Jüngerschaft in der Jugendarbeit: Kleingruppen
Wenn deine Jugendarbeit wächst, dann wirst du mit der Zeit merken, wie die Gruppe unweigerlich immer anonymer wird für neue Besucher und selbst du vielleicht nicht mehr alle Namen kennst. Du wirst feststellen, dass die familiäre Community, die gegenseitige Anteilnahme und die persönlichen Connections kaum mehr aufrechterhalten werden können, so wie früher.
Das Kleingruppen-Prinzip der ersten Christen
Die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte hatte dieselbe Herausforderung. Sie hatten über 3000 neue Gläubige dabei nach Pfingsten! Ihre Lösung sah folgendermassen aus: «Was das Leben der Christen prägte, waren die Lehre, in der die Apostel sie unterwiesen, ihr Zusammenhalt in gegenseitiger Liebe und Hilfsbereitschaft, das Mahl des Herrn und das Gebet. Jedermann in Jerusalem war von einer tiefen Ehrfurcht vor Gott ergriffen, und durch die Apostel geschahen zahlreiche Wunder und viele aussergewöhnliche Dinge. Alle, die an Jesus glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besassen. Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not waren. Einmütig und mit grosser Treue kamen sie Tag für Tag im Tempel zusammen. Ausserdem trafen sie sich täglich in ihren Häusern, um miteinander zu essen und das Mahl des Herrn zu feiern, und ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit geprägt. Sie priesen Gott bei allem, was sie taten, und standen beim ganzen Volk in hohem Ansehen. Und jeden Tag rettete der Herr weitere Menschen, sodass die Gemeinde immer grösser wurde.» Apostelgeschichte 2,42–27 (NGÜ)
Die erste Gemeinde war offenbar sehr erfolgreich darin, das umzusetzen, was Jesus wollte: Menschen wurden gerettet und kamen in ein Umfeld, in dem sie sich zu starken Jüngern entwickelten. Wie taten sie das? Sie trafen sich nicht nur zu grossen, öffentlichen Versammlungen im Tempel, sondern auch zu kleineren, persönlicheren Treffen zu Hause. Denn sie wussten, dass ein wesentlicher Teil des Auftrags von Jesus nicht in grossen, anonymen Treffen umzusetzen war. Daher bin ich überzeugt, dass keine kirchliche Jugendarbeit «nur» mit Gottesdiensten arbeiten sollte. Es braucht die Ergänzung durch einen kleineren, persönlicheren Rahmen, in dem man sich wirklich kennt und das Leben miteinander teilt.
Jüngerschaft im Gottesdienst nicht möglich
Es gibt verschiedene erfolgreiche Modelle, wie du deine Jugendarbeit strukturieren kannst. Je nach Grösse, Kirche, Tradition und Location eignen sich unterschiedliche Wege. Eindeutig ist aber, dass nur mit Gottesdiensten (ab einer bestimmten Grösse) Jüngerschaft nicht mehr möglich sein wird.
Wir im Fuse (der Name unserer Jugendgruppe) treffen uns dreimal im Monat am Freitagabend in unseren Smallgroups (das sind Jüngerschaftsgruppen von jeweils ca. 5–10 Personen), welche alle in unserem Kirchgebäude in unterschiedlichen Räumen stattfinden. Nach den Smallgroups gibt es eine After-Lounge, für alle, die noch mit allen anderen abhängen wollen. Einmal im Monat feiern wir mit allen Smallgroups zusammen einen Jugendgottesdienst. So findet jeden Freitagabend etwas statt für die Jugendlichen.
Egal, welches Modell deine Jugendarbeit verfolgt, als Leiter bist du dafür verantwortlich, eine Strategie zu wählen, bei der sich alle zu starken Jüngern entwickeln können und niemand anonym in der Masse untergeht, ohne gesehen und geliebt zu werden. Für uns haben sich Smallgroups zum absoluten Schlüssel dafür entwickelt. Sie sind der Herzschlag unserer Kirche und in vielerlei Hinsicht vielleicht noch viel wichtiger als unsere gemeinsamen Gottesdienste.
Real-Life Story von Nadine
In einem Camp hatte ich die jüngsten Mädchen in meiner Kleingruppe. Ich würde gerne sagen, dass es nur so sprudelte von Fragen und Gesprächen – doch das Gegenteil war der Fall. Wer schon einmal eine Kleingruppe mit Teenagern geleitet hat, kann mich bestimmt verstehen.
Das Thema in unserer Gruppe war «Selbstwert». Die Mädchen sassen im Kreis. Einige teilten ihre Gedanken, die Mehrheit jedoch hörte lieber zu. Ich spürte, wie mich das frustrierte. Ich war überzeugt, dass Gott wirken wollte, und konnte ehrlich gesagt nicht verstehen, warum es so zäh war, die Kleingruppenzeit zu leiten.
Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass wir einander sagen sollten, was wir aneinander mögen oder bewundern. Zu meinem Erstaunen machten die Mädchen mit und teilten mutig ihre Gedanken. In der Gruppe war ein Mädchen, das eine sehr «coole» und selbstbewusste Ausstrahlung hatte. Als die Girls ihr positive Dinge zusprachen, begann sie plötzlich zu weinen. Sie erzählte, dass sie eigentlich gar nicht so «cool» sei, sondern zu Hause und in der Schule viele Probleme habe und auch mit Lügen kämpfe.
Wir durften für sie beten, und ich bin überzeugt, dass dieser Moment ohne die Kleingruppenzeit nicht passiert wäre. Dieses Erlebnis ermutigt mich immer wieder, auf den Heiligen Geist zu vertrauen und auch Kleingruppenzeiten auszuhalten, die vielleicht nicht meinen Erwartungen entsprechen. Manchmal sind es gerade die unscheinbaren Fragen oder Handlungen, die dazu führen, dass sich Jugendliche öffnen und echte Gespräche entstehen.
Reflexionsfragen:
- Ist es bei euch möglich, anonym in der Masse unter-zugehen? Warum?
- Wie stellst du sicher, dass jüngerschaftliche Beziehungen in deiner Jugendarbeit entstehen?
- Wo ist bei euch der Rahmen, in dem man ganz persönlich werden kann?
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Kirchliche Jugendarbeit» von Joel Meier (Verlag BoD - Books on Demand, ISBN 9783695124992) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zu den weiteren Auszügen:
Dossier: Kirchliche Jugendarbeit
Zum Autor: Joel Meier ist seit über zehn Jahren Jugendpastor in der Buchegg Church in Zürich. Er hat Theologie in Basel, Zürich und London studiert. Heute coacht und begleitet er mit viel Leidenschaft junge Leiter und Pastoren in der Jugendarbeit. Zudem doziert er an mehreren Bibelschulen und ist in seiner Freizeit am liebsten mit seiner Familie in den Bergen unterwegs.
Datum: 10.07.2026
Autor:
Joel Meier
Quelle:
Buchauszug «Kirchliche Jugendarbeit»