Raum schaffen für das Zweifeln
Auch wenn wir es nicht gerne zugeben, gibt es in unseren Kirchen den latenten Druck auf die Jugendlichen, zu glauben und möglichst nicht zu zweifeln. Viele Eltern und Jugendleiter gehen schon fast selbstverständlich davon aus, dass die Jugendlichen alles für wahr halten, was sie in der Kirche hören. Dabei vergessen sie oft, dass auch bei ihrem Glauben ein langer Prozess dazu notwendig war.
Ungesunde Umgangsformen
Es ist erstaunlich, wie hoch der Schamfaktor ist, kritische Gedanken zu äussern. Vielleicht entstehen gerade deshalb ungesunde Umgangsformen, wie:
- Verdrängung. Das tönt dann oft so: «Du musst nur mit dem Herzen glauben, nicht mit dem Verstand». Dabei wird sehr oft der Vers zitiert: «Verlass dich nicht auf deinen Verstand…» aus Sprüche 3,5–6. Es ist zwar wahr, dass unser Verstand keine souveräne, fehlerlose Grundlage für unser Leben ist und von Sünde vernebelt ist. Aber dennoch ist es unser höchstes Gebot, Gott «mit dem ganzen Verstand» zu lieben (Matthäus 22,37). Ohne Verstand zu glauben, ist deshalb keine Option für uns als Christen.
- Verteufelung. Dabei wird davon ausgegangen, dass jeder kritische Gedanke automatisch vom Teufel ist. So ähnlich, wie es in einem bekannten christlichen Chorus im Vers heisst «Satan flösst mir Zweifel ein». Auch wenn es wahr ist, dass der Teufel Zweifel säen kann, so ist es nicht wahr, dass jeder Zweifel vom Teufel ist.
- Wegbeten. Oft wird hier ein Druck erzeugt, dass der andere zu wenig glaubt. Der (unausgesprochene) Vorwurf lautet: Wenn du genug nahe bei Jesus wärst und mehr beten würdest, dann hättest du keine solchen Gedanken.
Auf Zweifel eingehen
Ist dir auch schon aufgefallen, dass Jesus in seiner Jüngercrew auch Zweifler dabeihatte (Matthäus 28,17)? Am bekanntesten ist wahrscheinlich Thomas, der oft auch der Zweifler genannt wird. Jesus hat seine Zweifel aber nicht verteufelt. Auch nicht weg gebetet. Und erst recht nicht verdrängt. Er ist auf seine Zweifel eingegangen und hat Thomas seine durchbohrte Seite und Hände gezeigt (Johannes 20,24–29).
Wenn auch wir auf die Zweifel der Jugendlichen eingehen, dann schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass junge Leute lernen, durch Zweifel hindurch einen starken Glauben zu entwickeln. Für die Formierung eines selbstständigen Glaubens ist es essenziell, dass Zweifeln und kritisches Hinterfragen erlaubt sind.
Ganz konkret helfen mir folgende Massnahmen, um für das Zweifeln einen gesunden Rahmen zu schaffen:
- Predigten zu kritischen Fragen, wie «Warum lässt Gott Leid zu?» oder «Warum kommen nicht alle Menschen in den Himmel?».
- Apologetische Bücher und Podcasts promoten. Es gibt inzwischen sehr gute Literatur zu dem Thema für alle intellektuellen Niveaus.
- Regelmässige Workshops zum Thema «Mit Zweifeln umgehen».
- Über das eigene Theologiestudium sprechen.
- Hilfe holen bei intellektuellen Fragen, welche ich selbst nicht gut beantworten kann.
Wenn wir nicht gute, wissenschaftlich fundierte und biblische Antworten auf die Zweifel von jungen Leuten geben können, dann kommen sie unweigerlich zu der Annahme, dass der Glaube nichts für intelligente Menschen ist oder nur Herzenssache ist. Beides könnte nicht falscher sein. Wenn wir hingegen aufzeigen, wie wir mit ungeklärten Fragen umgehen können und kritische Zweifel zum Glauben dazugehören, dann wird sich auch bei unseren Jugendlichen ein gesunder und kritisch reflektierter Glaube entwickeln.
Real-Life Story von Josua
In einer feurig christlichen Familie aufgewachsen, war und ist der Kirchenbesuch ein beständiger Teil meines Lebens. Bis heute. In diesen 21 Jahren gab es aber eine zweijährige Pause. Die pubertäre Selbstfindungsphase machte vor fast keinem Bereich meines Lebens halt. Auch mein von meinen Eltern vorgelebter Glaube kam auf den Prüfstand. Mein SG-Leiter nahm meine Phase besonders gut wahr, hörte mir stundenlang zu und fragte gelegentlich nach.
Durch die Gespräche merkte ich, dass die Zweifel völlig in Ordnung waren, kein Leiter oder Elternteil störte sich daran. Aber ich musste lernen, dass ich, wenn ich grosse Fragen stellte, auch auf eine ehrliche Suche nach Antworten gehen musste. Mein engstes Umfeld gab mir die Ressourcen, die ich dafür benötigte (ein Buch von C. S. Lewis oder ein Vortrag auf YouTube etc.), aber am meisten bestärkte mich, zu wissen, dass meine Fragen gut waren und gestellt werden durften. Und dass neue Erkenntnisse auch wieder verworfen und abgeändert werden können, ohne Angst vor Kritik. Diese Entwicklung war die entscheidende meines Glaubens. Denn erst in der Phase der Zweifel konnte mein Glaube Gestalt annehmen. Anfangs wild und unsortiert, hat sich im Prozess ein fester, fundierter Glaube entwickelt.
Reflexionsfragen:
- Welche Möglichkeiten gibt es bei dir in der Jugend-gruppe, um kritische Fragen zu äussern?
- Wie reagierst du darauf, wenn jemand intellektuelle Zweifel anspricht?
- Welches sind deine Top-drei-Bücher, die du einem Mittelschüler empfehlen würdest, der meint, der Glaube an Jesus sei unwissenschaftlich? Hast du diese Bücher in deiner Bibliothek?
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Kirchliche Jugendarbeit» von Joel Meier (Verlag BoD - Books on Demand, ISBN 9783695124992) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zum Dossier:
Kirchliche Jugendarbeit
Zum Autor: Joel Meier ist seit über zehn Jahren Jugendpastor in der Buchegg Church in Zürich. Er hat Theologie in Basel, Zürich und London studiert. Heute coacht und begleitet er mit viel Leidenschaft junge Leiter und Pastoren in der Jugendarbeit. Zudem doziert er an mehreren Bibelschulen und ist in seiner Freizeit am liebsten mit seiner Familie in den Bergen unterwegs.
Datum: 31.07.2026
Autor:
Joel Meier
Quelle:
Buchauszug «Kirchliche Jugendarbeit»