Geistliche Aufbrüche und menschliche Herausforderungen
In Frankreich treffen sich alljährlich rund 30`000 christliche Roma zu ihrem Mega-Festival «Vie et Lumiere». In den letzten Jahren wurden zunehmend Beschwerden laut, was solch ein riesiger Anlass mit meist kleinen Austragungsorten macht: «Die Ansiedlung von 20'000 bis 30'000 Menschen würde die Infrastruktur unserer Region schädigen, ihre Sicherheit gefährden und allen unseren Einwohnern schaden, die keine zusätzlichen Belastungen brauchen», erklärte etwa ein Parlamentsabgeordneter des Distrikts Aisne. Verschiedene weitere mögliche Austragungsorte machten ähnliche Probleme in Bezug auf Sicherheit, logistische Organisation sowie Wasser- und Stromversorgung geltend. Das Ergebnis: Die Leitung fand keinen geeigneten Austragungsort und musste das Festival «Vie et Lumiere» für dieses Jahr absagen.
USA: Die Kehrseite von «Asbury»
In den USA machte die kleine Stadt Wilmore, Kentucky im Jahr 2023 von sich reden, als ein geistlicher Aufbruch am lokalen Asbury-College einen riesigen Besucherstrom anzog. Der Pfingstpastor Roberts Liardon ist Experte in Erweckungsgeschichte und berichtete in einer Predigt, was die «Asbury-Erweckung» mit dem kleinen Ort gemacht hat. «Die Jungen haben über soziale Medien in den ganzen USA die Nachricht verbreitet, dass in Asbury eine Anbetungsversammlung nicht endet und dass der Heilige Geist wirkt», so Liardon. Asbury sei die erste «Tik Tok-Erweckung» gewesen: «Mit der einen Hand haben sie Gott angebetet, mit der anderen die Nachricht über Tik Tok geschickt.» Das Ergebnis: Aus dem ganzen Land strömten Besucher herbei, die auch dabei sein wollten.
«Stellt euch eine kleine Stadt von 6'300 Menschen vor: Jeder kennt jeden, es gibt nur sieben Polizisten – und am Wochenende wachen sie mit 50`000 Besuchern auf.» Autos parkten überall, auf allen Strassen und auf der Wiese, sogar in privaten Auffahrten. «Die Abschleppwagen haben in Asbury viel Geld gemacht», so Liardon. Es gab Toilettenprobleme, in den Restaurants nichts mehr zu essen – der Bürgermeister musste die Zufahrt zur Stadt schliesslich schliessen, weil sonst der logistische Kollaps gedroht hätte.
«Erweckung» gestoppt
Nachdem der Bürgermeister drohte, die Asbury-Universität zu verklagen, wurde nach 14 Tagen beschlossen, die Versammlungen abzustellen. «Die Erweckung wurde abgewürgt», so Liardon. Sein Vorschlag: Irgendwo auf dem Land einen Farmer suchen, der ein grosses Gelände zur Verfügung stellt. Realistisch? Man weiss es nicht – Tatsache ist aber, dass erweckliche Aufbrüche mit grossen Menschenmengen nicht nur geistlichen Segen, sondern auch sehr menschliche Herausforderungen mit sich bringen. Wahrscheinlich war es schon im Jahr 33 in Jerusalem so – eine quasi über Nacht entstandene Megachurch mit 3'000 Mitgliedern ist auch nicht einfach zu handhaben. Hoffen wir, dass Gott sich trotzdem nicht bremsen lässt – und dass christliche Leiter aus den Erfahrungen solcher Aufbrüche lernen.
Zum Autor: Reinhold Scharnowski ist Pfarrer, Netzwerker und Redaktor. 21 Jahre war er Pfarrer der FEGs in Thun und Steffisburg, dazu Leiter von DAWN Europo und drei Jahre Missionar in Bolivien. Heute im «Unruhestand», seit 2012 aktiv als Redaktor bei Livenet.
Datum: 01.08.2026
Autor:
Reinhold Scharnowski
Quelle:
Livenet / Evangelical Focus