Livenet-Talk

Ein Zeichen gegen Antisemitismus

Martin Bühlmann erlebt heute wie das Evangelium in seiner Nachbarschaft Gestalt gewinnt.
«Wenn wir verlernen zuzuhören, zerstören wir die Demokratie», behauptet Martin Bühlmann im Livenet-Talk mit Florian Wüthrich und legt seine Sicht der Dinge dar.

Martin Bühlmann engagiert sich für «Shalom Switzerland», um gemeinsam mit Christen und Juden ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Der langjährige Leiter der Vineyard-Bewegung sieht in der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung eine Gefahr für die Demokratie. Deshalb fordert er Kirchen und Gemeinden heraus, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Seine Hoffnung setzt er dabei auf gelebte Nächstenliebe, gegenseitige Wertschätzung und eine Jesus-Nachfolge, die Menschen verbindet, statt auszugrenzen.

«Man muss da aufstehen»

Auf sein «Leiden» am Antisemitismus angesprochen, wird Martin Bühlmann deutlich: «Leiden ist das falsche Wort. Ich werde wütend. Man muss da aufstehen.» Deshalb engagiert er sich bei «Shalom Switzerland». Die Initiative will am 9. November in Bern ein öffentliches Zeichen gegen Judenhass setzen und eine breitere Bewegung in Gang bringen.

Bühlmanns Verbundenheit mit dem jüdischen Volk reicht allerdings weit zurück. Schon als Kind beschäftigte er sich mit Israel und der Shoah. Als er 1975 zum Glauben an Christus kam und begann, die Bibel zu lesen, begegneten ihm als christliche Helden lauter Juden. Er ist überzeugt: «Wer sich ernsthaft mit dem christlichen Glauben beschäftigt, kommt nicht daran vorbei, sich mit dem Judentum auseinanderzusetzen.» Viele christliche Traditionen und Werte hätten jüdische Wurzeln. Umso unverständlicher ist es für ihn, wenn Christen das Thema als Randerscheinung behandeln.

Die Veränderungen in der gesellschaftlichen Atmosphäre in Deutschland und der Schweiz sieht er deshalb mit Sorge: Judenhass wird wieder sichtbarer. Und er fragt sich, wie Christen hier glaubwürdig handeln können.

Wenn politische Ideologien den Glauben verdrängen

Als eigentliche Ursachen der Polarisierung sieht Bühlmann: «Die Nachfolge Jesu Christi ist in der Gesellschaft der westlichen Welt verloren gegangen.» Wo ein gemeinsames Wertefundament verloren gehe, werde es kompliziert, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Soziale Medien verstärkten dies zusätzlich. Er stellt fest, dass sich dabei politische Lager verbünden, die in ihren grundlegenden Werten kaum zusammenpassen. So wächst Antisemitismus sowohl «von rechts» als auch durch problematische Verbindungen zwischen linken Positionen und Islamismus. Auch Christen müssten sich fragen, wie sie mit politischen Differenzen umgingen. Eine freiheitliche Demokratie bedeute nämlich nicht, anderen die eigenen moralischen Vorstellungen aufzuzwingen.

Demokratie beginnt mit Zuhören

Demokratie lebt für Bühlmann von Menschen, die Verantwortung übernehmen, unterschiedliche Überzeugungen aushalten und einander zuhören. «Wenn wir verlernen, zuzuhören und zu achten und zu respektieren, zerstören wir die Demokratie.» Statt zu schnell Grenzen zu ziehen, sollten Menschen deshalb fragen, was sie von anderen lernen können. Dabei gehe es ihm nicht darum, Unterschiede zu leugnen. Vielmehr möchte er Verbindendes entdecken, ohne Fremdes sofort abzuwerten. Vom Theologen Oscar Cullmann lernte er: «Die Einheit geschieht nicht, wenn ich mich in den Vordergrund rücke. Sie geschieht, wenn ich mein Gegenüber respektiere und wertschätze.»

Kirchen müssen Verantwortung übernehmen

Gerade die Kirchen sieht Bühlmann in der Verantwortung. Sie würden sich zwar gegen Antisemitismus äussern, doch er wünscht sich mehr: eine Bewegung an der Basis, bei der Christen unterschiedlicher Konfessionen gemeinsam mit jüdischen Menschen öffentlich Haltung zeigen. «Christen, die zusammenstehen mit den Juden und sagen: Das dulden wir nicht», so beschreibt er sein Anliegen. Die Veranstaltung von «Shalom Switzerland» soll dafür ein Zeichen setzen. Bühlmann lädt dazu ein, sich mit ihrer Erklärung auseinanderzusetzen und sie zu unterschreiben.

Genauso wichtig ist für ihn die Frage, wie Christen ihren Glauben im Alltag leben. «Geht es darum, Menschen von Christus zu überzeugen? Oder geht es darum, Türen zu öffnen, dass Menschen Christus begegnen können?», fragt er. So sollten Christen weniger Energie in die Verteidigung ihres Glaubens stecken und stattdessen so leben, dass andere etwas von Jesus erfahren. Das beginne im Umgang mit Menschen, deren Lebensweise oder Überzeugungen man nicht teile.

Nicht nur reden

Wie diese Haltung praktisch aussehen kann, zeigt für Bühlmann ein Projekt, das gemeinsam mit jüdischen Partnern entstand. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine unterstützte er einen befreundeten Rabbiner in Kiew zunächst bei der Beschaffung von Geld für Generatoren – 500'000 Franken konnte er ihm überweisen. Daraus entwickelte sich die Idee, jüdische und christliche Gemeinschaften gemeinsam aufzubauen. Aus dem Start mit einem ukrainischen Ehepaar wurden zwölf sogenannte «Jewish Culture»-Gemeinden in verschiedenen Ländern. Für Bühlmann zeigt dies: «Wir wollen nicht mehr im Dialog sein. Wir wollen was zusammen machen.»

Hoffnung durch Streitkultur und gelebten Glauben

Nach seiner Hoffnung befragt, weist Bühlmann zunächst auf eine Stärke des Judentums hin: seine Streitkultur. Unterschiedliche Sichtweisen müssten nicht in Feindschaft enden. Da sei «Streit nicht im Sinne von Krieg und Töten, sondern Wortstreit», erklärt er. Darin sieht er auch für Christen eine wichtige Lektion. Seine persönliche Hoffnung ist eng mit dieser Haltung verbunden. Seit einem Schlaganfall vor drei Jahren ist Bühlmann körperlich eingeschränkt. Seine Reichweite sei kleiner geworden, sagt er, «aber die Intensität geht nicht zurück». Heute lebt er in Sigriswil am Thunersee und erlebt, dass das Evangelium gerade in seiner direkten Nachbarschaft Gestalt gewinnt – in Begegnungen mit Nachbarn und Menschen, die seine Hilfe brauchen. Er ist davon überzeugt – auch im Blick auf Themen wie Antisemitismus –, dass es wichtig sei, Hass nicht mit Hass zu beantworten, Unterschiede nicht zu verschweigen und Menschen nicht auf ihre politische oder religiöse Zugehörigkeit zu reduzieren. Sondern aufzustehen, wo Judenfeindlichkeit Raum gewinnt und zugleich Beziehungen zu bauen, die zeigen, dass ein anderes Miteinander möglich ist.

Der gesamte Livenet Talk ist hier zu sehen:

Zum Autor: Hauke Burgarth (*1964) ist gebürtiger Hamburger und lebt in Pohlheim bei Giessen. Hauke arbeitet freiberuflich als Lektor, Autor und Journalist. Daneben engagiert er sich in Teilzeit, aber mit ganzem Herzen, als Pastor der Christusgemeinde in Lich. 

Datum: 17.10.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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