus. «Gott hat mich gerufen – ich kann nicht anders», sagt er. Dann richtet er die Frage an die Zuhörenden: «Was ist dein Auftrag?» Dabei verschweigt er nicht, dass Nachfolge auch Leiden bedeuten kann. Entscheidend sei, wie wir damit umgehen. «Nehmt nicht Anstoss. Betet: Jesus, egal, was in meinem Leben geschieht, ich möchte ganz nahe bei dir sein.»
Die Sehnsucht, gebraucht zu werden
In sechs Sessions beschäftigen sich die Teilnehmenden mit Abschnitten aus dem Jakobusbrief. Egzon Shala, interkultureller Beauftragter der SEA, schlägt dabei einen Bogen von der Diaspora der ersten messianischen Juden bis zur heutigen Gesellschaft. Die Zerstreuung ist nicht das Ende der Geschichte. Im Gegenteil: Gott kann Christen gerade dort gebrauchen, wohin sie zerstreut wurden. «Auch heute ermutigt Jesus die Diaspora, ihm treu nachzufolgen und Teil seiner Mission zu werden.»
Und genau diese Sehnsucht wird während des Camps immer wieder sichtbar. Menschen wollen nicht nur empfangen. Sie wollen geben. Sie wollen nicht nur selbst Heilung erfahren. Sie wollen andere ermutigen. Sie wollen nicht nur irgendwo dazugehören. Sie wollen wissen, wozu Gott sie berufen hat.
Mehr als ein Motto
Im letzten Gottesdienst kommen noch einmal Dutzende Menschen zum Gebet: für körperliche und seelische Heilung, für Familien, für Berufung, für die Zukunft. Die Atmosphäre ist von Freude geprägt. Nicht, weil alle Fragen beantwortet wären. Nicht, weil alle Schwierigkeiten plötzlich verschwunden wären. Sondern weil Menschen neu entdeckt haben: Gott ist da. Er sieht mich. Er liebt mich. Und er hat einen Auftrag für mein Leben.«Vision – Begegnung – Einheit – Sendung» – die vier Worte, die über dem Camp gestanden haben, sind am Ende nicht einfach ein Motto. Sie werden Wirklichkeit:
- Vision, weil Menschen neu zu träumen begonnen haben
- Begegnung, weil Fremde zu Geschwistern geworden sind
- Einheit, weil unterschiedliche Nationen und Kulturen gemeinsam Gott angebetet haben
- Und Sendung, weil Menschen den Ruf gehört haben, ihre Umgebung mit der Hoffnung von Jesus zu erreichen
Das Camp endet. Die Menschen reisen wieder zurück in ihre Städte, ihre Gemeinden, ihre Asylzentren und ihre Familien. Was bleibt, sind eine neue Hoffnung, neue Freundschaften, erlebte Heilung und ein tieferes Vertrauen in Gott.
Die Diaspora ist nicht nur eine Gruppe von Menschen, die irgendwo angekommen ist. Sie ist eine Gemeinschaft, durch die Gott seine Mission weitertragen möchte – in der Schweiz und weit darüber hinaus.
Zur Website:
Catch the Vision
Datum: 23.08.2026
Autor:
Egzon Shala / Viviane Krucker-Baud / François Pinaton
Quelle:
SEA AG interkulturell