Rahab-Roman: Von der Dirne zur Ahnin Jesu
Die im Nahen Osten aufgewachsene Autorin Tessa Afshar veröffentlichte in diesen Tagen erstmals einen Roman in deutscher Sprache, während sie bereits zahlreiche Werke in englischer Sprache vorgelegt hat. «Rahab – Die Perle im Sand» ist im «Adonia»-Verlag erschienen und zeichnet die bewegende Geschichte von Rahab nach.
Tessa Afshar, warum hat Sie die Figur der Rahab besonders angezogen?
Tessa Afshar: Rahab war die kanaanäische Prostituierte, die Israels Kundschafter vor dem Tod rettete. Als Gegenleistung verschonte Israel ihr Leben und das Leben ihrer Familie. Damit hätte ihre Geschichte enden können. Doch Gott schenkte ihr eine grössere Geschichte. Sie heiratete Salmon, einen Anführer aus dem Stamm Juda. Das allein ist schon erstaunlich. Rahabs Ehemann war der Sohn Nahschons, des Oberhauptes des Stammes Juda. Nur Gott käme auf die Idee, eine ehemalige kanaanäische Dirne mit einem Mann zusammenzubringen, der zu einer der angesehensten Familien Israels gehörte. Doch Gott schenkte ihr eine noch grössere Geschichte. Er stellte sie direkt in die Abstammungslinie Jesu! Denken Sie einmal darüber nach: Ein Teil der DNA dieser ehemaligen Prostituierten floss im Blut Jesu! Das sagt ebenso viel über Gott aus wie über Rahabs Herz. Es gibt uns einen Einblick in die überwältigende Gnade Gottes. Wenn Gott eine Frau mit einer solchen Vergangenheit erwählen kann – was kann er dann mit dir tun?
Welche überraschenden neuen Erkenntnisse haben Sie bei Ihren Recherchen über Rahab gewonnen?
Die vielleicht interessanteste Entdeckung für mich betraf Rahabs persönliche Geschichte. Im biblischen Hebräisch gibt es zwei verschiedene Wörter für «Hure». Das erste Wort, kedeschah, bezeichnet Tempelprostituierte, die in ihrer eigenen Kultur ein gewisses Mass an Ansehen und Schutz genossen. Das zweite, zonah, bezeichnet eine Frau, die der gewöhnlichen Prostitution nachging. Eine zonah genoss in Kanaan nicht den Respekt einer kedeschah. In der Bibel wird Rahab als zonah bezeichnet, niemals als kedeschah. Diese Unterscheidung fand ich äusserst faszinierend. In «Rahab – Die Perle im Sand» versuche ich zu zeigen, warum dieses Detail für Rahabs Leben von Bedeutung ist.
Welche Botschaft aus Rahabs Geschichte ist Ihnen heute am wichtigsten?
Rahabs Volk ist am Ende. Ihr Leben ist ein Scherbenhaufen. Ihr Herz ist ein Scherbenhaufen. Als Israel schliesslich vor den Mauern Jerichos lagert, befindet sich Rahabs Welt bereits im Zerfall. Natürlich ist sie vor allem für den Glauben bekannt, den sie zeigte, als sie die Kundschafter rettete. Einen solchen mutigen Glauben brauchen wir heute dringender denn je.
Doch ich denke, dass Rahabs spätere Entscheidungen noch andere aussergewöhnliche Eigenschaften dieser Frau offenbaren. Sie entscheidet sich, bei Israel zu leben. Sie macht Israel zu ihrer dauerhaften Heimat, obwohl sie sich nach der Zerstörung Jerichos auch einem anderen kanaanäischen Volk hätte anschliessen können. Sie hätte das Vertraute wählen können. Das Einfache. Stattdessen setzt sie ihr Vertrauen auf den Herrn und verknüpft ihr Schicksal mit dem Israels. Auch wir müssen das Einfache und Vertraute hinter uns lassen und danach streben, Gott näherzukommen. Letztlich entdeckt die ehemalige kanaanäische zonah, dass ihr Leben mit Gott gerettet werden kann. Mehr noch: Es ist wertvoll. Das ist eine zentrale Botschaft für uns alle heute. Unsere Vergangenheit bestimmt nicht unseren Wert. Gott tut es.
Wie viel historische Recherche steckt in «Rahab – Die Perle im Sand»?
Ich schreibe Romane, die in biblischer Zeit spielen und von biblischen Ereignissen oder Figuren inspiriert sind. Das bedeutet, dass ich auf zwei Ebenen recherchieren muss: historisch und biblisch. Die Geschichte Rahabs spielt in einer Zeit der israelischen Geschichte, aus der uns nur wenige archäologische Hinweise geblieben sind. Ihre Zelte sind längst zerfallen, ihre Tongefässe unter dem Sand der Zeit verschwunden, die Stiftshütte existiert nicht mehr und die Bundeslade ist verschollen. Das ist nicht die Römerzeit, in der man an jeder Ecke die Hinterlassenschaften eines Weltreichs findet. Die Recherche war schwierig. Aber ich fand genug Material, um dieses Buch schreiben zu können.
Die Bibel selbst war dabei meine reichste Quelle. Ausserdem wissen wir recht viel über Jericho, seine berühmten Mauern und den Aufbau der Stadt. Hinzu kommen Kenntnisse über das Wetter, die Landschaft, die hebräische Sprache, die Nahrung und das, was wir allgemein über Kanaan wissen. All das ergab ein ausreichend lebendiges Bild, um Rahabs Geschichte zum Leben zu erwecken.
Was war der wichtigste Auslöser für Ihren Weg zum christlichen Glauben?
Es war eine Kombination verschiedener Umstände, die mich dazu brachte, mich Gott zuzuwenden. Ich durchlebte damals eine besonders schwierige Zeit. Ich hatte das Gefühl, mein Leben sei zerstört, und ich könne es nicht wieder in Ordnung bringen. Der Teil von mir, der immer geglaubt hatte, mein Schicksal selbst kontrollieren zu können, wurde auf schmerzhafte Weise eines Besseren belehrt.
Zur gleichen Zeit hatte ich einen Traum von Jesus, in dem er mich aufforderte, ihm nachzufolgen. Nach diesem Traum wachte ich mit einem tiefen, unerschütterlichen Frieden auf, der drei Tage anhielt, und mit dem Gefühl, dass etwas Übernatürliches geschehen war. Kurz darauf war ich von Christen umgeben. Zum ersten Mal in meinem Leben luden mich Menschen in den Gottesdienst, zum Bibelkreis und zum Gebet ein. Ich hielt sie für verrückt. Obwohl ich im Nahen Osten aufgewachsen bin, war meine Familie nur dem Namen nach muslimisch. Ich dachte, alle Religionen seien gleich und keine davon sei etwas für mich. Aber ich spürte, dass an diesen Christen etwas anders war. Ich konnte die Erkenntnis nicht abschütteln, dass sie etwas hatten, wonach ich mich sehnte. Ich kann nur sagen, dass ich mich irgendwann in Jesus verliebt habe. Mir wurde klar, dass er alles war, was er von sich behauptete – und dass er genug ist. Daran habe ich nie etwas geändert.
Was wünschen Sie sich, dass die Leser aus dem Buch mitnehmen?
Natürlich hoffe ich als Romanautorin, dass die Leser von der Romantik und dem Abenteuer dieser Geschichte mitgerissen werden. Ich hoffe, dass sie ein paar Mal lachen und vielleicht auch die eine oder andere Träne vergiessen. Doch wenn sie die letzte Seite umblättern, wünsche ich mir, dass irgendein Winkel ihres Herzens Gott als den erkennt, der ihrem Herzen nachgeht. Als den, der die Perle im Sand immer erkennt.
Wie fühlt es sich an, dass «Rahab – Die Perle im Sand» nun erstmals auf Deutsch erschienen ist?
Das ist ein Grund zu grosser Freude! Ich habe immer gehofft, dass Leserinnen und Leser meine Bücher in ihrer Herzenssprache Deutsch lesen können. Für mich ist das eine Gebetserhörung.
Zum Autor: Daniel Gerber schreibt seit 25 Jahren für Livenet. Er ist freier Journalist und Autor mehrerer Bücher; zuletzt «Wo Jesus barfuss geht» (im SCM Hänssler-Verlag) mit Markus und Katharina Freudiger. Besonders wohl fühlt er sich in den Weiten Afrikas. Er ist verheiratet mit Guilene und Vater von drei Kindern.
Datum: 19.07.2026
Autor:
Daniel Gerber
Quelle:
Livenet