Livenet-Talk

Eine Zürcher Gemeinde entdeckt neu den Lebensstil von Jesus

Jonathan und Stefanie Schneider im Livenet-Talk
Kaum etwas klingt christlicher als die Idee, Jesus nachzufolgen. Doch Stefanie und Jonathan Schneider, die leitenden Pastoren der GVC Zürich Oberland, merkten: Der hektische Alltag setzt ihnen hier Grenzen.

In der Familienauszeit nach Weihnachten 2020 lasen die beiden das Buch «Practicing the Way» von John Mark Comer (deutsch: Leben vom Meister lernen). Schneiders fanden sich wieder in der Beschreibung von permanenter Erreichbarkeit, dem Gefühl, immer funktionieren zu müssen und einem vollen Alltag. Sie realisierten, dass ihr Dauerstress nicht nur ein gesundheitliches oder gesellschaftliches Problem war, sondern auch ein geistliches. Wer ständig unter Druck steht, dem fällt es schwer, Geduld, Freundlichkeit oder Frieden zu leben, also die Eigenschaften, die das Neue Testament als Frucht des Heiligen Geistes beschreibt.

Sie waren betroffen – und sie wollten ihren Glauben wieder so leben, dass sie Jesus ähnlicher wurden. Im Livenet-Talk erzählen sie Florian Wüthrich, was danach geschah. Steffi beschreibt es mit den Worten: «Darum sind wir dann ein bisschen auf die Journey gegangen und wollten wirklich anfangen mit unserem Leben, probieren, es zu entschleunigen, aber auch vom Meister lernen.»

Eine Frage der guten Gewohnheiten

Das Buch verwies sie auf geistliche Übungen wie den Sabbat, Zeiten der Stille oder auch Gastfreundschaft. All das gehört seit Jahrhunderten zur christlichen Tradition und war dem Pastorenehepaar nicht neu. Neu war ihnen die verständliche Sprache und die Übertragung dieser Praxis in den modernen Alltag. Alles begann mit einem Perspektivwechsel: Christsein war nicht mehr zuerst das Festhalten bestimmter Glaubenssätze, sondern das Einüben des Lebensstils, den Jesus vorgelebt hatte: Nachfolge, Schritt für Schritt. Dabei stellten sie fest, dass die geistlichen Übungen kein Selbstzweck waren, sondern zu Werkzeugen wurden, die ihren Charakter langfristig formten.

Selbst anfangen und dann gemeinsam probieren

Steffi und Jonathan waren begeistert, aber sie trugen die Idee noch nicht als neues Konzept in ihre Gemeinde. Stattdessen begannen sie bei sich selbst. Besonders prägend war die Erfahrung, einen Sabbat für sich einzuführen, an dem sie 24 Stunden lang ohne Arbeit und Verpflichtungen und möglichst ohne Smartphone auskamen und danach bewusst in die neue Woche starteten. Als sie ihr erstes Kind bekamen, mussten sie einiges anpassen, doch gerade dabei merkten sie, dass es nicht um starre Regeln ging, sondern um ihre innere Haltung.

Das Sabbat-Projekt trugen sie dann als erstes in ihre Gemeinde. Sie überredeten nicht alle zum Mitmachen, sondern starteten in der GVC Zürich Oberland mit einer Pilotgruppe von Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen, Eltern und Singles, Arbeitenden und Ruheständlern. Es war ein Experiment und die Rückmeldungen waren eindeutig: Alle Teilnehmenden erlebten den Sabbat als wohltuend und wollten ihn dauerhaft beibehalten. Inzwischen nimmt die Gemeinde jedes Jahr eine weitere geistliche Gewohnheit in den Fokus – Gemeinschaft, Grosszügigkeit oder Stille.

Ein Weg der kleinen Schritte

Jonathan erzählt, dass er sich an Wundern freut, bei denen Gott spontan und mächtig eingreift. Und er ergänzt, dass aus seiner Sicht charakterliche Weiterentwicklung anders funktioniert, nämlich langsam, Schritt für Schritt und durchs Aufbauen von Gewohnheiten. Die Pastoren sehen deshalb in den geistlichen Übungen in Comers Buch eine Hilfe für Christen, die mit Zweifeln ringen oder durch eine Phase der Dekonstruktion gehen. Wer in einer tragfähigen Verbindung mit Jesus verwurzelt ist, braucht für sie keine Antworten auf alle Fragen, um ihm weiter nachzufolgen.

Ein gesellschaftlicher Gegenentwurf

«Leben vom Meister lernen» ist für Schneiders in einer Welt voller Ablenkung, digitaler Medien und permanenter Reize ein bewusster Gegenentwurf. Es ist gelebter Widerstand. Man wird langsamer. Lässt Langeweile zu. Legt das Handy weg. Und wird aufmerksamer für Gott und Menschen. Gleichzeitig ist dieses Leben für sie weder Rückzug noch die typische Selbstoptimierung – das halten sie für ein grosses Missverständnis. Es geht ihnen nicht um Passivität, sondern um Grosszügigkeit, Gastfreundschaft, Gemeinschaft und gelebte Nächstenliebe.

Probieren, anpassen und weitermachen

Kein Konzept lässt sich eins zu eins übertragen. Das Buch von Comer hat inzwischen einen Praxisbegleiter: Der Practicing the Way Kurs. Er ist bereits auf Deutsch erhältlich, bietet zahlreiche Ressourcen und ist auch kulturell gut angepasst. Trotzdem geht es darum, eigene Formen der Jüngerschaft zu entwickeln. Steffi und Jonathan Schneider wissen, dass nicht jede Idee in ihrer Gemeinde zünden wird, nicht alles wird direkt funktionieren. Manches muss an die eigene Situation angepasst werden. Entscheidend ist für sie aber die Bereitschaft, gemeinsam unterwegs zu bleiben. Die Sehnsucht, Jesus ähnlicher zu werden und zu wachsen. Und sie hoffen, dass viele Menschen nicht nur das Etikett «Christ» tragen, sondern Jesus als ihren Rabbi kennenlernen und ihm nachfolgen.

Steffi Schneider schliesst mit dem Gedanken, dass all dies kein Riesenschritt ist. Niemand muss sein ganzes Leben auf einmal umkrempeln. Nachfolge kann vielmehr mit zehn Minuten Stille am Tag beginnen, denn kleine Gewohnheiten können langfristig grosse Veränderungen bewirken.

Zum Talk:

Datum: 14.07.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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