Der Traum einer «Kirche für andere»
Die Ausgangslage ist ernüchternd: Freikirchen erreichen höchstens Menschen, die bereits christlich vorgeprägt sind, eine Art «christlichen Grundwasserstand» haben. Gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen, die kaum Berührungspunkte mit dem Glauben haben. Hier setzt die Idee der «Kirche für andere» an. Als Pastor der FeG Wetzikon ist David Gronau Mit-Initiator der Bewegung. Er wünscht sich Gemeinden, die den Blick konsequent nach aussen richten.
Im Gespräch mit anderen Pastoren und Freikirchenkirchenverbänden entwickelte sich die Bewegung. Grundlage war Bonhoeffers Motto, dass Kirche nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist. Und Gronau ergänzt: «Wir haben irgendwie eine Sehnsucht, dass wir als Kirche die Augen öffnen für die, die noch nicht da sind.» Darüber spricht er im Livenet-Talk mit Florian Wüthrich.
Gemeinsam statt allein
Das Ziel ist, zunächst Christen aus den verschiedenen Kirchen für die Idee zu begeistern. Deshalb werden im März 2027 in 24 Regionen der Schweiz zeitgleich regionale Veranstaltungen stattfinden. Nicht eine grosse zentrale Konferenz, sondern lokale Hubs und Netzwerke. Natürlich sind Redner am Start, die Input geben, doch Schwerpunkt soll das Lernen voneinander sein und das Umsetzen regionaler Ideen. Die Frage ist: Was braucht die Region? Die Dynamik im Vorfeld beschreibt David Gronau so: «Manchmal fühle ich mich bei ‹Kirche für andere›, als ob ich ein Flugzeug während des Fliegens aufbaue.» Und gleichzeitig begeistert ihn die Offenheit des Prozesses, das ist für ihn eine Stärke und ermutigt ihn darin, sich vom Heiligen Geist leiten zu lassen.
Die «Marks of Mission»
Kirche beginnt (oder endet) für den Pastor nicht an der Gemeindetür. Die Bewegung orientiert sich an den «Five Marks of Mission», in denen Verkündigung, Nachfolge, Diakonie, Gerechtigkeit und Verantwortung für die Schöpfung miteinander verbunden sind. So zeigen sich vielfältige Berührungspunkte mit Menschen, die sich kaum für einen klassischen Gottesdienst interessieren würden. Manche begegnen Christen über deren soziales Engagement, andere über gemeinsame Projekte im Quartier oder am Arbeitsplatz. Entscheidend für Gronau ist es, dass Christen dort einen Unterschied machen, wo sie leben und arbeiten. Dass Kirche also herausgeht aus ihrer «Komm-Struktur» und eine «Geh-Struktur» erreicht, indem Christen ihren Glauben in Schule, Wirtschaft, Politik oder Nachbarschaft einbringen.
Mehr als ein Event
«Kirche für andere» soll dabei nicht aus kurzfristigen Aktionen und Projekten bestehen. Gronau geht es vielmehr um einen Kulturwandel. In der einen Region kann ein gemeinsames Sozialprojekt entstehen, in der anderen kann eine Lehrerin in besonderer Weise Frieden in ihr Klassenzimmer bringen. Ziel ist es, Gemeinden zu inspirieren, sodass die dauerhaft missionarischer und gesellschaftlich relevanter leben.
Der persönliche Weg
Im zweiten Teil des Gesprächs berichtet David Gronau sehr persönlich von seiner schweren Corona-Erkrankung. Er ist eigentlich immer gesund, doch während der Pandemie landete er mit Corona auf der Intensivstation und kämpfte um sein Leben. Dabei wurde ihm schlagartig bewusst, wie zerbrechlich das Leben ist. «Mein Leben hängt an einem seidenen Faden. Ich meine, alles im Griff zu haben – und ich habe nichts im Griff.» Diese Erfahrung führte ihn zur grundlegenden Frage: «Glaube ich selbst wirklich das, was ich predige?»
Heute blickt er dankbar zurück. Er hat sich vollständig erholt und es blieben keine dauernden Folgen. Trotzdem hat die Zeit auf der Intensivstation seinen Glauben vertieft. Seine vielleicht wichtigste Lektion aus dieser Zeit beschreibt er ehrlich: Christen geraten leicht in einen Modus ständiger Aktivität. So pflegt er heute bewusst längere Gebetsspaziergänge, um Gottes Gegenwart neu zu suchen. Und er versucht, sich daran zu erinnern, seinen Glauben nicht leistungsorientiert zu leben, sondern aus der Beziehung zu Gott. Als Pastor bemüht er sich darum, offener mit eigenen Schwächen umzugehen. Sein persönliches Fazit: «Corona hat mir geholfen, weniger zu performen.»
Begeistert von Gottes Handeln
Zum Schluss kommt Florian Wüthrich noch auf den Anfang des Pastorendaseines von David Gronau zu sprechen. Er stammt aus dem deutschen Wolfsburg, einer Region, die stark vom Maschinenbau geprägt ist. So schien ein solcher Berufsweg erst naheliegend. Den Ausschlag gab schliesslich das Erleben, wie Gott Menschen veränderte – das begeisterte ihn so, dass in ihm der Wunsch entstand, Theologie zu studieren und sein Leben ganz in den Dienst der Kirche zu stellen. Diese Leidenschaft prägt ihn bis heute. Und seine Hoffnung ist, dass immer mehr Gemeinden den Mut finden, den Blick über die eigenen Reihen hinaus zu richten, damit Kirche tatsächlich «für andere» da sein kann und Menschen entdecken können, wer Jesus ist.
Zum Talk:
Datum: 28.07.2026
Autor:
Hauke Burgarth
Quelle:
Livenet