Jugendarbeit: Als Leiter zu 100% mit der Gruppe assoziieren
Als ich nach dem Theologiestudium als Pastor begann, bekam ich die Aufgabe, im Buchegg Kleingruppen für junge Erwachsene zu starten. Also begann ich damit. Meine erste Kleingruppe als Pastor war nur ein Freund und ich zusammen. Als ich wieder mal an einem Abend nur mit ihm zusammen war, beklagte ich mich bei Gott, dass wir nur zu zweit sind. Ich träumte davon, dass wir eine grosse Gruppe seien, und beneidete die anderen Kleingruppen, welche viel grösser waren. Ich dachte mir: «Wenn wir zehn Personen wären, dann wäre alles anders». Ich schämte mich dafür, dass ich als Pastor nur so eine kleine Gruppe hatte. Da sprach Gott zu mir und sagte: «Joel, du wirst nie wieder so viel Zeit für eine Person haben». Dieser Satz hat mich tief geprägt. Ich habe eines gelernt: Weniger Leute sind nicht schlechter oder weniger wert.
Weniger ist nicht schlechter
Wenn ich heute mit anderen Jugendleitern spreche, dann höre ich oft den Satz: «Wir sind halt nicht so gross». Oft ist das Statement von Scham behaftet. Und ich kann dem gut nachempfinden, weil es mir damals mit meiner Kleingruppe auch so ging. Und doch ist es falsch, so von der eigenen Jugendarbeit zu reden. Warum? Weil weniger Leute nicht weniger wert sind.
Ich kenne einige «Starpastoren», welche grosse Jugendarbeiten und Gemeinden leiten. Sie schwärmen von ihrer Arbeit, sie reden von dem, was Gott gerade tut, und ihre Zahlen beeindrucken mich. Ich habe viele ihrer Gemeinden selbst besucht und dabei eines gelernt: Auch sie kochen nur mit Wasser. Es klingt immer besser, als es wirklich ist. Jugendarbeit bleibt im Kern dasselbe. Egal, ob ihr 2, 10, 50, 100 oder 500 Jugendliche seid.
Schwärmen statt Schämen
Jesus hat sich mit dem Schwachen assoziiert. Er ist ein Teil unserer Menschheit geworden. Er ist wie wir geworden. Einer von uns. Und er hat sich nicht dafür geschämt. Ganz im Gegenteil: Er ist unser Hohepriester geworden. Unser Anwalt. Derjenige, der uns vertritt vor dem Vater. Auch wenn er weiss, dass wir nicht perfekt sind und ganz vieles nicht so ist, wie es sein sollte.
Deshalb: Sei der beste Jugendleiter für deine Jugendgruppe und schäme dich nicht für sie. Rede positiv von deiner Crew und schwärme von dem, was ihr seid. Assoziiere dich zu 100 Prozent mit deiner Kirche. Auch wenn du dir sehr bewusst bist, dass ganz vieles nicht perfekt ist.
Gib dir gleich viel Mühe, egal ob du zu fünf, 50 oder sogar 500 Leuten predigst. Sieh wenige Leute als Chance, denn je kleiner deine Gruppe ist, desto mehr kannst du dich direkt in Einzelne investieren. Verschönere nicht die Zahlen und vergleiche dich nicht mit derjenigen Jugendarbeit, welche du beneidest. Hör auf mit dem Loser-Talk: «Wir sind halt nicht so gross». Lebe im Hier und Jetzt und glaube nicht daran, dass alles besser wäre, wenn ihr mehr Personen wärt.
Real-Life Story von Sarah
Als 20-Jährige begann ich, in der Jugendgruppe in meiner Kirche mitzuleiten. Es war eine eher kleine Gruppe. Glaubensmässig noch ziemlich am Anfang – war meine Meinung – und viele Charaktere, die mich persönlich herausgefordert haben. Ganz oft hatte ich meine Jugendgruppe mit anderen Jugendgruppen verglichen, was nicht besonders dabei half, dass ich die Chancen und Möglichkeiten in meinen Leuten sah und somit mit ihnen etwas bewegen konnte. Manchmal habe ich mir gedacht: Oh Herr, wieso genau diese Leute? Ich habe mich oft richtig für meine Gruppe geschämt, anstatt das Potenzial zu sehen, das da war.
Wenn ich zurückdenke, macht mich das traurig, ich habe aber viel daraus gelernt und merke, wie ich jetzt – einige Jahre später – ganz bewusst versuche, dankbar zu sein für jeden einzelnen und das Potenzial und nicht die Schwächen zu sehen. Gott baut sein Reich mit den Menschen, die da sind! Die in deiner Jugendgruppe sind. Und er braucht dich, um sie zu dem zu machen, was Gott in ihnen sieht und mit ihnen Geschichte zu schreiben!
Reflexionsfragen
- Welche Jugendarbeit in deiner Region bewunderst du? Worum beneidest du sie?
- Wie beschreibst du deine Jugendarbeit gegenüber Auswärtigen?
- Was begeistert dich an deiner eigenen Jugendarbeit?
Dies ist ein Auszug aus dem Buch «Kirchliche Jugendarbeit» von Joel Meier (Verlag BoD - Books on Demand, ISBN 9783695124992) In den kommenden Wochen bietet Livenet weitere Einblicke in den Inhalt des Buches.
Zu den weiteren Auszügen:
Dossier: Kirchliche Jugendarbeit
Zum Autor: Joel Meier ist seit über zehn Jahren Jugendpastor in der Buchegg Church in Zürich. Er hat Theologie in Basel, Zürich und London studiert. Heute coacht und begleitet er mit viel Leidenschaft junge Leiter und Pastoren in der Jugendarbeit. Zudem doziert er an mehreren Bibelschulen und ist in seiner Freizeit am liebsten mit seiner Familie in den Bergen unterwegs.
Datum: 03.07.2026
Autor:
Joel Meier
Quelle:
Buchauszug «Kirchliche Jugendarbeit»