Befähigen und Freisetzen
Erst kürzlich war ich mit meinem Leitungsteam bei einer Jugendarbeit zu Besuch, die um 19 Uhr beginnen sollte. Wir kamen am Nachmittag schon an und waren erstaunt. Der Jugendleiter nahm sich entspannt Zeit für uns. Über 50 Jugendliche waren währenddessen schon Stunden vor dem Anlass bereit, voller Freude mitzuhelfen. Die Stimmung war relaxed und die Vibes hervorragend.
Andere Jugendarbeiten hingegen meckern pausenlos darüber, dass ihre Jugendlichen keine Verantwortung übernehmen, unzuverlässig sind und generellen Anschiss haben bei allem, was man ihnen aufträgt. Sie beklagen sich darüber, dass sie keine Mitarbeiter finden und es halt nicht so ist wie früher.
Warum gelingt es den einen, immer genügend motivierte Mitarbeiter zu haben, und anderen nicht? Ich bin überzeugt, dass einer der entscheidenden Schlüssel darin liegt, eine befähigende Kultur zu fördern.
Befähigung leben
Befähigung bedeutet, dass ich als Leiter ganz bewusst die Jugendlichen in die Lage versetze, ihre Jugendarbeit selbst mitzugestalten. Ich setze sie frei, um in ihren Begabungen und Berufungen zu wachsen.
Befähigung setzt natürlich eine persönliche Beziehung und einen Vertrauensvorschuss voraus. Befähigung und Beziehung gehen Hand in Hand. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Wenn meine persönlichen Beziehungen zu den jugendlichen Verantwortungsträgern stark sind, dann muss ich keine Angst haben, dass sie die Jugendarbeit in eine völlig falsche Richtung weiterentwickeln werden. Wenn sie mein Herz kennen und die Richtung klar ist (vgl. Impuls «Brauche ich eine Vision»), dann habe ich das volle Vertrauen, dass sie mit mir gemeinsam dahin unterwegs sind.
Jesus als Vorbild
Ein gutes Beispiel von befähigender Kultur hat Jesus uns gegeben mit der Aussendung der 70 Jünger in Lukas 10. Eine Zeit lang heilte Jesus nur selbst Kranke und trieb alleine die Dämonen aus. Die Jünger konnten dabei zusehen und lernen. Dann aber sandte er sie aus, um dasselbe zu tun. Sie kannten ihn, er vertraute ihnen, und er befähigte sie, selbst mitzuwirken. Sie hatten alle notwendigen Kenntnisse dafür von Jesus gelernt. Und er wollte, dass auch sie im Reich Gottes mitdienen konnten. Denn aus seiner Sicht waren seine Jünger nicht lediglich «Knechte», sondern «Söhne» und «Miterben» (Galater 4,7). Es ist nicht erstaunlich, dass die Jünger danach voller Freude zurückkamen (Lukas 10,17).
Früher hiess es, dass man zuerst etwas leisten muss, bevor man mitlabern darf. Das funktioniert so heute nicht mehr so absolut. Partizipation ist wichtig. Die Jugendlichen müssen möglichst früh mitlabern, mitgestalten und mitentscheiden dürfen, damit es zu ihrem Projekt wird. Solange ich die Jugendlichen nur als «Arbeitskräfte» sehe, welche von mir vordefinierte Aufgaben übernehmen sollten, werden sie sich (zu Recht) auch nur als solche sehen.
Was kann ich als Leiter tun, um eine befähigende Kultur zu prägen?
- Die Jugendlichen nicht von oben herab behandeln, sondern auf Augenhöhe miteinander unterwegs sein.
- Nicht nur Aufgaben delegieren, sondern echte Verantwortung übergeben.
- Bereit sein, grosszügig zu sein, wenn die Jugendlichen etwas andere Vorstellungen haben als du.
- Keine Rollen füllen, sondern potenzial-, begabungs- und berufungsorientiert Leute für die Mitarbeit an-fragen (vgl. Impuls «I want you»)
- Kein Selbstwert- oder Kontrollproblem zu haben, erlaubt mir, problemlos im Hintergrund zu stehen und den Jugendlichen ihren Erfolg zu gönnen.
- Wenn die Jugendlichen brillieren, dann lass sie dafür das Lob bekommen. Wenn sie versagen, dann halte deinen Kopf hin.
Alles beginnt damit, dass ich als Leiter die richtigen Räume schaffe und Plattformen gebe. Ich schaffe Räume, in denen die Jugendlichen die Freiheit haben, selbst zu gestalten. Ich gebe ihnen die notwendigen Plattformen, um zu brillieren.
Eines unserer aktuellen Projekte ist es, dass unser Creativeteam neue Werbeartikel für unsere Jugendarbeit gestaltet. Ich schaffe den Raum dafür, indem ich ein paar Rahmenbedingungen vorgebe und diese mit der Teamleiterin besprochen habe. Alles Weitere – von der Gestaltung bis hin zum Businessplan – übernehmen sie selbst. Wenn die neuen Kleidungsstücke fertig sind, werden sie zu Recht voller Stolz von ihren Hoodies oder T-Shirts erzählen.
Reflexionsfragen
- Wie motiviert sind die Jugendlichen generell, um bei euch mitzuarbeiten?
- Siehst du die Jugendlichen eher als «Arbeitskräfte» oder als «Mitarbeiter auf Augenhöhe»? Warum?
- Wo mischst du dich vielleicht zu fest ein, anstatt den Jugendlichen Freiheiten zu geben?
- Fällt es dir leicht, den Jugendlichen einen Vertrauensvorschuss zu geben?
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Kirchliche Jugendarbeit» von Joel Meier (Verlag BoD - Books on Demand, ISBN 9783695124992) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zu den weiteren Auszügen:
Dossier: Kirchliche Jugendarbeit
Zum Autor: Joel Meier ist seit über zehn Jahren Jugendpastor in der Buchegg Church in Zürich. Er hat Theologie in Basel, Zürich und London studiert. Heute coacht und begleitet er mit viel Leidenschaft junge Leiter und Pastoren in der Jugendarbeit. Zudem doziert er an mehreren Bibelschulen und ist in seiner Freizeit am liebsten mit seiner Familie in den Bergen unterwegs.
Datum: 21.08.2026
Autor:
Joel Meier
Quelle:
Buchauszug «Kirchliche Jugendarbeit»